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Veronika, Du bist 24 Jahre jung und Präsidentin des Vereins ‘Fridays For Future Wien’. Möchtest Du dich kurz selbst vorstellen und erzählen, wie Du dazu gekommen bist?

Dieser Verein ist nicht die Bewegung Fridays For Future, sondern unterstützend für das Spendenkonto und die Bürokratie im Hintergrund. Grundsätzlich ist die Bewegung ja viel größer als wir paar Leute, wir sind in Österreich ziemlich viele.

Beim ersten Klimastreik war ich eher zufällig dabei. Ich dachte mir, ich gehe dort einmal hin, denn Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit waren mir immer wichtig. In diesem Sommer 2018 habe ich erstmals mitbekommen, dass die Klimakrise ein größeres Problem ist. Schlimmer als man immer dachte. Dann war diese Schulstreiksache von Greta, davon hörte man ein bisschen, und im Dezember gab es das auf einmal auch in Wien. Mit meinen Biologiekolleginnen und –Freundinnen wären wir da eigentlich Brunchen gegangen. Aber eine Freundin und ich, wir haben dann gesagt: „Leute, das geht nicht. Wir können nicht gemütlich frühstücken gehen, während draußen eine Demo für Klimaschutz ist.“ Wir sind dann zu dieser Demo gegangen und es hat sich einfach richtig angefühlt, dort zu sein und dafür zu demonstrieren. Irgendwie war dort so ein Schwenk. Junge Menschen haben angefangen zu realisieren, dass deren Selbstverantwortung nicht reicht. Man braucht dafür auch die PolitikerInnen. Das war ein richtiger Mindset-Wechsel, dass wir bemerkt haben, es braucht politische Aktion. Diese erste Demonstration wurde von drei anderen Studierenden in Österreich ins Leben gerufen. Wir sind dort immer wieder hingegangen und haben die auch näher kennengelernt. Die Bewegung ist gewachsen, es kamen immer mehr Leute und irgendwann im März war ich selbst so richtig darin involviert.

Bei diesem ersten Großstreik waren wir ein paar Studenten, SchülerInnen und irgendwelche Leute einfach, die aber das erste Mal eine Großdemonstration zu organisieren hatten. Wir wussten nicht, wie das geht. Das Wissen haben wir uns im Stress angeeignet. Auf einmal waren wir dann professionelle Demo-OrganisatorInnen. Wenn ich jetzt auf diese Zeit zurückblicke, ist das ein einziger Strudel für mich. Und auf einmal waren wir die Bewegung Fridays For Future. Es war wie ein Sprung ins kalte Wasser. Keiner wusste, wie das weitergeht. Wir wussten nur, es ist verdammt wichtig. Man merkte zu dieser Zeit, wie in Australien auf einmal zehntausende Menschen auf die Straße gingen und wir merkten auch, dass es in Österreich richtig groß werden könnte. Auf einmal waren dort 30.000 Menschen auf den Straßen in Wien. Die Demo war aber nur für 5.000 angemeldet. Wir wussten nicht, was daraus wird. Im letzten Jahr ist das dann gewachsen. Wir waren beim Bundespräsidenten, wir waren bei Sebastian Kurz und bei vielen MinisterInnen. Seit einem Jahr bin ich nun Vollzeitaktivistin.

Wie ist es dazu gekommen, dass Du der Kopf von Fridays For Future Österreich geworden bist? Du hast anfangs die drei Studierenden erwähnt, und dass Du irgendwie dort hineingerutscht bist.

Erstens mache ich das nicht. Ich repräsentiere Fridays For Future Österreich nicht und ich bin auch nicht der Kopf.

Also bist Du für die Organisation zuständig? Laut eigenen Angaben bist Du außerdem für die Kommunikation auf Social Media und mit der Presse verantwortlich.

Genau. Ich bin zwar Vereinspräsidentin, aber der Verein besteht nur aus drei Menschen. Die Bewegung Fridays For Future ist allgemein basisdemokratisch organisiert. Wir haben verschiedene Arbeitskreise, in Wien zum Beispiel und auf Bundesebene. Für die Presse etwa bin ich die Koordinatorin. Das heißt aber nicht, dass ich die Pressesprecherin bin. Wir haben viele Leute, die für uns Interviews geben. Es gibt immer zwei KoordinatorInnen pro Kreis und eine davon bin ich. Wir haben einfach einen Verein gebraucht; ein Rechtsorgan für bestimmte Dinge wie für ein Konto und für Spenden. Der Verein ist aber ohne Repräsentationsfunktion.

