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Fridays for Future befindet sich gerade im Home-Office Modus und Greta Thunberg verfrachtet ihren „Skolstrejk för Klimatet“-Pappkarton ins Wohnzimmer, streikt von zuhause aus. Viele tun es ihr gleich.

Schauplatzwechsel: China, Peking. Satellitenbilder der NASA[1] zeigen einen signifikanten Rückgang der Luftverschmutzung seit der wirtschaftlichen Abschwächung aufgrund der Maßnahmen gegen das Coronavirus. Diverse Medien berichten, dass durch die bessere Luftqualität – bezogen auf China – sogar mehr Leben gerettet werden würden als es Todesfälle durch das Virus geben wird. Auch Norditalien erlebt drastische Zustände. Das Gesundheitssystem ist überfordert und längst ausgereizt, zudem spielen mehrere ungünstige Faktoren eine Rolle. Einer dieser Faktoren ist die hohe Luftverschmutzung in den Industrieregionen. Im Zusammenspiel mit der vergleichsweise älteren Bevölkerungsschicht ergibt sich eine toxische Mischung. Das Coronavirus Sars-CoV-2 (Covid-19)[2] infiziert die Wirtszellen über die ACE2-Rezeptoren. Diese werden vor allem im Herzen und in der Lunge stark exprimiert, weshalb Patienten mit Atemwegsbeschwerden oder kardiovaskulären Grunderkrankungen besonders gefährdet sind. Sowohl das Alter als auch die Luftverschmutzung wirken sich negativ aus. Eine Animation der ESA[3] zeigt im Norden Italiens ebenfalls einen drastischen Rückgang der Luftverschmutzung. Obwohl mittlerweile auch andere Gebiete stark von der Pandemie betroffen sind, so ist es womöglich kein Zufall, dass diese beiden Länder mehr verbindet als es Gebirge und Ozeane zu trennen vermögen.

Es ist schön zu sehen, wie ein Großteil der Menschheit auf die unmittelbare Gefahr durch das Coronavirus reagiert. In vielen Ländern erlebt man einen Schulterschluss aller Parlamentsparteien. Denn wir sehen, dass unser Haus brennt. Wir wissen, dass wir keine Wahl haben. Die Wahl haben wir aber auch nicht, wenn es um das Klima und um unsere Umwelt geht. Doch es liegt in unserer Natur, dass wir uns durch Distanz die Relevanz kleinreden. Nicht, weil wir verantwortungslos sind. Sondern bloß, weil es unsere Vorstellung übersteigt. Ich argumentiere gerne damit, dass es vielen schwerfällt, auch nur ein paar Züge im Schachspiel vorauszudenken. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass ich bei einem Plastikstrohhalm nicht gleich an tote Schildkrötenbabys und schmelzende Gletscher denke.

Manche werden merken, dass das Home-Office auch nach dem Virus funktionieren könnte. Telefon- und Videokonferenzen sind gar nicht so übel, viele Meetings gehen auch ohne Inlandflüge oder lange Autostrecken.

Wenn dieses Virus überstanden ist, wird man die Wirtschaft wieder hochfahren (müssen). Das steht außer Frage. Dadurch wird sich die Luftqualität in den betroffenen Gebieten abermals verschlechtern, der CO2-Output wird wieder steigen. Wie weit wir es kommen lassen, liegt ganz an uns. Durch die Corona-Pandemie erlebt die Umwelt zurzeit eine Verschnaufpause. Zum ersten Mal seit Langem ist das Wasser in den Kanälen Venedigs klar und Delfine tummeln sich in den italienischen Häfen. Man sieht, was alles möglich ist. Viele Betriebe mussten zwangsläufig auf Home-Office umstellen. Manche werden merken, dass das auch nach dem Virus funktionieren könnte. Telefon- und Videokonferenzen sind gar nicht so übel, viele Meetings gehen auch ohne Inlandflüge oder lange Autostrecken. Man könnte Kosten einsparen und etwas für die Umwelt tun, ohne einen Pappkarton anmalen zu müssen. Das geht sogar im Pyjama, sofern die Webcam ausgeschaltet ist.

