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Herr Dr. Fischler, Sie haben bereits reichlich Erfahrung als Bundesminister, auch als EU-Kommissar. Wie würden Sie aus Ihrer Sicht und aufgrund Ihrer Erfahrung das Europäische Forum Alpbach beschreiben?

Das Europäische Forum Alpbach ist eigentlich die erste zivilgesellschaftliche Initiative, die nach dem zweiten Weltkrieg in Österreich gestartet wurde. Es wird daher wie die UNO heuer 75 Jahre alt. Die Idee am Anfang war, ein neues System für die höhere Bildung zu entwickeln. Die Gründer – damals größtenteils Studenten – waren der Meinung, dass Mitschuld an dem faschistischen Desaster des Nazismus auch die Art und Weise der Organisation der Universitäten trug. Man müsse ein alternatives System finden, etwa wie in England mit dem College-System. Die Hierarchie an den Universitäten musste reduziert werden. Das hat man modellhaft in Alpbach ausprobiert. Zusätzlich war die Idee, die nationalen Grenzen zu überwinden. Der europäische Gedanke war von Anfang an im Spiel.

Heute ist das Europäische Forum Alpbach der größte in Österreich stattfindende Kongress, dauert zweieinhalb Wochen und hat ungefähr 5000 Teilnehmer. Im Prinzip ist der Ablauf des Forums zweigeteilt. Der erste Teil ist stärker wissenschaftlich orientiert mit vielen Seminaren, vor allem für Studenten. Da stehen wir in der Tradition der Gründung. Es werden spannende Seminarleiter, mehrheitlich Universitätsprofessoren aus der ganzen Welt eingeladen. Im zweiten Teil gibt es eine Serie von Symposien, die sich im Laufe der Zeit ergeben haben. Da gibt es mittlerweile ein Gesundheits-, ein politisches, ein Technologie-, ein Wirtschaftssymposium, und so weiter. Wir verstehen uns da genauso wie Sie als eine Plattform und bieten Möglichkeiten zum Meinungsaustausch an. Daher sind uns auch unterschiedliche Positionen wichtig. Wir wollen tatsächliche Auseinandersetzung und wir wollen einen gewissen Impact erzielen. Daher machen wir Retreats und neue Formate, wo intensiv an einem Thema über eine gewisse Zeit hinweg gearbeitet wird. Wir streben konkrete Resultate an, alleine zu diskutieren genügt uns nicht. Zusätzlich haben wir die gesamte Veranstaltung internationalisiert, wir haben mittlerweile Teilnehmer aus rund hundert Staaten. Wir legen dabei großen Wert auf junge Leute, diese beleben die Diskussion. Wir wollen, dass Künstler nicht nur Performances durchführen, sondern dass diese auch mitdiskutieren. Wir möchten eine gute Mischung aus Wissenschaftlern, Politikern, Leuten aus der Wirtschaft, Vertreter der Zivilgesellschaft und kulturell Interessierten, beziehungsweise selber Kulturschaffenden. Das hat sich als gutes Konzept herausgestellt.

Inhaltlich fühlen wir uns erstens der gesamten Thematik der Demokratie und zweitens Europa gegenüber verpflichtet. Wir wollen nicht nur darüber diskutieren, wie es in der EU weitergeht, sondern auch darüber, wie Europa von außen gesehen wird. Das dritte große Thema ist Nachhaltigkeit.

Sie sind seit 2012 Präsident des Europäischen Forum Alpbach. Was waren Ihre Schwerpunkte in den letzten Jahren, beziehungsweise woran kann man Ihre Handschrift erkennen?

Geändert hat sich der Grad der Internationalität. Früher hatten wir Leute aus 30 bis 40 verschiedenen Ländern, heute über 100. Früher hat man sich gedanklich innerhalb Europas bewegt – die Internationalisierung zu verstärken ist erst in den letzten Jahren gelungen. Dann haben wir ziemlich massiv das Kulturprogramm ausgebaut. Wir haben mindestens 100 Künstler jedes Jahr in Alpbach und sind zahlreiche Kooperationen eingegangen. Seit einigen Jahren haben wir etwa eine Kooperation mit der Royal Academy for Dramatic Arts. Eine Zeit lang hatten wir auch eine Kooperation mit der Angewandten in Wien. Ansonsten haben wir von Jahr zu Jahr wechselnde Kooperationen.