Es ist sehr wichtig, dass wir keinen Kopf der Bewegung haben. Wir wollen zeigen, dass wir vielfältig sind. Wir sind SchülerInnen mit 14 bis hin zu Studierenden. Bei uns sind Parents For Future dabei, Teachers For Future und andere. Nach außen hin wollen wir vielfältig repräsentiert sein und wir wollen vermeiden, dass wir wie in Deutschland mit Luisa Neubauer oder wie Greta Thunberg einen Kopf der Bewegung haben. Das haben wir bei uns nicht. Wir wechseln uns auch bei Presseterminen ab. Das ist in unserem Presseleitfaden so festgelegt. Wir halten uns an gewisse Richtlinien, denn es ist enorm wichtig, dass sich die Leute bei uns wohlfühlen. Wir machen das alle freiwillig und in unserer Freizeit. Bekommen keinen Cent dafür. Darum ist es so wichtig, dass jeder seine Stimme gleichermaßen einsetzen kann, etwa bei der Gestaltung eines Artikels, bei Auftritten oder bei Gesprächen mit Politikern. Es gibt darum immer diese Arbeitsgruppen, welche für alle offen sind. In jeder Arbeitsgruppe haben wir einen gemeinsamen Konsens hinsichtlich der Tätigkeiten. Es gibt Leute, die sich um die E-Mails kümmern, diese beantworten, und manchmal gibt es auch persönliche Anfragen. Das alles wird eingetragen und jeder kann für sich schauen, ob er denn einen Auftritt übernehmen möchte. Das alles ist sehr partizipatorisch und non-hierarchisch. Uns ist das sehr wichtig.

Wobei es aber schwierig ist mit Leuten, die von Anfang an dabei sind. Die haben mehr Wissen und die Erfahrung, weil sie mal beim Bundespräsidenten waren, oder weil sie schon mit der OMV gesprochen haben. Wir sind bedacht, dass wir das Wissen weitergeben, damit es nicht bei einigen Personen gesammelt bleibt.

Momentan darf nur mit Mund-Nasen-Schutz und Sicherheitsabstand gestreikt werden. Die Streikzahlen sind rückläufig. Wie verschafft man sich dennoch Gehör?

Mit Corona war es ziemlich schwierig für uns. Einerseits ist es natürlich für alle Menschen in Österreich schwierig, mit Corona umzugehen. Dann haben wir als Klimastreikbewegung aber auch unsere Anliegen. Corona ist bedrohlich und herausfordernd für die ganze Gesellschaft, gleichzeitig aber wollen wir unser Anliegen voranbringen. Wir wissen, dass die Klimakrise auf kurz oder lang ein riesen Ausmaß annehmen wird. Das kann man sich gar nicht vorstellen.

Wegen Corona haben wir natürlich überlegt, wie wir uns trotzdem in den Diskurs einbringen können. Anfangs haben wir voll akzeptiert, dass wir gerade nicht streiken können, haben alle Streiks abgesagt. Trotzdem wollten wir aber zeigen, dass wir immer die Menschen schützen wollen. Deshalb haben wir Nachbarschafts-Challenges veranstaltet, sind für die Nachbarn einkaufen gegangen. Haben auf Kinder aufgepasst und uns einfach eingebracht. Auch haben wir sehr viel Arbeit auf Social Media gemacht. Wir wollten im Internet präsent sein, etwa mit den Netzstreiks fürs Klima. Anfangs haben dort viele mitgemacht. Am 24. April wäre eigentlich der nächste weltweite Klimastreik gewesen. Für uns war es sehr schwierig zu wissen, ob wir für diesen planen sollten. Zu dieser Zeit gingen manche Prognosen davon aus, dass dann die Krankenhäuser in Österreich überlastet sein könnten. Das geht einfach nicht, dass wir da dann streiken. Wir haben zwar ziemlich lange abgewartet, drei Wochen vorher haben wir dann aber gesagt: „Nein, wir machen es online und dafür mit Livestream.“ Wir haben es dann ziemlich kurzfristig auf die Beine gestellt, dass der Livestream läuft, dass alle in Österreich Schilder raushängen, Fotos davon machen und ins Internet posten. Das verschafft doch eine gewisse Öffentlichkeit, viele Leute haben mitgemacht, einige Tausende. Auf 6.000 haben wir im Livestream Zugriff gehabt. Aber es ist natürlich komplett anderer Aktivismus. Aktivismus im Netz kann nie ersetzen, dass du die Straßen flutest.

Seit sich Corona etwas beruhigt hat, haben wir nun das Protestcamp am Ballhausplatz. Dort haben wir bereits eine Woche lang 168 Stunden im Schichtbetrieb gestreikt. Mit Mindestabstand und Mund-Nasen-Schutz. Es war echt gut, dass die Bewegung wieder einmal zusammenkommt. Physisch und nicht nur über Zoom. Auch wenn es nur ein erster Versuch war, es war für uns eine Art Comeback. Wir stehen wieder auf der Straße. Direkt dort, wo die Entscheidungen getroffen werden. Wir haben Werner Kogler vorbeigehen gesehen. Haben gesehen, wie die Fenster zugemacht wurden. Ich glaube, dass wir in der nächsten Zeit wieder mehr auf der Straße machen werden. Natürlich hängt das aber von den weiteren Sicherheitsmaßnahmen und deren Entwicklung ab.

Außerdem hat Fridays For Future Deutschland am 24.04. ein Schildermeer gemacht, in Berlin. Dieses riesengroße Schildermeer vor dem Reichstagsgebäude. Es geht auch einfach darum, in solchen Ausnahmesituationen kreativ in der politischen Beteiligung zu sein. Ich bin gespannt, was uns sonst noch so einfallen wird.

Du hast vorhin den Streik am Ballhausplatz erwähnt. Man hat das Gefühl, dass die Politiker einen eher ignorieren. Glaubst Du, dass wir zwei Krisen auf einmal bewältigen können, oder hat der Klimaschutz das Nachsehen im Kampf gegen die Corona-Pandemie?