Vielleicht entdeckt auch so mancher das Rad wieder für sich. Gerade in meinem Freundes- und Bekanntenkreis sehe ich, dass viele die Zeit nutzen, indem sie einem neuen Hobby nachgehen, sich fortbilden oder ihre Neujahrsvorsätze umsetzen. Sport steht meist ganz oben auf der Liste. Warum also nicht einfach ab jetzt das Rad in die Arbeit mitnehmen? Im Gegensatz zu Hund oder Kind ist es pflegeleicht und bringt uns sicher wieder nachhause.

Aber alles mit Maß und Ziel. Wir sind auch ohne täglich Fleisch echte Männer, und auch ohne täglich Avocado-Toast können wir Food-Blogger bleiben.

Auch unsere Essgewohnheiten könnten wir kritisch hinterfragen. Die aus Chile importierte Avocado ist dabei genauso ein Klimasünder wie beispielsweise rotes Fleisch. Ich möchte hier kein Plädoyer für den Sonntagsbraten halten, dafür esse ich viel zu gerne Fleisch. Es spricht auch nichts gegen Bananen und andere importierte Früchte in unserer Obstabteilung. Aber alles mit Maß und Ziel. Wir sind auch ohne täglich Fleisch echte Männer, und auch ohne täglich Avocado-Toast können wir Food-Blogger bleiben. Gerade in Zeiten von Lieferengpässen und Hamsterkäufen sollte man sich auf Regionales zurückbesinnen. Dadurch unterstützt man heimische Betriebe, ernährt sich bewusst und wesentlich gesünder, trägt zum Umweltschutz bei und entsagt Massentierhaltung und Tierquälerei. Noch Fragen?

Ich möchte hier auf eine Kolumne von Zukunftsforscher Matthias Horx eingehen[4]: Er geht davon aus, dass die Coronakrise wieder neues Bewusstsein für Lokalität schafft, genauer gesagt für Glokalisierung: Lokalisierung des Globalen. Die riesigen Wertschöpfungsketten werden entzweigt, Netzwerke werden lokalisiert und die ortsnahe Produktion beginnt zu boomen. Der nächste Einkauf geschieht dann vielleicht doch nicht mehr über Amazon, sondern man fährt mit dem Rad in den nächsten Baumarkt. Beim Heimfahren holt man sich dann noch zwei Liter Milch beim Nachbarsbauern.

All das ist auch ohne Aktivismus möglich. Zugegebenermaßen war ich noch nie auf einer Fridays for Future Demonstration, das überlasse ich lieber anderen. Zuhause freue ich mich dann, wenn sie etwas für uns, für unser Klima, für unsere Umwelt, erreichen. Aber auch wir Daheimgebliebenen sollten versuchen, unseren Beitrag zu leisten. Es tut nicht weh, das Cola ohne Strohhalm zu trinken. Man überlebt auch einmal zwei Tage ohne Wurstaufschnitt und Steak. In vielen Städten ist man mit dem Fahrrad bereits schneller als mit dem Auto. Und wenn ich im Baumarkt über das Wetter schimpfe, dann hört mir wenigstens jemand zu; bei Amazon macht das höchstens die Alexa.


[1] https://earthobservatory.nasa.gov/images/146362/airborne-nitrogen-dioxide-plummets-over-china

[2] https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ace-hemmer-unter-beobachtung/

[3] https://www.esa.int/Applications/Observing_the_Earth/Copernicus/Sentinel-5P

[4] https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/

Lukas Bayer
In seinen Texten beschäftigt sich Lukas mit dem, was nötig ist. Idealisierte Weltvorstellungen sind ihm dabei genauso fremd wie Quantenphysik und die Stringtheorie. Es geht stets darum, das Mögliche darzulegen. In seinem Masterstudium Global Studies in Graz beschäftigt er sich vor allem mit ökonomischen und umweltspezifischen Themen.

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