In Summe ist das Interesse groß, in Alpbach dabei zu sein. Wir beschäftigen uns mit vielen Arten der Kunst, nicht nur mit der Darstellenden. Auch Musik ist sehr stark in der Tradition von Alpbach verankert. Es gibt Kompositionen, die extra für Alpbach geschrieben worden sind. Zum Beispiel die Alpbacher Serenaden von Gottfried von Einem. Wir vergeben auch regelmäßig Kompositionsaufträge. Primär beschäftigen wir uns mit neuer Musik, nicht so sehr mit klassischen Konzerten. Voriges Jahr haben wir neue Musik, mit traditioneller Volksmusik zusammengespannt. Dann gibt es natürlich auch noch die Literatur. Wir haben heuer zum dritten Mal einen Tag, der unter dem Titel `Begegnungen´ steht. Wir wollen in der Mitte des Forums einmal die Hektik beiseitelassen und einfach gemeinsam nachdenken. Wir laden uns dazu einen prominenten Gast ein. Dieser übernimmt für den Tag die Gastgeberrolle. In Absprache mit uns offerieren wir diesem Gastgeber, dass er sich Leute einladen kann, mit denen er immer schon diskutieren wollte. Zum ersten Mal haben wir das mit Herrn Kusej gemacht, dem jetzigen Burgtheaterchef. Voriges Jahr mit Frau Beckermann, die den Film `Waldheims Walzer´ gemacht hat. Heuer haben wir drei Personen angesprochen, es ist also noch nicht endgültig entschieden wer der Gastgeber sein wird.

Im Rahmen des Forum Alpbach werden viele Stipendien vergeben. Merkt man bei der Vergabe der Stipendien eine gewisse Tendenz, aus welchen Ländern die Bewerber kommen? Sind das hauptsächlich österreichische Bewerber, oder ist es durchaus international?

Aufgrund des Systems, das wir für die Stipendiaten installiert haben, gibt es eine gewisse Trennung zwischen jenen, die aus Österreich kommen und jenen aus dem Ausland. Wir haben in über 30 Ländern sogenannte Alpbachclubs. Das sind Gemeinschaften der Alumni, die früher als Stipendiaten in Alpbach waren. Diese Clubs haben die Sponsoren zu finden und auf diese Weise Stipendien zu finanzieren. Die selbst aufgetriebenen Stipendien dürfen sie dann nach unseren Kriterien auch selbst vergeben.

Aber die größere Zahl der Stipendien, ungefähr zwei Drittel, vergeben wir selbst. Was uns die größten Schwierigkeiten bereitet, ist die große Zahl der Bewerber. Wir haben letztes Jahr für gut 450 Stipendien, die wir selbst vergeben, über 6000 Bewerbungen aus mehr als 130 Ländern bekommen. Wir überlassen die Auswahl aber nicht dem Zufall. Jede Bewerbung haben sich zwei Leute angeschaut, damit tatsächlich die Besten zum Zug kommen. Dafür haben wir voriges Jahr 50 Leute gebraucht. Die andere Tendenz ist, dass die Stipendiaten aus immer mehr Ländern der Welt kommen. Wir haben verschiedene Kooperationen begonnen, um die Teilnehmerzahl vor allem aus Afrika und Asien zu erhöhen. Zum Beispiel mit verschiedenen deutschen Privatstiftungen oder Universitäten. Die Freie Universität Frankfurt zahlt zehn Stipendien und hat sich dazu verpflichtet, davon mehr als die Hälfte an Studenten aus Entwicklungsländern zu vergeben. Von den Professoren wird die hohe Qualität dieser Studenten immer wieder gelobt. Wir versuchen auch, das Gesellschaftliche nicht zu kurz kommenzulassen, sodass eine Art Community entsteht. Allerdings mussten wir gewisse Begrenzungen einführen, denn wir können nur begrenzt Leute in Alpbach und Umgebung unterbringen. Sie bekommen von uns eine Befreiung von den Teilnahmegebühren, die Nächtigung ist frei und sie bekommen zusätzlich ein Taschengeld. Außerdem bezahlen wir für Studenten aus Entwicklungsländern den Flug.

