0

Wie Musiker*innen die Pandemie (üb-)erleben

Hunderte, ja tausende Künstler*innen Österreichs sahen sich binnen weniger Tage damit konfrontiert, dass all ihre Auftritte der nächsten Monate abgesagt worden waren oder noch abgesagt werden würden. Nicht nur emotional betrachtet ein Schock – vor allem auch existentiell. Diejenigen, die ausschließlich freischaffend tätig sind oder waren, wussten von einem Tag auf den anderen nicht mehr, wie sie von nun an Miete und andere Fixkosten decken sollten. Gelassen auf ausreichend Ersparnisse blicken? Das konnten lange nicht alle von ihnen, schon gar nicht die Studierenden, die ihren Lebensunterhalt bis jetzt ausschließlich durch Auftritte verdient hatten.
Da ich neben meiner Tätigkeit als Konzertgitarristin auch eine Stelle als Tutorin an der Universität Mozarteum und als Gitarrenlehrerin an einer Schule habe, konnte ich nach wie vor Einkommen beziehen. Das Ausmaß meiner regelmäßigen Einkünfte ohne Konzerte war aber zu gering, um allein davon leben zu können und leider wurde mir aufgrund der Tatsache, dass ich nach wie vor Arbeit hatte, keine finanzielle Unterstützung aus den für Künstler*innen eingerichteten Töpfen zugesprochen. Aufgrund diverser Ersparnisse musste ich mir aber zu keinem Zeitpunkt der Pandemie ernsthaft Gedanken um mein finanzielles Überleben machen. Ich hatte Glück.

Viele hatten das Problem, dass Werkverträge oder Honorarnoten zumeist erst kurz vor den Auftritten oder am Tag selbst ausgestellt und unterzeichnet werden.

Anders ging es da einigen Kolleg*innen. Viele hatten das Problem, dass Werkverträge oder Honorarnoten zumeist erst kurz vor den Auftritten oder am Tag selbst ausgestellt und unterzeichnet werden – davor existieren in vielen Fällen lediglich mündliche Übereinkünfte. Dasselbe gilt auch für Privatunterricht. Wie also nachweisen, wie viel Geld einem tatsächlich entgangen war oder noch entgehen würde? Genau daran scheiterten viele Künstler*innen und konnten deswegen nicht von Corona-Hilfs-Fonds profitieren.

Bis von Regierungsseite ein Paket zur Unterstützung des Kunst- und Kulturbereiches vorgestellt wurde, dauerte es relativ lange – zu lange, meiner Meinung nach. Obwohl Österreich sich auf internationaler Ebene immer wieder als „Musikland“ darstellt und auch von diesem Image profitiert (man denke beispielsweise an die Sommerfestspiele und den dadurch entstandenen Tourismus), existiert zurzeit nicht einmal ein eigenes Ministerium für Kunst und Kultur. So etwas wie eine Arbeiterkammer, die für die Rechte von Künstler*innen kämpfen könnte, gibt es auch nicht. Nicht die besten Voraussetzungen dafür, Unterstützung zu erhalten.

Als dann finanzielle Hilfe bereitgestellt wurde, war es nicht allen möglich, von dieser zu profitieren. Leider wurde gerade kleinen Veranstalter*innen und Einzelpersonen nicht ausreichend unter die Arme gegriffen – dabei lebt Österreichs Kunst- und Kulturszene nicht nur von großen Events und Festivals. Auf den Bühnen der bekanntesten Veranstaltungen treten nicht unbedingt Künstler*innen aus Österreich auf: Bei den zuvor bereits erwähnten Sommerfestspielen etwa sind zumeist Musiker*innen der internationalen Weltspitze zu hören. Wenn es nun aber darum gehen soll, der österreichischen Kunst- und Kulturbranche zu helfen, sollte auch anderen Veranstaltungsformaten finanzielle Unterstützung zu Teil werden – und zwar in einem Ausmaß, sodass diese auch weiterhin bestehen können.

Obwohl Konzerte im klassischen Sinne in den letzten Monaten nicht stattfinden konnten, war es durchaus möglich, in den Genuss von Live-Darbietungen zu kommen. Das Streaming von Auftritten in leeren Konzertsälen oder von zu Hause wurde weltweit genutzt. Nicht alle Künstler*innen sahen das mit Wohlwollen, denn nur selten mussten Zuhörer*innen auch dafür bezahlen, diese Online-Konzerte zu hören. Ich habe viele Diskussionen in sozialen Netzwerken zu diesem Thema gelesen und mir fällt es bis jetzt schwer, eine klare Position zu beziehen. Einerseits finde ich es wichtig, dass man als Musiker*in auch in Zeiten von Corona Konzerte geben kann. Andererseits kann ich die Kritik an Gratis-Auftritten durchaus nachvollziehen (wobei es ja nicht so ist, dass es davor keine kostenlosen Veranstaltungen gegeben hätte).

