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Dass Frauen wählen sollen, ist unvorstellbar. Schließlich ist Politik männlich. Das ist gottgegeben, eine Tatsache quasi. Und Arbeiterrechte? Seid froh, dass ihr Arbeit habt! Was wollt ihr denn sonst noch? Die Sklaverei abschaffen? Wie soll denn das funktionieren? Nicht einmal im Traum. Und mit der Klimakrise braucht ihr gar nicht erst antanzen. Die ist völlig unlösbar. 

Im Jahre 2020 scheint Selbstverständliches tatsächlich unmöglich. Zurecht fragen wir uns aus heutiger Perspektive: Wie konnte es jemals als natürlich gelten, die Hälfte der Weltbevölkerung von politischer Teilhabe auszuschließen? Und wie konnte Sklavenarbeit einmal als wirtschaftlich notwendig oder gesellschaftlich anerkannt gelten? Natürlich, die Geistes- und Sozialwissenschaften liefern auf diese Fragen fundierte Antworten. Die für heute unvorstellbaren Glaubenssätze und Diskriminierungspraktiken kamen nicht aus dem Nichts und sind in vielen Teilen der Welt noch immer strukturell in unseren Gesellschaftssystemen verankert. Diese Probleme müssen auch weiterhin angegangen werden, denn Menschenrechte stehen außer Frage. Und genau darum geht es: Gewisse Rechte stehen außer Frage. Die Gleichheit aller Menschen steht nicht mehr zur Diskussion, außerdem sind Diskriminierung und Sklavenarbeit verboten und verachtet. Das hält die Erklärung der Menschenrechte fest und ist zur sozialen und kulturellen Norm geworden.

Kein einziges Land der Welt schützt die Gesundheit und Lebenschancen von Kindern angemessen vor den Folgen der Klimakrise.

In Hinblick auf die großen Errungenschaften der Menschheit wirkt es umso abstruser, dass wir im Jahr 2020 die Begrenztheit unserer natürlichen Lebensgrundlagen noch immer nicht anerkennen wollen. Stattdessen erzählen wir uns als moderne Gesellschaft weiterhin munter die Geschichte, dass Fortschritt materielles Wachstum bedeutet: Je größer dein Haus und dein Auto, desto moderner. Je länger die Flugreise, desto freier. Je größer dein Kontostand, desto sicherer kannst du in die Zukunft schauen. Bei dieser „Story eines guten Lebens“ klammern wir aber den besorgniserregenden Zustand unseres Planeten aus. Dürren, Hitzewellen, Extremwetter, Artensterben und kollabierende Ökosysteme zeichnen ein ganz anderes Bild der Zukunft. Was Eltern früher einmal versprachen: „Ihr werdet es später besser haben“, gilt hinsichtlich der Faktenlage nicht mehr. Das Bild einer für junge Menschen zerstörten Zukunft zeichnet eine kürzlich veröffentlichte Studie von WHO, UNICEF und The Lancet eindeutig: Kein einziges Land der Welt schützt die Gesundheit und Lebenschancen von Kindern angemessen vor den Folgen der Klimakrise.

Während sich die einen noch immer überlegen, wo sie es sich materiell gemütlich machen können, fühlen sich die anderen von der Zukunft als schlechteres Jetzt erschlagen. Wie „schlechter“ detailliert aussehen kann, zeigen uns auch die Apokalypse als beliebtes Zukunftsszenario der Literatur- und Medienwelt und jeder Krimi, der tagtäglich im öffentlich-rechtlichen Rundfunk läuft. Ein besseres Übermorgen nach dem Day After Tomorrow zeigen dagegen nur wenige Erzählungen auf. Und wo wird eigentlich erzählt, wie es erst gar nicht zum Untergang kommt? Wer kann sich vorstellen, wie wir das alles noch irgendwie hinkriegen könnten?