Das Europäische Forum Alpbach ist ein Netzwerk in einer durchaus globalisierten Welt. Sie haben bereits erwähnt, Sie werden immer breiter und internationaler. Gleichzeitig haben wir weltweit Strömungen in Richtung Nationalismus und auch Populismus. Inwiefern merkt man das auch am Europäischen Forum Alpbach?

Wir merken das nicht. Die Leitidee bei der Gründung war, etwas gegen den Faschismus und den Nationalsozialismus zu unternehmen. Heute treten wir deshalb bewusst gegen den Nationalismus und Populismus auf. Jeder, der sich damit beschäftigt, weiß über den Elitenhass im Populismus. Wir sind der Meinung, erstens braucht die Gesellschaft Eliten und zweitens sehen wir uns auch als solche. Wir wollen keine Ausdünnung der Inhalte, sondern Exzellenz anbieten. Aber wir sind auch niemand, der sich in die heile Welt eines alpinen Hochtals zurückzieht. Wir suchen auch die Auseinandersetzung und haben Diskussionsformate, wo wir bewusst Leute von der rechten Seite mitnehmen. Natürlich hören wir uns dann nicht einfach an, wie sie die Welt missionieren, sondern sie müssen sich einer Konfrontation stellen.

Speziell in der heutigen Zeit wird politische Verantwortung immer wichtiger. Wir erleben immer mehr emotional geführte Debatten. Wir haben viele Politiker, die sich immer stärker nach den medialen Mehrheitsmeinungen richten, anstatt wissenschaftlich fundierte Lösungsansätze in den Mittelpunkt zu stellen. Es gibt immer weniger Menschen, die aktiv als Führungspersönlichkeiten in die Politik eintreten möchten. Wie kann man diesen Problemen entgegenwirken?

Man muss diese Dinge differenziert sehen und differenzierte Antworten geben. Zum Beispiel sehe ich nicht, dass die Politik emotionaler wird. Vielleicht sind es andere Emotionen als früher. Auf der anderen Seite aber würde ich dafür plädieren, dass die Politik emotional sein muss. Sonst wird es langweilig. Die, die politisch erfolgreich sind, haben einerseits ein gewisses Charisma und können die Emotionen der Menschen ansprechen. Leider nicht immer im positiven Sinn. Trump beherrscht es zweifelslos die Emotionen der Leute für sich zu nutzen.

Ich bin davon überzeugt, dass unsere Schwierigkeiten nicht primär daher rühren, dass die Populisten so stark sind, sondern dass die sogenannten Verteidiger der liberalen Demokratie so schwach sind. Darüber hinaus können Sie bei Collin Crouch nachlesen, wie das mit der postdemokratischen Gesellschaft so ist. Im Jahr 2003 hat er mit einem Essay schon gesehen, wohin die Reise gehe. Crouch hat darauf hingewiesen, dass im Wahlkampf nicht mehr die Parteien gegeneinander antreten, sondern die von ihnen beauftragten Werbefirmen. Diese Werbefirmen haben die Tendenz, ein Thema groß aufzublasen und als das Problem schlechthin darzustellen. In der Realität stimmt das natürlich nicht. Diesen Trend kann man an der Art und Weise, wie bei uns das Migrationsthema behandelt wird, gut nachempfinden. Weil das Problem größer gemacht wird als es tatsächlich ist kann man dann auch leichter Erfolge verkaufen. Nicht nur in Österreich, sondern überall passiert das. Man versucht dann auch die mediale Welt zu kontrollieren. Der einfache Wähler befindet sich in einer immer schwierigeren Situation. Er kann nicht mehr unterschieden, was wirklich ist und was in der Bubble produziert wird. Das schwächt vor allem die Urteilskraft jener, die sich nicht so intensiv mit politischen Dingen beschäftigen. Deshalb schwächeln die Demokratien. Unsere Reaktion darauf ist, dass wir uns in Alpbach mit der Frage der Weiterentwicklung der Demokratie besonders intensiv beschäftigen.

