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Von den Kontrahenten als Kampfbegriff verwendet und von den Rechtspopulisten vereinnahmt, prägt der Konservatismus als politische Idee seit dem 18. Jahrhundert die Politik und allen voran die politische Debatte. Doch der Konservatismus wird oft missverstanden, vor allem in einer Zeit, in der sich viele Ewiggestrige als Konservative bezeichnen. Wirft man einen Blick auf die drei großen politischen Ideologien – den Liberalismus, Sozialismus und Konservatismus – wird der letzteren Lehre oft eine Nebenrolle einer „Haltung“ und nicht die Rolle einer Ideologie im herkömmlichen Sinn beigemessen.

Doch der Konservatismus wird oft missverstanden, vor allem in einer Zeit, in der sich viele Ewiggestrige als Konservative bezeichnen.

Was ist an der Aussage, der Konservatismus sei eine „Haltung“, eine Gegenreaktion zu aktuellen Entwicklungen, dran? Mit dieser Definition wird oft lediglich ein Aspekt des Konservatismus – nämlich das Bewahrende – oberflächlich angekratzt. Tatsächlich entwickelte sich der ursprüngliche Konservatismus – geprägt vom britischen Philosophen Edmund Burke – als eine Gegenreaktion zur Französischen Revolution. Während die Befürworter der Revolution weitgehende gesellschaftliche Reformen anstrebten, gab es Skepsis aus der konservativen Ecke. Dabei wird oft nicht differenziert, dass einige gegen die Aufklärung per se waren und andere lediglich gegen die Radikalität der Französischen Revolution.

Die politische Geisteshaltung des evolutionären Denkens

Wer ist nun konservativ? In der öffentlichen Wahrnehmung werden Konservative auf den bewahrenden Aspekt oder auf traditionalistische Werte reduziert. Zunächst handelt es sich um keine politische Lehre, die sich gegen jede Art von Reform stellt, sehr wohl aber bewährte Strukturen behalten und diese, sofern notwendig, reformieren will. Man könnte auch sagen: Das Fundament des Handelns sind Erfahrungen und Traditionen, auf die man sich beruft, oder wie Abraham Lincoln sagen würde: „Heißt es nicht, dem Alten und Erprobten anzuhängen, gegen das Neue und Unerprobte?“  Anstelle radikaler Reformumwälzungen wird Kontinuität und Stabilität Vorrang gegeben. Nicht Revolutionen sollen gesellschaftliche Neuerungen mit sich ziehen, sondern die evolutionäre Entwicklung.

Nicht Revolutionen sollen gesellschaftliche Neuerungen mit sich ziehen, sondern die evolutionäre Entwicklung.

Im Gegensatz zum Sozialismus, handelt es sich hierbei um keine dogmatische Lehre, die nach einem ideologischen Manifest agiert. Es sind viel eher – wie bereits erwähnt – Erfahrungen, oft gepaart mit Realpolitik und pragmatischem Traditionalismus. Das macht den Konservatismus nicht zu einer Nebenideologie, einem Baukasten, den man nach Belieben mit Inhalten füllen kann.

Was den inhaltlichen Kern des Konservatismus ausmacht

Wirft man einen Blick auf inhaltlich-ideologische Fragen, wird grundsätzlich zwischen zwei Hauptströmungen des Konservatismus unterschieden: dem angelsächsischen und dem kontinentaleuropäischen. Obwohl der oben erwähnte Kontinuitäts- und Evolutionsgedanke sowie traditionalistische Werte beiden Strömungen eigen sind, unterscheiden sie sich in der Frage, welche Rolle der Staat und das Individuum einnehmen. Die angelsächsische Strömung präferiert einen schwachen Staat, rückt das Individuum in den Mittelpunkt und hat oft eine stärker wirtschaftsliberale Ausrichtung als der kontinentaleuropäische Konservatismus. Obwohl der Staat und die gebündelte Macht in der angelsächsischen Strömung stellenweise als eine Gefahr verortet wird, spielen die nationale Identität eine prägende Rolle. Beispielhaft für diese Form ist der Thatcherismus, der durch den Rückzug des Staates, dem Wirtschaftsliberalismus und gleichzeitig einer starken nationalen Identität einherging. Im Gegensatz zur angelsächsischen Tradition, spielt der Staat und die Gemeinschaft in der kontinentaleuropäischen Tradition eine zentralere Rolle.

Der Urvater des europäischen Konservatismus ist der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck, für den ein starker Staat und eine Law & Order Politik prägnant waren. Das bedeutet nicht, dass in der europäischen Tradition das Individuum nicht in den Vordergrund rückt. Es handelt sich hierbei weniger um Gegensätze, sondern um unterschiedliche Ausprägungen. Denn für beide Strömungen sind nationale Identitätsbildung, das Individuum, das Eigentum, der Leistungs-und der Verantwortungsgedanke zentrale Elemente, die je nach Strömung und Staat in ihrer Intensität variieren. Der Staat soll aber keine bevormundende Rolle spielen, sondern als Stütze der Gemeinschaft fungieren. In der politischen Realität handelt es sich bei konservativen Parteien oftmals um Mischformen. Richtet man den Blick auf die Rolle des Individuums, das Eigentum und den Leistungsgedanken, lassen sich Parallelen zum Liberalismus finden.

