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Der Chef des österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) Wolfgang Katzian spricht aus, was HistorikerInnen nur den Kopf schütteln lässt: „Corona hat uns gesellschaftspolitisch zurückgeworfen“, so seine Aussage im Interview mit dem Boulevardblatt Österreich. Als Ausgangspunkt für seinen historisch zu hinterfragenden Vergleich sieht er vor allem sozioökonomische Gründe wie den Fakt, dass Frauen während der Coronakrise verstärkt Arbeitszeit reduzierten, um der Betreuung der eigenen Kindern nachzugehen. Katzian warnt: „Es darf nicht zurück ins Biedermeier gehen“.

Große Worte, die besser zu einem Gewerkschaftstag der 1960er-Jahre passen als in das Pandemiejahr 2020.  Die Biedermeierzeit war die Epoche nach dem Wiener Kongress und vor der bürgerlichen Revolutionen 1848. Die Metternichsche Restauration, welche als Grund für die Biedermeierzeit angesehen wird, ging einher mit Überwachung und Einschränkung der ohnehin wenigen Freiheiten. Als Ersatz diente die Beschäftigung mit Kultur, Familie und Freunden. Auch, wenn führende Verschwörungstheoretiker, Virusleugner und Hildmann-Nachahmer die im Zuge der Covid-Pandemie seitens der Regierung getroffenen Maßnahmen als totale Einschränkung der persönlichen Freiheit oder sogar als faschistoid ansehen, so ist der aktuelle Ausnahmezustand nicht vergleichbar mit der damaligen Zeit, sondern eben wortwörtlich nur das: eine Ausnahme.

Auch für Nikolaus Reisinger, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Graz, hinkt der Vergleich. Die Biedermeierzeit, genauer gesagt der Rückzug ins Private und die Beschäftigung mit sich selbst, der eigenen Familie, dem Freundeskreis und der Natur, hing vielmehr mit der beginnenden Industrialisierung zusammen.  Die industrielle Revolution begann damals alle Lebensbereiche nachhaltig zu verändern. Man denke nur an die Eisenbahn. Damit einhergehend brachen neue gesellschaftliche sowie sozioökonomische Fragen auf, welche zum Teil in der Revolution 1848 beantwortet wurden. Parallelen mit damals sieht der Historiker somit weniger mit der Biedermeierzeit als vielmehr mit der Digitalisierung, die unsere Welt nun schon seit geraumer Zeit umgräbt.

Homeoffice, flexible Arbeitszeiten, Erreichbarkeit am Wochenende? Nein danke. Lieber jeden Tag von 8 Uhr früh bis 17 Uhr im Büro, die Kinder vorher zu einer Fremden geben.

Im Unterschied zu damals gibt es bis heute allerdings keine wirkliche kollektive Beschäftigung mit der „Digitalisierungsfrage“.  Da muss erst ein global auftretender Virus her. Doch schon nach wenigen Wochen will man zurück in das gewohnte (Arbeits-)Umfeld. Frei nach dem Motto: „Jetzt reicht es dann auch mal wieder“. Dabei übersehen wir, was die Digitalisierung anrichtet und anbietet – positiv wie negativ. Mehrmals am Tag nutzen wir via Rechner und Smartphone E-Mails, WhatsApp, Facebook und Co., als hätten wir es immer schon getan, verweigern jedoch den Diskurs über die Folgen des digitalen Fortschritts. Homeoffice, flexible Arbeitszeiten, Erreichbarkeit am Wochenende? Nein danke. Lieber jeden Tag von 8 Uhr früh bis 17 Uhr im Büro, die Kinder vorher zu einer Fremden geben. Am Wochenende von einem Event zum nächsten. Den zweiwöchigen Urlaub einmal im Jahr im Ausland – egal wo, Hauptsache weit weg, um das normale Leben daheim zu vergessen. Instagramtauglich sollte es dann aber schon wieder sein. Digitale Schizophrenie.

Es ist menschlich und nachvollziehbar, dass wir nur die Vorteile und die angenehmen Seiten einer neuen Technologie für uns nutzen wollen. Doch die Digitalisierung hat die Welt verändert und wird es auch weiter tun. Die Frage, ob wir das wollen oder nicht, stellt sich in einer globalisierten und vernetzten Welt nicht. Deshalb müssen Wege gefunden werden, um damit umzugehen. Zum Beispiel muss ein gerechtes Arbeitszeitsystem für Mitarbeiter gefunden werden, die von zuhause aus arbeiten können und wollen. Homeoffice während der Pandemie hat das dringlichst aufgezeigt.

Der Job und die Arbeit in einer Firma als Dreh- und Angelpunkt allen menschlichen Handelns und lebensbestimmende Kraft ist nicht mehr zeitgemäß.

Wir müssen Wege zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Elternteile finden, die abseits von pseudo-feministischen Debatten über öffentliche Kinderbetreuung und der „Wer bleibt zu Hause“-Frage stattfinden. Der Job und die Arbeit in einer Firma als Dreh- und Angelpunkt allen menschlichen Handelns und lebensbestimmende Kraft ist nicht mehr zeitgemäß. Das ist auch gut so. Steigende Burn-out-Fälle führen uns das deutlich vor Augen. „Die Arbeit hoch“ singt sowieso schon lange keiner mehr.

Die Auszeit von der digitalen Welt könnten wir dafür dann bewusst erleben. Zeit mit der Familie, mit Freunden oder in der Natur, als bewusst gesetzter (und damit flexibler) und intensiv wahrgenommener Gegenpol – sozusagen. Natürlich, in allen Bereichen wird das nicht funktionieren. In vielen aber schon – früher oder später.

Anstatt die Digitalisierung als Chance zu begreifen und Möglichkeiten zu finden, werden Gründe gesucht, warum etwas angeblich nicht funktionieren kann.

Die Digitalisierung bietet uns unzählige Möglichkeiten, unsere Arbeits- und Sozialwelt unter vielen Gesichtspunkten und vor allem Werte neu zu gestalten. Aussagen wie von Katzian und Co. sind die wirklich reaktionären. Sie stecken in einer Denkweise fest, die sich überholt hat. Anstatt die Digitalisierung als Chance zu begreifen und Möglichkeiten zu finden, werden Gründe gesucht, warum etwas angeblich nicht funktionieren kann. Das ist die falsche Einstellung. Die Digitalisierung kann ebenso wenig wie das Virus ausgeblendet werden.

Durch Covid waren wir gezwungen vermehrt auf digitale Errungenschaften zurückzugreifen. Sehen wir es als Chance an, unsere Arbeits- und Sozialwelt nachhaltig so zu gestalten, wie wir es wollen. Denn genau hier, in der Digitalisierung, liegt der Schlüssel zu einer höheren persönlichen Freiheit. Nicht in einer starren Arbeits- und Sozialwelt der Nachkriegszeit…

Markus Illinger
Markus Illinger studierte Politikwissenschaft an der Paris Lodron Universität Salzburg mit Schwerpunkt österreichische Politik sowie politische Theorie und Ideengeschichte. In seiner Masterthesis (2016) beschäftigte er sich mit dem Einfluss von Leadership auf Agenda-Shaping und Parteistrukturen. Seit mehreren Jahren ist er in der Kommunalpolitik tätig.

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