Sie haben bereits angesprochen, dass die Medien eine wichtige Rolle spielen. In vielen Bereichen findet eine gewisse Filterblasenentwicklung statt; sowohl auf der Politikerseite, aber auch, was den eher unpolitischen oder wenig Politik-interessierten Bürger betrifft. Diesbezüglich präsentiert sich das Forum Alpbach als ein Dialogforum. Man könnte es auch als eine Art elitäres Dialogforum bezeichnen, da man nicht die breite Masse ansprechen kann. Das ist aber auch nicht Sinn und Zweck eines Dialogforums. Gibt es Ihrer Meinung nach dennoch Möglichkeiten und Mittel, dass man in puncto Filterblasen, Medien und Fakten den einfachen Bürger erreichen kann?

In Alpbach selber kann man nicht alles gleichzeitig machen. Die Frage ist, wie kann man sicherstellen, dass das, was als richtig erkannt wird und diskutiert wird, auch verbreitet wird. Wer und wo sind diejenigen, die die Inhalte für die Wählerschaft und die Bürger übersetzen? Im Allgemeinen sind das die Medien, deshalb sind diese in Alpbach derart wichtig. Das sieht man vor allem an unserer Medienpräsenz im August in Österreich. Zurzeit arbeiten wir daran, vermehrt internationale Medien zu erreichen. Da gibt es erste Erfolge: Wir haben zum Beispiel eine Kooperation mit Politico in Brüssel.

Es ist wichtig, sich zwei Dinge in diesem Zusammenhang anzuschauen. Das Eine ist, dass wir tatsächlich in zwei verschiedenen Welten leben; sozusagen die `Knowledgeable People´ und `die Anderen´, und die Brücken zwischen diesen beiden werden immer schmäler und schwächer. Das ist eine echte Gefahr für die Demokratie, die Leute sind dann viel leichter zu verführen. Es ist immer nur eine Frage der Zeit, bis ein „Prophet“ auftritt und das sind meistens falsche Propheten. Das Andere ist wahrscheinlich der Umgang mit den größten Problemen der nächsten 20 Jahre. Wir müssen aufgrund des Klimawandels, der Digitalisierung, der Folgen des Gebrauchs von künstlicher Intelligenz, der sozialen Klüfte etc. eine grundlegende Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft zustande bringen. Das kann man mit den bisherigen Lösungsstrategien nicht in den Griff bekommen. Vor allem nicht, weil die Welt immer komplexer wird. Wie soll man mit dieser Komplexität umgehen? Für die Lösung solcher Probleme braucht es ein anders organisiertes Zusammenwirken von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, und das alles auf Augenhöhe. Momentan organisieren Politiker lediglich Hearings und lösen dadurch gar nichts. Es braucht das gemeinsame Arbeiten an einer Lösung und dazu gibt es interessante neue Ansätze. In Irland beispielsweise gibt es Bürgerräte, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt werden. Sie arbeiten gemeinsam an einem Problem, können sich dafür Wissenschaftler, Unternehmer und Politiker zu Hilfe holen. Bei uns gibt es derartige Bürgerräte vorerst nur in Ansätzen in Vorarlberg und Salzburg.

In letzter Zeit sind nicht nur die Inhalte des Forum Alpbach in den Medien präsent gewesen, sondern auch das Rundherum; Sponsoren, die Frager nach Ihrer Nachfolge. Es hat auch Stimmen gegeben, die sagen, das Forum Alpbach ist im Abgang in einer schwierigen Situation. Können sie dem etwas abgewinnen?