Corona war kurzfristig und ist für alle plötzlich aus dem Nichts gekommen. Aber das stimmt überhaupt nicht. Davor wurde genauso jahrzehntelang gewarnt. Die Wissenschaft hat genauso gesagt, wir sind darauf nicht vorbereitet. Man kann dort echt einige Parallelen ziehen. Natürlich müssen wir beide Krisen bewältigen, auch die Rassismuskrise. Wir müssen uns so vielen Dingen annehmen. Krisenmanagement muss auf verschiedenen Ebenen betrieben werden. Es gibt kein Argument dafür zu sagen, dass es jetzt erstmal die eine Krise gibt und dann erst die nächste. Das wäre komplett irreführend. Hier ist die Politik gefragt. Klima und Ökologisches zu lösen während einer Pandemie, macht das Ganze natürlich nicht leichter. Es ist wirklich herausfordernd, aber es gibt Lösungen, mit denen man beide Krisen bewältigen kann. Türkis-Grün und alle anderen politischen Institutionen sind hier gefragt, auszuarbeiten, wie wir das lösen können.

Denkst Du, dass Fridays For Future nach der Krise wieder ernster genommen wird?

Ich glaube, durch diesen gesellschaftlichen Schock ist um einiges mehr Bewusstsein da. Man sieht, unsere Systeme sind überhaupt nicht resistent. Sie sind wie ein Kartenhaus. Wenn du ein wenig mehr daran wackelst, fällt alles in sich zusammen. Es hat mich total schockiert, dass, wenn du einen Monat lang nicht wirtschaften kannst, innerhalb der ersten Woche gleich hunderttausend Leute gefeuert werden. Unser Wirtschafts- und Arbeitssystem ist überhaupt nicht nachhaltig. Ich glaube aber, dass die Gesellschaft schon gemerkt hat, dass man sich in Zukunft viel nachhaltiger und resistenter auf Gefahren vorbereiten muss. Es bleibt im Gedächtnis hängen, was so ein Virus mit unserer Lebensrealität anstellt. Ich hoffe schon darauf, dass viele Leute begreifen, dass nicht alles selbstverständlich ist. Etwa die Freiheit rauszugehen, mein Leben zu leben, meinen Job zu verfolgen und die Natur zu genießen. Das muss durch vorausschauende Maßnahmen geschützt werden. Wir lernen, dass wir auf die Wissenschaft hören müssen. In dieser Phase haben die VirologInnen einfach sehr viel Reputation dazubekommen. Es war klar, jetzt muss jeder mitmachen und sich an die Wissenschaft halten, damit es uns allen als Gesellschaft bessergeht.

Natürlich gibt es aber auch die Gegenströmungen. In unserer schizophrenen Welt ist es so, dass du einerseits die hast, die gestärkt da herauskommen und andererseits hast du wieder irgendwelche Theorien, die im Internet kursieren. Ich glaube, wir können aus Corona sehr viel mitnehmen. Aber wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass es besser wird, nur, weil wir das überlebt haben.

2008 bei der Finanzkrise haben auch viele gedacht, dass Finanzsystem wird jetzt verbessert. Aber genau das Gegenteil ist passiert. Wir haben bemerkt, wir können uns nicht in der Zivilgesellschaft ausruhen. Man muss sich einfach aktiv beteiligen, damit es in die richtige Richtung geht.

Engagierst Du dich auch abseits von Fridays For Future?

Das ist eine süße Frage. Ich habe mich vor Fridays For Future engagiert, ich studiere nämlich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Damals in der Flüchtlingskrise 2015 habe ich auch Deutschunterricht gegeben. Also gratis und freiwillig. Jetzt aber nicht mehr. Fridays For Future ist einfach sehr präsent in meinem Leben. Daneben arbeite ich noch zehn Stunden an einer Volkshochschule und versuche, Arbeit und Aktivismus unter einen Hut zu bringen. Mir ist es extrem wichtig, dass in der Klimabewegung etwas weitergeht. Es ist ja nicht nur Fridays For Future, wir sind mit so vielen anderen NGOs vernetzt. Mir ist wichtig, dass sich viel mehr Leute daran beteiligen können, deshalb stecke ich auch viel Zeit hinein. Studium und Job sind momentan eher nachgereiht. Ich versuche gerade meine Masterarbeit zu schreiben. Aber das ist immer eine Interessensabwägung. Was ich persönlich wichtiger finde, ist nicht unbedingt eine Tätigkeit, mit der ich meine Miete bezahlen kann. Aber man muss irgendwie jonglieren und es geht sich schon aus. Also nein, neben Fridays For Future engagiere ich mich nicht.

Auch in keiner politischen Organisation?

Nein, auch das nicht.

Wäre das ein Ziel für die Zukunft?

Es ist echt eine gute Frage, was ich zukünftig machen werde. Ich habe im Rahmen meiner Masterarbeit eine Lehrveranstaltung für Bachelor-Studenten in Biologie konzipiert. Die haben wir auch schon zweimal durchgeführt. Nächstes Semester werden wir das wieder als Masterstudentinnen machen.