Die Notwendigkeit der Veränderung: Der Reformkonservatismus

Wie steht der Konservatismus aber in der gelebten Realität zu gesellschaftlichen und staatlichen Veränderungen? Man könnte den konservativen, britischen Premierminister Lord Salisbury zitieren, der die Notwendigkeit politischer Reformen sah und nicht nur das bloße „Bewahren“. Ganz im Gegenteil, ein Staat kann nur dann funktionieren, wenn er nicht gelähmt ist und wenn er imstande ist, sich zu reformieren. Daher gilt es vor allem, hier eine Linie zum reaktionären Denken zu ziehen, welches auf das alleinige Bewahren der „alten Ordnung“ ausgelegt ist. Man könnte auch sagen: Der Reaktionär ist statisch, der Konservative hingegen bewegt sich evolutionär mit der Zeit, ohne dabei schlagartige Umwälzungen vom Zaun zu brechen.

Der Reaktionär ist statisch, der Konservative hingegen bewegt sich evolutionär mit der Zeit, ohne dabei schlagartige Umwälzungen vom Zaun zu brechen.

Nicht zuletzt lassen sich in den Reihen der Konservativen großartige Reformer wiederfinden, die an der Spitze des Fortschrittes standen: Der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck, der – zugegebenermaßen – kein Demokrat des ersten Schlages war, wirkte nicht nur maßgeblich an der Gründung des deutschen Nationalstaates mit, sondern führte auch das Sozialversicherungssystem ein, das bis heute noch wegweisend für viele Sozialstaaten Europas ist. Man mag hierbei ein taktisches Handeln verorten, da er mit diesem Schritt die Popularität der Sozialisten mindern und radikalere Umwälzungen verhindern wollte. Otto von Bismarck war ebenso für die Einführung der Zivilehe, was zu dieser Zeit als progressiv galt, verantwortlich. Den weniger demokratischen, teilweise sogar autoritären Stil des „Eisernen Kanzlers“, was aus heutiger Sicht nicht zu rechtfertigen wäre, müsste man mit Berücksichtigung des damaligen Zeitgeistes betrachten.

Der österreichische Nationalratssitzungssaal im Umbau. Ein Sinnbild des Wandels. Quelle: Parlamentsdirektion / Michael Buchner

Konservative spielten zusammen mit den Sozialdemokraten vor allem im 20. Jahrhundert eine wegweisende Rolle. Der deutsche Nachkriegskanzler Konrad Adenauer gilt als einer der Visionäre der Europäischen Einigungspolitik. In seiner Kanzlerschaft, die für Deutschland bis heute prägend ist, legte er das Fundament der deutschen Außenpolitik in punkto der europäischen Gemeinschaft fest, und war maßgeblich für den Wiederaufbau verantwortlich.  Als weitere Paradebeispiele lassen sich Helmut Kohl nennen, in dessen Zeit die Wiedervereinigung Deutschlands und schlussfolgernd gesellschaftliche Veränderungen zustande kamen, genauso wie der österreichische Außenminister Alois Mock, der als Vater des EU-Beitritts von Österreich bezeichnet wird. Die Liste der Konservativen, die die Welt nicht nur prägten, sondern an der Spitze gesellschaftlicher Reformen standen – wie etwa Abraham Lincoln oder der Liberal-Konservative Winston Churchill –  ließe sich weiterführen.

Mit diesen Einzelbeispielen sollen nicht die historischen Leistungen einzelner Sozialdemokraten wie etwa Helmut Schmidt oder Bruno Kreisky kleingeredet werden – viel eher sollen die Beispiele veranschaulichen, was der Konservatismus nicht ist: Die starre Bewahrungskultur und Reaktionsideologie. Vor allem das undogmatische Denken erlaubt es den Konservativen durch pragmatischere Lösungen, eingebettet im eigenen Wertefundament, die Zukunft zu gestalten. Der Wegfall von politischen Klassenfeinden und einem starr dichotomischen Denken schafft die Grundlage für eine Zusammenarbeit mit Bewegungen unterschiedlicher Couleur.

Wieso es sich lohnt gegen die Verzerrung und Vereinnahmung einzustehen

Trotz des breiten Fundaments an inhaltlichen Überzeugungen und Wertehaltungen, wird der konservative Leitgedanke in der politischen Diskussion oft verzerrt. Während Rechtspopulisten sich aus parteipolitisch taktischen Gründen als konservativ bezeichnen und somit den Populismus salonfähig machen wollen, steuern einzelne linke Gruppen ihnen bei, indem sie den Konservatismus als Kampfbegriff verwenden. Dabei sind Populisten jeder Art, die gegen die bestehende demokratisch-pluralistische Ordnung, gegen „die da oben“, ankämpfen und radikale Gesellschaftsvorstellungen – wenn auch schön verpackt – propagieren, alles andere als konservativ.  Lassen wir uns nicht von Randgruppen vereinnahmen, bewahren wir lieber die demokratische Gesellschaftsordnung und blicken im Sinne des Reformkonservatismus verantwortungsvoll in die Zukunft.  Auch der Konservatismus ist nicht fehlerfrei, doch es lohnt sich für ihn einzustehen – vor allem in Zeiten globaler Herausforderungen, nationaler Krisen und gesellschaftlicher Umbrüche.

Titelbild: Wikipedia Commons / Man77

Konstantin Ghazaryan
Neben seiner Mitwirkung an der Interviewführung und -ausarbeitung, verfasst der Political Science MA-Student vor allem Analysen und Kommentare für die Bereiche der internationalen und europäischen Politik. Die Bereiche Sicherheitspolitik, Allianzen und Diplomatie gehören zu seinen Schwerpunkten.

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