Überhaupt nichts, denn die meisten dieser Meldungen sind aus der Luft gegriffen. Eines ist wahr: Ich werde im nächsten Jahr als Präsident des Forums aufhören und wir werden rechtzeitig einen Nachfolger präsentieren, vorrausichtlich schon im Frühjahr. Jetzt bin ich noch nicht in der Lage Genaueres zu sagen. Denn man sollte nicht vergessen, dass wir ein demokratisch organisierter Verein sind. Über die finanzielle Situation braucht sich niemand Sorgen machen. Wir sind über 95 Prozent privat finanziert und nicht einmal fünf Prozent unseres Budgets, von ungefähr drei Millionen im Jahr, sind öffentliche Mittel. Insofern sind wir da etwas ungewöhnlich und aufgrund dessen völlig unabhängig. Es ist naheliegend, dass das nicht allen in Österreich gefällt. Dabei wird es aber bleiben, denn wir haben auch kein Problem genügend Sponsoren zu finden. Auch nachdem zwei Sponsoren vorübergehend ihre Sponsorentätigkeit eingestellt haben. Ich möchte darauf hinweisen, dass diese beiden ungefähr ein Hundertstel unseres Budgets finanziert haben. Man kann uns vorwerfen, dass wir zu wenig Österreich betonen und zu international sind. Aber wir wollen international sein und aus meiner Sicht hat daneben durchaus eine Veranstaltung Platz, die Österreich im Fokus hat. Das würden wir sogar unterstützen.

Worin sehen Sie die derzeit größte globale Herausforderung?

Als erstes ist hier der Klimawandel und die Folgen zu nennen. Daran hängen auch viele andere Konsequenzen wie etwa Migrationsströme. Die zweite große Herausforderung ist die digitale Welt. Diese Entwicklung ist durchaus vergleichbar mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert. Bekanntermaßen hat die industrielle Revolution dann zu einer Revolution im Jahre 1848 geführt. Wenn es stimmt, dass wir jetzt eine ähnliche technische Revolution erleben, ist dann auch die Folge wieder eine politische Revolution? Derzeit stellt sich die Frage, welches Ausmaß an sozialen Folgen die Digitalisierung und der Gebrauch der künstlichen Intelligenz haben wird? Manche reden davon, dass mindestens ein Drittel aller Arbeitsplätze verschwinden werden. Problematisch daran ist, dass die Leute, die bisher in diesen Arbeitsfeldern tätig waren, nicht alle zu digitalen Experten umgeschult werden können. Wie geht man mit diesen Problemen um? Das wird eine der ganz großen Fragen werden. Verstärkt wird dies durch den wachsenden Generationenkonflikt im Zusammenhang mit der Ausbeutung natürlicher Ressourcen und den negativen Folgen wie etwa der Erderwärmung. Wir gehen einer sehr spannungsgeladenen Zukunft entgegen.

Die Bereiche Klima, Umwelt und Landwirtschaft sind eng miteinander verbunden. Gleichzeitig merkt man, dass die Anhänger/Vertreter der einzelnen Bereiche nicht nur miteinander arbeiten, sondern auch gegeneinander.

Das ist normal. In Phasen gesellschaftlicher Umwälzung gibt es immer diejenigen, die ihre Besitzstände wahren wollen. Das sind vor allem jene, die aus dem bisherigen System profitiert haben. Dann gibt es auch jene, die unter den Folgen der wachsenden Probleme zu leiden haben und sich fragen: Wie komme ich dazu und was kann ich dagegen tun? Das trifft durchaus auch auf die Landwirtschaft zu: In Peter Roseggers Roman `Jakob der Letzte´ wird genau diese Umwälzung beschrieben, die durch die Mechanisierung und Verwendung chemischer Dünger – also aufgrund der Industriellen Revolution und ihren sozialen Folgen entstanden ist. Der Traktor ersetzte die Knechte und die Pferde. Die Frage ist, wie wird es in den kommenden 20 Jahren sein?