Wir haben ‚Den Klimawandel unterrichten und Professionsverantwortung in der Klimakrise‘ in einem Seminar gemacht. Mir ist es ein großes Anliegen, dass in der Lehramtsausbildung in diesem Bereich viel mehr gemacht wird. Lehrkräfte sind die Multiplikatoren schlechthin, und Schulen können Zentren für gesellschaftliche Transformation sein. Es ist mir enorm wichtig, da in Richtung Klimabildung zu gehen. Vielleicht auch an der Lehre in der Uni. Ich glaube, in Salzburg macht die Universität auch bei ‚Make a Change‘ mit?

Genau, es gibt hier mittlerweile Vorlesung in Bezug auf Klimaschutz und Klimawandel.

Mich würde es dann auch interessieren, in diese Richtung zu gehen, und an der Uni eine Ausbildung zu machen, und nicht sofort nach der Lehre an der Schule zu unterrichten. Vorher wäre es mir schon noch wichtig, eher auf der Uni etwas zu machen. Wie es politisch ausschaut, kann ich noch nicht entscheiden. Jetzt bin ich mir einfach sicher, dass ich im Aktivismus bleibe.

Es ist viel wichtiger, dass man parteiübergreifend arbeitet, weil man dieses Thema nicht in einer Partei lassen kann. Türkis und Rot, alle müssen sich damit befassen. Es kann nicht sein, dass das Thema auf die Grünen abgeschoben wird. Alle Parteien müssen sich darum kümmern. Es ist die Herausforderung schlechthin für die aktuelle und die kommende Legislaturperiode. Dieses Bewusstsein kannst du nur von außen in die Parteien hineintragen. Aber es ist nicht unbedingt am effizientesten innerhalb einer Partei umsetzbar. Da müssen sich noch mehrere Dinge ändern und deshalb ist mein Platz momentan eher in einer Bewegung als in einer Partei. Keine Ahnung, wie es in der Zukunft weitergeht. Ich hätte mir aber auch nicht vor zwei Jahren gedacht, dass ich mich in dieser Bewegung finde.

Ab welchem Alter macht es denn Sinn, Kinder im Unterricht mit dem Klimathema zu konfrontieren?

Ich finde das sehr spannend, diese Frage stelle ich mir auch. Ich habe jetzt mit Kindern, die sieben, acht oder neun Jahre alt sind, Ferienbetreuung zu diesem Thema gemacht. Kinder verstehen so viel mehr als Erwachsene, das ist ein Wahnsinn. Letztens habe ich eine Fünfjährige gehabt, die zu ihrer vierjährigen Schwester gesagt hat: „Du bist so dumm, du isst Tiere.“ Da ist so viel Verständnis und Bindung zur Natur vorhanden. Deshalb finde ich, Kinder muss man da mitnehmen und ihnen von Anfang an erklären, was falsch läuft, damit sie das verstehen können. Natürlich musst du aufpassen, dass du Kinder nicht überforderst. Aber das musst du auch bei Erwachsenen machen. Du darfst Leute mit dem Thema nicht überfordern, gleichzeitig musst du aber die Dringlichkeit vermitteln. Alles andere wäre Leugnung der Verhältnisse.

Bei Klimakommunikation ist es verdammt wichtig, dass du zusätzlich auch sagst: „Hey, es steht gerade wirklich schlecht um den Planeten. Wir müssen alle etwas dafür tun.“ Du musst immer diese Handlungskomponente dazu erzählen. Dann wirst du verzweifelt, wenn du nicht erfährst, was man machen kann. Dann steckst du den Kopf in den Sand.

Wenn du Kindern von Anfang an erzählst, wie wichtig es ist, dass wir etwas machen, dann kann dort so eine Kraft entstehen. Die wollen sich dann auch voll einsetzen. Deshalb ist es wichtig, dass du von Anfang an mit Kindern offen mit diesem Thema umgehst. Denn was ist die Alternative? Dass du Kindern bis zehn oder 14 oder 18 nichts davon erzählst und dann machen sie den großen Schockmoment durch? Dann sind sie ja erst recht überfordert. Das ist auch bei mir so ein großes Thema gewesen. Jahrelang habe ich keine Information darüber bekommen. Wenn du im Nachhinein das alles selbst mitbekommst und dann merkst, dass es dir keiner gesagt hat, dass du es nie in der Schule erfahren hast, diesen Schock möchte ich keinem Kind antun. Echt nicht. Das sind Erfahrungen, die ich in der Bewegung immer wieder bemerke. Hier sitzen 14-Jährige, die sich jetzt fragen, wieso ihnen das niemand gesagt hat. Es ist verdammt schwierig, hier die Balance zu finden. Aber es ist so viel wichtiger zu versuchen, sie zu finden, anstatt das Thema auf einen späteren Moment zu verschieben. Man tut Kindern nichts Gutes damit, wenn man das verschweigt.

Bei uns sind Leute ab 14 in der Bewegung und die gehen echt stark damit um. Sie gehen aus sich heraus und übernehmen Dinge, die sie noch nie zuvor gemacht haben. Das macht mir Hoffnung. Daraus kann Großes werden.