Für viele waren die letzten Monate eine Chance, sich mit anderen Formaten des Konzerts und Instrumentalunterrichts zu beschäftigen. Ich selbst habe mich mehr denn je damit auseinandergesetzt, wie man eine qualitativ hochwertige Aufnahme erstellen kann und habe trotz Krise in ein neues Mikrophon und Aufnahmegerät investiert. Wer weiß, ob ich mich sonst in dieser Hinsicht weiterentwickelt hätte, denn es braucht viel Zeit, sich das dafür nötige Knowhow anzueignen – Zeit, die ich mir in meinem „normalen“ Alltag nicht hätte nehmen können. Obwohl ich immer das tatsächliche Live-Konzert und den Unterricht in Person bevorzugen werde, war es bereichernd zu merken, wie weit die Technik heutzutage schon ist und wie viel sich eigentlich auch von zu Hause aus machen lässt, wenn es sein muss. Wenn mir jemand vor einem halben Jahr gesagt hätte, dass mich mein Professor die Stunden vor meiner Abschlussprüfung von den USA aus unterrichten würde, hätte ich niemals geglaubt, dass das gut funktionieren könnte. Auch, dass die Prüfung dann von einem Teil der Kommission über einen Livestream mitverfolgt werden würde, hätte ich mir vor Monaten nicht vorstellen können.
Vor ein paar Tagen bin ich wieder für ein Konzert gebucht worden. Ich habe mich so unglaublich gefreut, dass ich ohne meinen Kalender zu checken zugesagt habe. Seit meinem letzten Konzert sind fast drei Monate vergangen und es fühlt sich unglaublich gut an zu wissen, dass das nächste in ein paar Wochen stattfinden kann. Bleibt nur zu hoffen, dass bis dahin keine zweite Welle eintritt…

Die Angst, dass Menschen aufgrund von kostenlosen Live-Übertragungen nicht mehr ins Konzert oder Theater gehen, ist unbegründet.

Die Corona-Krise hat viele Künstler*innen schwer getroffen. Vielleicht können aber gewisse Aspekte dieser Zeit doch auch als positiv erachtet werden. Jetzt, wo das Kunst- und Kulturleben langsam wieder in Gang kommen kann, ist die Wertschätzung seitens des Publikums – so kommt mir vor – schon ein Stück größer als vor der Pandemie. Die Leute reißen sich förmlich um die ersten Konzert- und Theaterkarten, da diese auch in viel geringerem Ausmaß vergeben werden. Die Angst, dass Menschen aufgrund von kostenlosen Live-Übertragungen nicht mehr ins Konzert oder Theater gehen, ist unbegründet. Auch meine Schüler*innen haben sich sehr gefreut, wieder „in echt“ Unterricht mit mir zu haben – somit auch hier kein Ersatz durch die Online-Fassung.

Künstler*innen wird es immer geben, davon bin ich überzeugt. Manchmal ändern sich möglicherweise die Formen dieses Berufsbildes, was aber nicht automatisch etwas Schlechtes bedeuten muss. Oft bringt Veränderung auch den Fortschritt mit sich, den es braucht, um den Fortbestand einer Branche zu sichern. Ein Umbruch kann immer als Chance gesehen werden, vielleicht gerade besonders im Bereich der Kunst und Kultur. Wenn sich Umstände ändern, der Umgang mit Situationen neu erlernt werden muss, ist immer Kreativität vonnöten – und genau diese macht Künstler*innen aus.

Antonia Haslinger
Antonia Haslinger ist Musikerin und absolviert zur Zeit zwei Masterstudien – Konzertfach Gitarre an der Kunstuniversität in Graz sowie Global Studies an der Karl-Franzens-Universität. Bei diePlattform ist sie neben der Interviewführung auch für das Verfassen von Artikeln zuständig.

    Gerald Wirth: Als Wiener Sängerknaben haben wir eine Vorbildfunktion

    Vorheriger Artikel

    Adrijana Novaković: Man muss eine Utopie im Kopf haben und danach streben

    Nächster Artikel

    Kommentare

    Antworten

    Dir könnte auch gefallen

    Mehr aus DURCH|BLICK