Kommen wir zu einem weiteren Thema. Neben der Klimakrise hat 2017 die Migrationsthematik den Wahlkampf dominiert. Es ist ein Thema, welches nicht ganz gelöst ist und es gibt seit Jahren schon Versuche, zumindest auf europäischer Ebene Lösungen zu finden. Wie würde eine derartige Lösung aussehen, die auch von allen Staaten unterstützt wird?

Mit den vielen kleinen Nationalstaaten ist eine nationale Lösung in Europa undenkbar. Es ist nicht einmal klar, ob Europa alleine ausreichen wird. Bei der Migration muss man unterscheiden. Beginnen wir mit der Flüchtlingsfrage: Es ist eine Tatsache, dass wir Millionen Flüchtlinge haben. Der größte Faktor dieser politischen Flüchtlinge sind kriegerische Auseinandersetzungen. Die Frage ist, ob Europa stark genug ist, um zum Beispiel Syrien zu befrieden. Zudem werden wir in den nächsten Jahren viel mehr Klimaflüchtlinge haben. In diesem Zusammenhang ist die Entwicklungspolitik angesprochen. Ich glaube, dass Europa da gute Chancen hätte, aber wesentlich strategischer agieren müsste. Insbesondere in Afrika, von wo die meisten Klimaflüchtlinge zu erwarten sind. Europa ist der größte Donor und trotzdem entsteht daraus zu wenig. Pro Kopf Europäer zahlen  mehr als doppelt so viel für Entwicklungszusammenarbeit im Vergleich zu den Amerikanern. Wir müssten die Kooperationsmöglichkeiten mit den afrikanischen Staaten viel stärker ins Zentrum rücken. Die Idee der Almosen – ein schöner christlicher Brauch – funktioniert nicht mehr. Europa könnte aber viel machen und es gibt dazu auch schon Vorschläge von der neuen Kommissionspräsidentin. In der Rangordnung an dritter Stelle zu stellen sind die Wirtschaftsflüchtlinge. Hierbei geht es primär um Beschäftigung. Wenn es gelingt, vor Ort eine Stimulation der Wirtschaft zu schaffen, dann wird der Drang nach dieser Migration weniger.

Abschließend würden wir gerne von Ihnen wissen, ob Sie noch etwas zum Europagedanken hinzufügen möchten?

Man sollte die Idee die Vereinigten Staaten von Europa zu gründen zur Seite schieben. Das ist angesichts von Renationalisierungstendenzen quer durch Europa und durch den Brexit eine obsolete Idee. Stattdessen sollte man die Kooperation in Teilbereichen verstärken, etwa in der Wissenschaft und Wirtschaft. Erasmus+ ist für mich eine ganz wichtige Einrichtung.

Abschließend noch ein Gedanke von meiner Seite: Ich glaube, dass wir in der Integration von Europa dadurch Fortschritte machen könnten, indem wir verstärkt darauf schauen, dass die nationalen Grenzen nicht als Grenzlinie verstanden werden, sondern als Grenzräume. Wenn ich ein friedliches Zusammenleben und eine stärkere Kooperation forcieren möchte, dann muss ich die Spürbarkeit der Grenzen abbauen. Das kann durch grenznahe Zusammenarbeit oder regionale Programme wie den Europaregionen passieren. Ein Beispiel hierfür ist die Region Tirol-Südtirol-Trentino. Solche Europaregionen würden wir viele brauchen. So könnten wir das Zusammenleben in Europa vorantreiben.

Wir bedanken uns bei Alpbach-Präsident Dr. Franz Fischler für das Gespräch.

Konstantin Ghazaryan
Neben seiner Mitwirkung an der Interviewführung und -ausarbeitung, verfasst der Political Science MA-Student vor allem Analysen und Kommentare für die Bereiche der internationalen und europäischen Politik. Die Bereiche Sicherheitspolitik, Allianzen und Diplomatie gehören zu seinen Schwerpunkten.

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