Du meintest, dass Du jahrelang keine Info bekommen hast. Man erfährt in der Schule wenig über die Tragweite der Klimakrise. In einem Artikel für die Universität Wien kritisierst Du deshalb auch den Inhalt von Schulbüchern. Wie sollen diese deiner Meinung nach angepasst werden, um die Realität besser widerzuspiegeln?

Ich glaube, in der Schule war das Problem für mich, dass wir die Dinge auswendig gelernt haben, beim Test hingeschrieben und das war es dann. Man könnte hier viel mehr mit der Realität draußen vor der Schule, also projektorientiert, arbeiten. Um die Handlungskompetenz zu verstärken, und um den Leuten zu vermitteln: „Was man in der Schule lernt, braucht man draußen wirklich.“ Wenn zum Beispiel regionale Wirtschaftskreisläufe das Thema sind, dann kann sich die Schule an einem Projekt in dem Ort beteiligen. So kann wirklich etwas erreicht werden, das nicht nur Reproduktion ist.

Ich glaube, Schulbücher sind veraltet. Dort stehen Dinge, die einfach nicht mehr aktuell sind. Jugendliche erfahren teilweise über Social Media viel mehr Bildung als durch Schulbücher. Darin stehen viele Dinge, die interessieren niemanden und die braucht keiner mehr. Ein eigenes Kapitel zur österreichischen Landwirtschaft in dem Ort wäre so viel spannender. Ich glaube, man bräuchte viel mehr Projektarbeit in der Schule. Viel mehr draußen mit den Institutionen und politischen AkteurInnen. Man muss den Schülern und Schülerinnen viel öfter die Möglichkeit geben, dass sie Themen auswählen, die sie selbst interessieren und bei denen sie selbst etwas machen. Nicht nur die Dinge von außen ansehen und es bei dem belassen. Man muss sich tiefer mit den Inhalten auseinandersetzen. Ich weiß nicht genau, ob man das mit Schulbüchern überhaupt hinbekommt. Ich weiß nicht, ob man den Schulbuch-zentrierten Unterricht überhaupt braucht.

Vielleicht mehr Engagement von den Lehrpersonen selbst?

Genau. Das ist einfach echt eine schwierige Frage. Erstens braucht es viel aktuellere Schulbücher und zweitens bräuchte man weniger. Umgekehrt müsste man dann viel mehr „hands-on“-Unterricht[1] machen.

Beispielsweise widmet sich ein Projekt der Frage: Wie können die CO2-Emissionen an unserer Schule verringert werden? Natürlich lerne ich dann auch theoretisch, wie CO2-Emissionen entstehen und wie man diese senken kann. Aber man hat dann auch diesen Transfer von theoretischem Wissen auf Handlung. Das haben wir in der Schule nie gehabt. Also ich weiß nicht, wie es euch damit geht?

Konkret auf die Klimakrise bezogen, habe ich in keinem Buch erfahren, was Kippelemente sind. Ich kann mich nicht erinnern erfahren zu haben, was ein 1,5-Grad-Ziel ist oder wie Klimapolitik überhaupt funktioniert. Und ich war in einem wirklichen guten Gymnasium in Oberösterreich. Wir haben das nicht erklärt bekommen. Geographie-Unterricht bestand daraus, das Buch durchzulesen. Das ist nicht Klimaunterricht 2020, das kann einfach nicht mehr mithalten.

Bei unserer Lehrveranstaltung an der Uni versuchen wir, sehr nahe an der Lebensrealität der SchülerInnen anzuknüpfen. Wir sagen ihnen, sie sollen sich ihre Kleidung anschauen. Sie sollen schauen, woher diese kommt. Dann sollen sie auf einer Weltkarte schauen, wie weit die Kleidung reist. Wenn du dann fragst, warum es jeder kauft, bekommst du als Antwort, dass es eben das Billigste sei. Weil es am einfachsten verfügbar ist. Es ist voll wichtig im Unterricht zu vermitteln: „Okay, so sind die Dinge jetzt. Aber wie kann man es ändern?“ Es kann nicht sein, dass SchülerInnen mit einem schlechten Gewissen entlassen werden, weil sie den Schmarrn kaufen und irgendwie daran schuld sind. Besser wäre es etwa, mit den SchülerInnen die menschenunwürdigen Arbeitsverhältnisse zu diskutieren, denn eigentlich gehört sowas verboten. Dann hast du sofort den Alltagsbezug und du hast die Lösung kommuniziert. Du vermittelst den Leuten: „Es ist verdammt wichtig, sich jetzt an der Gesellschaft und an der Politik zu beteiligen und nicht nur als Konsumentin oder als Konsument.“ Das kann man an der Schule sicher schon umsetzen.

An unserer Schule[2] hat es das zwar in der Unterstufe gegeben aber ich habe nicht den Eindruck gehabt, dass sich bei den Themen viel bewegt hat. Die Lehrer haben es versucht, waren auch ziemlich aktuell und das vor zehn Jahren, aber geklappt hat es auch nicht überall. Ich glaube, wenn das Bewusstsein nicht immer wieder erneuert wird, vergessen es die Schüler wieder.

