0

Weg von der „neuen“ Normalität

In Krisenzeiten ist der Grundtenor vieler auffallend ähnlich, wenn es um die Bewältigung eben jener geht: Es braucht Innovation, Transformation, Fortschritt und Veränderung. Doch was soll sich eigentlich ändern, und wollen wir uns überhaupt ändern?

Eines muss uns klar sein: Weder die Coronakrise noch die Klimakrise werden wir erfolgreich bewältigen, wenn wir nicht auch an uns selbst arbeiten. Dazu braucht es Mut. Der Satz „Es wird nicht mehr so sein wie früher“ ist angsteinflößend, aber real. Mitunter ein Grund, weshalb in der Politik gerade das Narrativ der neuen Normalität bedient wird. Normal klingt gut und harmlos und sicherlich sehnen sich viele danach, doch der Begriff verharmlost zugleich unsere Zukunft.

Einige Fakten zur Gegenwart

Mehr als 1.6 Millionen Menschen sind bereits mit oder am Sars-CoV-2 Erreger verstorben.[1] Während nun in vielen Industriestaaten mit der Impfung begonnen wird, könnte es für Milliarden des Globalen Südens noch bis 2024 dauern.[2] Die Verzögerung trifft jene Gebiete am härtesten, in denen 80% all jener leben, die von extremer Armut betroffen sind. Unter diese Definition fällt weltweit jede zehnte Person.[3] Aber das Leid ist nicht nur geographisch ungleich verteilt, sondern variiert auch zwischen Ethnien und Gender.[4]

Während wir noch mit den Folgen der Pandemie kämpfen, droht schon die nächste Krise. Eine Studie an der University of Cambridge errechnete, dass die jährlichen ökonomischen Verluste durch den Klimawandel bis zum Ende des Jahrhunderts sieben Prozent des globalen BIP betragen könnten. Halten wir uns dagegen an die Pariser Klimaziele, ließen sich die Schäden auf ein Minimum reduzieren.[5]

Doch wir treiben unseren Planeten nicht nur durch den Ausstoß von Treibhausgasen an dessen Grenzen. Unter der Leitung des Schweden Johan Rockström wurde 2009 das Modell der Planetaren Grenzen entwickelt, innerhalb derer ein menschenwürdiges Leben über Generationen hinweg möglich ist. Insgesamt gibt es neun Prozesse und Systeme, wobei wir in vieren davon bereits den sicheren Bereich überschritten haben: im Klimawandel, bei Landnutzungsänderungen (Bodenversiegelung), im Stickstoff- und Phosphorkreislauf sowie in der Biosphäre. Veränderungen in einem Bereich können zudem den Druck auf andere Bereiche verstärken; die meisten Wechselwirkungen gibt es zwischen Klima und Biosphäre.[6] Deshalb ist der Biodiversitätsverlust nicht nur der Vielfalt wegen folgenschwer.

Der leitende UN-Berater Jeffrey D. Sachs schreibt dazu in „The Age of Sustainable Development”, dass wir innerhalb des 21. Jahrhunderts alle planetaren Grenzen überschreiten werden, wenn wir nicht fundamental etwas ändern. Es sei, als würden wir unseren Wagen direkt von der Straße in den Graben, oder schlimmer noch, über die Klippe fahren.[7]

Aber wir sind nicht nur abseits der Straße, wir steuern auch geradewegs auf unschuldige Passanten zu. Relativ zu ihrer Wirtschaftskraft und Einwohnerzahl sind Länder des Globalen Südens sehr viel stärker von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen, ein Großteil der Emissionen fällt hingegen in Industriestaaten an.[8],[9]

Die Verteilungskrise ist die Mutter aller Krisen

Eines haben Corona und die globale Erwärmung gemeinsam: Es trifft jene am härtesten, die ohnehin schon benachteiligt sind. Ihnen fehlt es an Mitteln und uns an Solidarität. Wir stecken in einer Verteilungskrise fest. Aus ethischer Sicht müssten wir umgehend unseren Ressourcenverbrauch eindämmen und gleichzeitig Wiedergutmachung leisten. Mit den Nachhaltigen Entwicklungszielen gibt es hier durchaus Ansätze, doch die meisten davon sind zu niedrig gesteckt. Es heißt, ein gutes Pferd springt nicht höher als es muss. Aber wir scheitern selbst an vergleichsweise niedrigen Hürden, wenn es um Verteilungsgerechtigkeit geht. Mit keiner Gerechtigkeitstheorie der Welt lässt sich unsere Konsumgesellschaft rechtfertigen. In Österreich leben wir, als hätten wir sechs Erden zur Verfügung. Selbst der globale Schnitt liegt noch beim 1,6-fachen unseres Planeten – mit der standesüblichen Kluft zwischen Nord und Süd.[10] Das ist nicht normal. Deshalb darf es auch keine neue Normalität geben. Uns muss bewusst sein, dass ein Leben wie vor der Pandemie alles andere als nachhaltig ist.