Zunächst: Martin Luther King wird den Job nicht für uns übernehmen. Aber es ist Fakt, dass Menschen damals nicht zu Tausenden aufgestanden sind, weil sie dachten: „Irgendwie muss sich irgendetwas irgendwann ändern“. Sie sind aufgestanden, weil sie die Ungerechtigkeiten tagtäglich vor Augen hatten und sich nicht mehr länger mit dem Status Quo abfinden konnten. Veränderung war nötig und zwar dringend. Menschen sind mit konkreten Forderungen aufgestanden, weil eine bessere Welt für sie vorstellbar war. Statt sich also die 101. Ausrede auszudenken, warum Klimaschutz nicht funktioniert (weil Pendler, Wirtschaft, Wählerstimmen …) oder einen die Klimakrise nicht betrifft, sollten wir deren Eindämmung endlich als gesellschaftliche Hauptaufgabe des 21. Jahrhunderts anerkennen. Denn Klimaschutz muss – gleich dem Recht auf Leben – zur Norm werden, und dafür benötigen wir all unsere Vorstellungskraft. Krisenbewusstsein und eine bessere Welt beginnen im Kopf. Denn wer sich die Energiewende oder eine klimaneutrale Gesellschaft nicht vorzustellen wagt, wird sie auch nicht erstrebenswert finden und sich erst recht nicht dafür einsetzen. Menschen werden auch nicht für die Klimawende aufstehen, wenn sie keine Ahnung davon haben, was eine vier Grad heißere Welt für uns bedeutet. Denn genau darauf steuern wir gerade zu.

Niemand außer uns wird die „I have a dream“-Erzählung zur Eindämmung der Klimakrise schreiben.

Eine tiefgreifende Änderung hin zu klimagerechten Wirtschafts- und Sozialsystemen wird nicht vom Himmel fallen – genauso wenig, wie damals aus Wohlwollen die Frauenrechte eingeführt oder Sklavenarbeit abgeschafft wurde. Es wird harte Arbeit und wir sind schon mittendrin. Dafür müssen viele mutige Bürger*innen ihre Vorstellungen einer besseren Welt teilen und immer wieder dafür aufstehen. Klimapolitik wird nicht im Supermarkt als Konsument*in nebenbei entschieden. Es braucht aktiven Einsatz bei Streiks und Demonstrationen, im Betriebsrat, im Bildungswesen oder in den Medien: politische Änderungen auf allen Ebenen sind nötig und möglich, wenn wir als Gesellschaft ein klares Ziel vor Augen haben und damit aufhören, Märchen vom endlosen Wirtschaftswachstum auf einem begrenzten Planeten zu glauben. Niemand außer uns wird die „I have a dream“-Erzählung zur Eindämmung der Klimakrise schreiben. Das können nur wir selbst und wir werden ohnehin im Geschichtsbuch stehen. Entweder als die, die es einfach nicht wahrhaben wollten, oder als jene, die im letzten Moment Verantwortung übernommen haben. Wenn Letzteres eintritt, dann wird unsere Zukunft klimagerechter als heute und definitiv erstrebenswert.


Quellen

Neubauer, L., Repenning, A. (2019): Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft. Berlin: Tropen.

[ORF, 19.6.20] Studie: „Technik wird die Klimakrise nicht lösen“ Online unter https://science.orf.at/stories/3200982/

Korten, D. C. (2015): Change The Story, Change The Future: A Living Economy For A Living Earth. Oakland: Berret-Koehler Publishers.

WHO, UNICEF, Lancet (8.2.2020): A future for the world’s children? Online unter https://www.thelancet.com/pdfs/journals/lancet/PIIS0140-6736(19)32540-1.pdf

 

Veronika Winter
Veronika Winter ist Aktivistin bei der Klimagerechtigkeitsbewegung Fridays For Future und Lehramt-Studentin an der Universität Wien. Für ihre Masterarbeit hat sie an der Fachdidaktik Biologie Lehrveranstaltungen zum Thema "Klimakrise unterrichten" konzipiert und mitbetreut.

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