Ja. Da sprichst du etwas an: Dieses Bewusstsein muss immer wachsen. Das hat man auch bei Corona bemerkt. Es hat die Informationskampagne gegeben und du hast sofort gewusst, worum es geht. Du hast überall Informationen bekommen und es war sehr präsent. Werbeplakate, Fernsehauftritte – das Bewusstsein ist auf Krisenmodus gewachsen.

Das bräuchten wir auch bei der Klimakrise. Wir haben überhaupt keine Information darüber. Letzte Woche hat die kleine Zeitung eine Umfrage veröffentlicht, wo sich die Österreicherinnen und Österreicher einfach wünschen, mehr Information zur Klimakrise zu bekommen. 56% haben gesagt, sie fühlen sich nicht ausreichend informiert und würden gerne mehr wissen.[3] Ich finde es auch spannend, dass dabei herausgekommen ist, dass der Klimawandel trotz Corona und Flüchtlingskrise immer noch als das bedrohlichste Thema angesehen wird und am liebsten per Knopfdruck gelöst werden würde. Das finde ich sehr spannend.

Gehen wir zur nächsten Frage. Als junge Frau hat man es in der Politik oft nicht so einfach. Fühlst Du dich persönlich von den politischen Entscheidungsträgern ernstgenommen?

Die Klimakrise an sich ist ja auch eine Geschlechterkrise. Etwas stereotypenmäßig sind jetzt alte, weiße Männer in Anzügen in irgendwelchen fossilen Konzernen und beschließen Dinge, und auf der anderen Seite stehen junge Frauen in der Klimabewegung, die dagegen aufbegehren. Ich würde es aber nicht ganz so schwarz-weiß sehen, denke ich.

Die Ursprungsfrage war, ob ich mich ausreichend gehört fühle? Natürlich nicht. Ich würde das aber nicht unbedingt auf mein Geschlecht reduzieren, aber es ist ein Problem. Wenn man sieht, wer gerade die Entscheidungen im Krisenstab trifft, natürlich sind das Männer. In der Politik gibt es einfach immer noch keine Gendergerechtigkeit. Ich glaube, dass sich viel mehr junge Frauen einmischen sollten und sich nicht einschüchtern lassen sollen. Wir haben diese Bilder von Politik und das sind einfach Männer.

Ich weiß noch ganz genau, wie ich zum ersten Mal diese finnische Regierung gesehen habe. Dieses Bild von der neuen finnischen Premierministerin und ihren Ministerinnen hat mich völlig geflasht: „Wow, Frauen machen Politik, junge Frauen machen Politik.“ Im Jahr 2020 kann es nicht mehr sein, dass das die Ausnahme ist. Das muss der Regelfall werden. Ich finde es schon stark, wenn sich hier mehr tut. Aber man sieht das auch, etwa in Neuseeland.

Andererseits muss man sich aber bewusst sein, dass sich die Frauenministerin in Österreich nicht als Feministin bezeichnet. Hier haben wir Missstände aufzuarbeiten, die echt komplett tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Darüber sollten wir viel öfter sprechen.

Ich glaube, meine Anliegen werden schon gehört, aber sie werden dann sehr konsequent ignoriert. Das sehen wir auch jetzt, wenn wir am Ballhausplatz streiken. Natürlich kommt die Klimaministerin, und auch die Justizministerin. Aber der Kanzler kommt nicht, der Vizekanzler kommt nicht und der Finanzminister kommt nicht. Dass wir nicht mehr so weitermachen können wie bisher, ist hier einfach nicht angekommen.

Ich will das nicht immer so auf Mann und Frau reduzieren, weil wir in unserer Bewegung tolle, engagierte Burschen haben. Darum tue ich mir schwer, das so zu beschreiben. Aber natürlich, unterm Strich, werden Frauen mehr von der Klimakrise betroffen sein und Männer sind überdurchschnittlich dafür verantwortlich. Das ist einfach so, das ist Fakt. Daraus muss man Schlüsse ziehen.

Natürlich kann man dem entgegenwirken, wenn sich mehr junge Frauen in die Politik einmischen. Es wäre megaschade, wenn dieses ganze Potential daran scheitert, dass man sagt, Politik sei männlich. Das darf nicht mehr sein. Ich glaube, wir sind hier eine Bewegung, die zeigt, bei uns können sich alle engagieren, die etwas bewegen wollen. Dieser Spirit geht weiter, wir brauchen mehr von diesen engagierten Leuten.

Was kann man deiner Meinung nach tun, damit es wieder ernster genommen wird? Damit es nicht nur auf Geschlechter reduziert wird?

Ich glaube, wir machen das schon, dass wir generell präsent sind. Junge Leute mischen sich ein, erheben ihre Stimme und sind laut. Das haben wir 2019 schon mega gezeigt. SchülerInnen bekommen dadurch mit, sie müssen nicht warten, bis sie 16 sind, um einmal im Jahr ein Kreuz zu machen. Sie können sich auch anders politisch engagieren.