Wir stecken in einer Verteilungskrise fest. Aus ethischer Sicht müssten wir umgehend unseren Ressourcenverbrauch eindämmen und gleichzeitig Wiedergutmachung leisten.

Das Leben nach der Pandemie

Aber wie soll es weitergehen? Die eine Lösung für all unsere Probleme gibt es leider nicht. Entscheidend wird sein, dass wir uns schon jetzt auf kommende Veränderungen vorbereiten, und zwar unabhängig davon, wie sie letztendlich aussehen werden. Auch mental. Das Postulat des Wachstums klingt jedenfalls falsch. Unendliches Wachstum ist auf einem endlichen Planeten nicht möglich – das wissen wir spätestens seit dem vielbeachteten Bericht des Club of Rome aus dem Jahr 1972.[11] Mit business as usual würden wir die Grenzen des Wachstums noch in diesem Jahrhundert erreichen. Auch wenn sich der Zeitpunkt durch gezielte Politikmaßnahmen nach hinten verschieben lässt, ist es fraglich, ob das erstrebenswert ist. Viele Veränderungen sind irreversibel, man denke nur an die Kipppunkte im Klimasystem.

Einen interessanten, wenn auch kontroversen Ausweg bietet die Postwachstumsökonomie.[12] Vertreter wie Niko Paech, Jason Hickel und Giorgos Kallis verstehen darunter eine Wirtschaft […], die ohne Wachstum des Bruttoinlandsprodukts über stabile, wenngleich mit einem vergleichsweise reduzierten Konsumniveau einhergehende Versorgungsstrukturen verfügt.[13] Die Idee fußt auf fünf Entwicklungsschritten und orientiert sich an einer Suffizienzstrategie, dem Wandel vom Globalen zum Regionalen sowie Ansätzen der Geld- und Bodenreform. Durch Entschleunigung und Genügsamkeit im Konsum ließe sich das Steuer noch rechtzeitig herumreißen.

Angemerkt wird auch, dass das Einkommen nur bis zu einem bestimmten Niveau – der Suffizienzschwelle – mit unserem individuellen Wohlbefinden korreliert. Mehr macht nicht unbedingt glücklicher. In Anbetracht dessen wird es Zeit, das Bruttoinlandsprodukt durch einen anderen Wohlstandsindikator zu ersetzen. Alternativen gibt es zur Genüge, etwa das Umwelt-BIP, den HDI der Vereinten Nationen, den Better-Life-Index oder das Bruttonationalglück von Bhutan.

Vielleicht ist es auch Zeit für einen neuen sozialen Vertrag für das 21. Jahrhundert, wie Stephanie F. Scholz für den Economist schreibt. Viele würden sich während des Lockdowns fragen, was im Leben wirklich zählt. Es braucht eine Politik, die die Würde des Einzelnen, dessen Selbstständigkeit und dessen Bürgerstolz fördert.[14]

Fazit

Es ist wichtig, dass wir nicht nur Corona und den Klimawandel bekämpfen, wir müssen auch die Verteilungskrise nachhaltig lösen.

Die Lösung muss nicht unbedingt in einer Postwachstumsökonomie, einem neuen Wohlstandsindikator und einem neuen sozialen Vertrag liegen. Aber es wird sich vieles ändern und wir sollten uns darauf vorbereiten. Der Ausdruck „Kenne deine Grenzen“ passt hier gut. Wir sollten uns aber auch unseres Einflusses bewusst sein. Mit unseren Konsumentscheidungen formen wir die Welt von Morgen. Davon hängt das Schicksal vieler Menschen aus benachteiligten Regionen, sowie jenes unserer Kinder und Kindeskinder ab. Es ist wichtig, dass wir nicht nur Corona und den Klimawandel bekämpfen, wir müssen auch die Verteilungskrise nachhaltig lösen. Eine Zukunft der neuen Normalität könnte fatal sein. Um eine der beliebtesten Instagram-Bildunterschriften überzustrapazieren: „Be the change you wish to see in the world.“


[1] Vgl. John Hopkins University (2020). COVID-19 Dashboard by the Center for Systems Science and Engineering. URL: https://coronavirus.jhu.edu/map.html.

[2] Davor warnt die Impfallianz Gavi in einem internen Dokument, das der Nachrichtenagentur Reuters vorliegt. Der Impfprozess ließe sich aber durch logistische Änderungen und eine finanzielle Aufstockung des COVAX Programms der WHO beschleunigen. Vgl. Reuters (2020). Exclusive-WHO Vaccine Risks Failure, Leaving Poor Countries No COVID Shots Until 2024. 16.12.2020. URL: https://www.reuters.com/article/health-coronavirus-who-vaccines/exclusive-who-vaccine-scheme-risks-failure-leaving-poor-countries-no-covid-shots-until-2024-idUSL8N2IV50J.

[3] Die Vereinten Nationen setzen sich im Rahmen der 17 Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) zum Ziel, bis 2030 Armut in all ihren Formen zu beenden. Stand jetzt wird man selbst ohne Pandemie an diesem Vorhaben scheitern. Vgl. United Nations (2020). Goal 1. End Poverty In All Ist Forms Everywhere. URL: https://sdgs.un.org/goals/goal.

[4] Der Gender Development Index wird im Rahmen des HDI der Vereinten Nationen veröffentlicht. Vgl. United Nations Development Programme (2020). Gender Development Index. URL: http://hdr.undp.org/en/composite/GDI.

[5] Vgl. Kahn, M. E. et al. (2019). Long-Term Macroeconomic Effects of Climate Change: A Cross-Country Analysis. National Bureau of Economic Research. Working Paper 26167. August 2019. URL: https://www.nber.org/papers/w26167.

[6] Vgl. Rockström, J. et al. (2009). Planetary Boundaries: Exploring the Safe Operating Space for Humanity. Ecology and Society 14(2): 32. URL: http://www.ecologyandsociety.org/vol14/iss2/art32/.

[7] Sachs, J. D. (2015). The Age of Sustainable Development. Columbia University Press. S. 40-42.

[8] Eckstein, D. et al. (2019). Globaler Klima-Risiko-Index 2020. Germanwatch. URL: https://germanwatch.org/sites/germanwatch.org/files/20-2-01%20KRI%202020%20-%20Kurzzusammenfassung_7.pdf.

[9] Vgl. Friedlingstein et al. (2020): The Global Carbon Budget 2020. Earth System Science Data. URL: http://www.globalcarbonatlas.org/en/CO2-emissions.

[10] Vgl. Global Footprint Network (2020). Ecological Footprint Per Person. URL: https://data.footprintnetwork.org/#/.

[11] Vgl. Meadows, D. H. (1972). The Limits to Growth: A Report for the Club of Rome’s Project on the Predicament of Mankind. New York: Universe Books. URL: http://www.donellameadows.org/wp-content/userfiles/Limits-to-Growth-digital-scan-version.pdf.

[12] In der Englischsprachigen Literatur wird anstelle von Postwachstum der Begriff Degrowth verwendet.

[13] Niko Paech (2009). Grundzüge einer Postwachstumsökonomie. In: Postwachstusmoekonomie.de. URL: http://www.postwachstumsoekonomie.de/material/grundzuege/.

[14] Vgl. Stephanie F. Scholz (2020). The Year When Everything Changed. In: The Economist. 19.12.2020. URL: https://www.economist.com/leaders/2020/12/19/the-year-when-everything-changed.

Lukas Bayer
Lukas hat in Salzburg den Bachelor Philosophie, Politik und Ökonomie abgeschlossen. Seit Ende 2020 studiert er Global Studies an der KF Graz und beschäftigt sich vor allem mit ökonomischen und umweltspezifischen Themen, sowie mit Fragen sozialer Gerechtigkeit.

    Kommentare

    Antworten

    Dir könnte auch gefallen

    Mehr aus DURCH|BLICK

    Was bleibt vom Corona-Biedermeier?

    Der Chef des österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) Wolfgang Katzian spricht aus, was HistorikerInnen nur den Kopf schütteln lässt: „Corona hat uns gesellschaftspolitisch zurückgeworfen“, so ...