Bei uns waren Leute, die sind zum ersten Mal in ihrem Leben auf eine Demo gegangen. Im Zuge von Fridays For Future wurden die politisiert. Auf einmal interessieren sich die dafür, was in einem Bundeskanzleramt passiert, was ein Finanzministerium macht. In meiner Schulzeit waren das weiße Gebäude, die irgendwo in Wien gestanden sind, und in denen irgendetwas passiert ist. Aber das hatte für mich nichts mit mir zu tun. Hier hat es Fridays For Future gemeinsam mit vielen anderen Jugendorganisationen in Österreich echt gut geschafft, etwa der Bundesjugendvertretung, Amnesty oder Greenpeace. Gerade durch das Weltweite der Bewegung ist es gelungen, diesen „Gap“ zu schließen. Die Brücke zwischen SchülerIn zu sein und sein Leben zu leben, und sich auch einmal einzumischen, das war dieser Streik. Was kann ich machen? Ich kann auf die Straße gehen.

Was kann man machen, damit sich das noch weiter ändert? Wir können in Zukunft noch lauter und noch größer sein. Ich habe mich aber von dem Gedanken verabschiedet, dass das schnell erledigt ist. Wir brauchen voll den langen Atem und viel Wille, Durchhaltevermögen und Zusammenhalt, damit wir das weitertragen können.

Man hört oft, dass viele Schüler und Schülerinnen nur streiken, um Schule zu schwänzen. Wie geht ihr mit solchen Anschuldigungen um?

Wir haben das oft gehört, aber im letzten Jahr war das eigentlich medial nicht mehr interessant. Das ist nicht mehr gekommen. Am Anfang war schon eine Debatte darüber. Aber natürlich war das auch das erste Mal und die Medien haben sich eben darüber ausgelassen. Dürfen SchülerInnen das jetzt, oder nicht? Es gibt ja die Schulpflicht. Andererseits gibt es aber auch die Gegendebatte, denn man hat die Pflicht sich gesellschaftlich einzubringen und es gibt die Versammlungsfreiheit.

Jetzt ist es eigentlich überhaupt nicht mehr in der Debatte, außer eben von der FPÖ oder von rechten Kreisen. ‚Fridays For Hubraum‘ oder ‚Hubraum For Future‘ heißen die. Das sind diese Bubbles im Internet, die sich darüber auslassen, dass Kinder lieber in die Schule gehen sollten. Aber wir beschäftigen uns mit diesen Anschuldigungen eigentlich nicht mehr, weil sie nicht mehr im Mainstream-Diskurs vorhanden sind. Das war sicher eine große Errungenschaft im letzten Jahr, dass es keinen Zweifel daran gibt, dass diese Klimademos wichtig sind und erlaubt sein sollten.

Die damalige Bildungsministerin hat sogar den großen Earth-Strike vor der Nationalratswahl im September als Schulveranstaltung deklariert. Ich glaube, in Österreich haben wir diesen Diskurs im Vergleich zu anderen Ländern weniger gehabt. Das war nur am Anfang.

Zur Frage möchte ich schon noch sagen, dass es auch viele SchülerInnen gibt, die zu uns kommen, und denen diese Sache kein Anliegen ist. Natürlich gehen die dann mit. Aber wenn die dort sind und das mitbekommen; wenn sie merken, wie eine Großdemonstration ist, ist das so viel mehr Wert, als von vorne herein nicht hinzugehen. Das erinnert mich ein bisschen an die Anschuldigung, man dürfe nur zu Fridays For Future gehen, wenn man selbst das perfekte klimaneutrale Leben führt. Aber das ist eine komplett falsche Herangehensweise. Jeder kann dort hingehen und schauen, wie das ist. Jeder wird auf jeden Fall mit mehr Ahnung zurückkehren. Leute waren dort das erste Mal dort und haben das erste Mal gesehen wie es ist, wenn ich auf der Straße für ein Anliegen stehe. Das ist eine unglaublich wichtige Erfahrung. Ich bin mir sicher, dass sich viele aus dem heraus mehr dafür interessieren.

Du hast gesagt, dass Du durch die Fridays For Future Demonstration politisiert wurdest, das war vor zwei Jahren. Wo würdest Du dich in fünf Jahren sehen?

Wenn ich utopisch denken darf, dann würde ich mich nicht mehr auf der Straße sehen. Eigentlich sollte es Fridays For Future ja gar nicht geben. Die Politik sollte ihren Job machen und sich an das unterschriebene Pariser Klimaabkommen halten.

In fünf Jahren würde ich mich dort sehen, dass ich im Rahmen von Klimakommunikation an der Uni noch viel mehr meiner Expertise teilen kann. Denn ich finde es so schwierig, dass wir so viel Wissen darüber haben, das aber nicht richtig kommunizieren können. Die Wissenschaft hat das in den letzten Jahren falsch gemacht. Das waren immer bloß irgendwelche Grafiken oder Eisbären am Nordpol, die uns aber nicht betroffen gemacht haben. Mir wäre es voll das Anliegen, in diese Richtung etwas zu machen. Ob das jetzt auf der Uni, in der Lehre oder vielleicht im Klassenzimmer ist, weiß ich nicht. Aber es wäre mir wichtig, wenn ich mehr dazu beitragen könnte. Denn bei Fridays For Future haben wir viel Erfahrung gemacht, wie das funktionieren könnte.

In fünf Jahren, das wäre 2025, würde ich gerne ein bisschen beruhigter sein können, dass die Entscheidungsträger ihren Job machen. Ich würde mich auf keinen Fall zurücklehnen wollen, aber ich würde gerne ein bisschen beruhigter sein, dass die Dinge am richtigen Weg sind. Denn jetzt sind sie das immer noch nicht, obwohl wir schon eineinhalb Jahre demonstrieren. Emissionen steigen immer noch und es gibt keine Maßnahmen, obwohl es jetzt im Regierungsprogramm steht. Ich würde mir wünschen, dass am Ende der Legislaturperiode in Österreich zumindest bei uns Maßnahmen in die Wege geleitet worden sind.

Aber natürlich kann es auch weniger utopisch sein. Es kann sein, dass ich mich dann in einer anderen politischen Position engagiere. Ich werde mich sicher nicht mehr davon distanzieren. Mir ist das so wichtig. Jeder, der begriffen hat, worum es wirklich geht, kann sich vom Thema nicht mehr entfernen; egal ob als AktivistIn, in einer Partei, in einer Bürgerinitiative oder in der Gesellschaft. Ich werde mich sicher in so einer Position engagieren.

Eine andere Frage noch: Wer hat dich im Laufe der Zeit am meisten inspiriert?

Ich glaube, mein Freund, den habe ich auch dort kennengelernt. Es ist einfach sauwichtig, dass man sich innerhalb seiner Bewegung gegenseitig stärkt. Dort sind so viele coole Leute. Man kann hier so viel für seine eigene Persönlichkeit mitnehmen. Es gibt so viel Offenheit. Wir reden über alles. Wie gut, aber auch wie schlecht es uns geht. Wir haben echt ein cooles Klima innerhalb unserer Bewegung.

Wenn man zurückblickt, dann etwa Katharina Rogenhofer vom Klimavolksbegehren. Sie hat das in Österreich angefangen. Das sind Personen, die nicht mehr lockerlassen, komplett dahinterstehen und auch ehrlich damit umgehen. Das ist faszinierend. Ich glaube, es geht schon vielen jungen Leute gerade in der Pubertät oder in den Übergangsphasen von Schule auf Studium oder von Bachelor auf Master so, dass sie das machen möchten, was sie machen möchten, aber sie wissen es nicht so genau. Ich habe in der Bewegung einfach Leute kennengelernt, die das ganz genau wissen und wirklich dahinterstehen. Das war wirklich inspirierend.

Auch so viel Mut ist dabei. Dass man sich zum Bundespräsidenten hinsetzt, dass man sich überlegt, was fragt man den Sebastian Kurz, was fragt man den OMV-Nachhaltigkeitschef. Diesen Biss, den alle haben. Bevor man seine Ziele nicht erreicht, geht man nicht raus. Denn wir haben begriffen, dass es uns, unsere Zukunft und unser Land betrifft. In Österreich haben wir, glaube ich, aber echt gute Chance, dass wir etwas weiterbringen.

Also denkst Du, dass Gruppendynamik besser ist, als dass man sich auf eine Person fixiert und dieser nacheifert, wie etwa Luisa Neubauer in Deutschland?

Ja. Wenn du zu einer Fridays For Future Demo gehst und dich engagieren möchtest, dann wirst du sofort in eine Whatsappgruppe geschmissen. Dir wird sofort erklärt, was es zu tun gibt, und ob du gleich morgen mithelfen willst.

Bei mir war es auch so, gerade am Anfang. Irgendjemand hat mitbekommen, dass wir Lehramt studieren und uns gleich gefragt, ob wir ausarbeiten können, wie es schulrechtlich mit dem Streiken ist. Ich habe mich daraufhin vor den Laptop gesetzt und geschaut, was das Schulrecht eigentlich ist, denn das sollte ich eh wissen. Diese Ausarbeitung, die man heute noch auf unserer Homepage findet, habe ich dann einfach geschrieben. Das habe ich gemacht, weil mir jemand Verantwortung übertragen hat. Es ist so wichtig, dass man jemandem etwas zutraut und es die Leute auch machen lässt. Wenn es schiefgeht, dann geht es eben schief. Aber wir wissen es alle nicht besser. Vielleicht ist es aber auch supercool, was dabei rauskommt. Und wenn es das ist, oder nur cool oder okay, dann freut man sich gleich und sieht, dass man etwas geschafft hat.

Wir machen so oft Dinge an der Uni, die einfach sinnlos sind. Ich muss Hausübungen machen, die bringen nichts. Natürlich motiviert mich das nicht. Aber wenn ich in einer Bewegung bin und etwa Schilder bastle und die sind auf dem Demowagen montiert, dann habe ich das gemacht. Ich habe dazu beigetragen, dass etwas Großes dabei herauskommt. Ich glaube, das ist ein gutes Schlusswort: Wenn wir diese Krise irgendwie bewältigen wollen, dann müssen wir aufhören, eine Gesellschaft zu sein, die aus Individuen besteht. Stattdessen müssen wir uns gemeinsam in Gruppen organisieren.


[1] Handlungsorientierter Unterricht

[2] An der Schule von Pauline Scheuringer

[3]https://www.kleinezeitung.at/oesterreich/5810372/Umfrage_Klimawandel-bereitet-Oesterreichern-mehr-Sorgen-als

Henry Kissinger: Sinnbild der Realpolitik – Geliebt, Gehasst, Umstritten

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