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Andreas Keese
Andreas Keese ist seit Mai 2020 Hoteldirektor des Hotel Sacher Wien. Der gebürtige Magdeburger war zuvor Executive Food & Beverage Manager. Keese machte zuvor Karriere im Steirereck in Wien und L’Auberge d’Hermance in Genf.

    Herr Keese, was ist ihr Lieblingskaffee?

    Ich bin ein Fan der Sacher Melange. Gebürtig aus Deutschland, bin ich nach Österreich gekommen, um letztendlich auch die österreichische Kaffeehauskultur kennen und lieben zu lernen, und was bei der Sacher Melange ganz besonders ist, ist der Cappuccino mit der Schlagobershaube. Die finde ich großartig.

    Wenn wir uns die Wiener Kaffeehauskultur anschauen – sie ist ja auch ein immaterielles Erbe der UNESCO – bekommt man von den Menschen jeweils unterschiedliche Meinungen und Ansichten. Was ist Ihrer Meinung nach die Wiener Kaffeehauskultur und was macht sie so besonders?

    Spannend ist ja für Wien und Österreich, dass die Kaffeehauskultur hier sehr früh begonnen hat. Ich glaube, das erste Kaffeehaus in Wien wurde 1685 gegründet und auch Sacher hat letztendlich zur Geschichte beigetragen. Ich würde gerne diesen Einfluss mit Sacher widerspiegeln, weil ja auch mit der Gründung der Original Sacher-Torte 1832 und mit der Gründung des Delikatessengeschäfts 1848 von Eduard Sacher, haben ja Kaffee und Torte letztendlich eine große Tradition gehabt.

    Wenn man von der Geschichte aus geht, ist es ja so, dass die Leute früher wenig Geld hatten und eher in die Kaffeehäuser gegangen sind, weil es dort eine Heizung gab und Zuhause dafür kein Geld vorhanden war. Dieser Genuss gepaart mit dem Geselligen ist in Österreich und auch in den Nachbarländern wie Italien oder Ungarn, kultiviert worden und hat auch im süddeutschen Raum Einzug gehalten. Das bedeutet für die Österreicher*innen, dass man auch einfach mal ohne weiteren Grund auf einen guten Kaffee geht.

    Anna Sacher hatte das früh erkannt und gerade im 19. Jahrhundert, wo die Damen nicht so ohne Weiteres in ein Kaffeehaus gehen konnten, hat sie einen Damensalon eröffnet, was aus zukunftsweisender Perspektive durchaus spannend ist. Summa Summarum tief integriert und verwurzelt, einfach dieses Gesellige mit einer guten Qualität des Kaffees, gepaart mit der Schokolade.

    Sie haben es schon angesprochen, Sie sind ja gebürtig aus Deutschland. Würden Sie sagen, dass die Wiener Kaffeehauskultur typisch für Österreich bzw. für den ehemaligen K&K Raum ist und in gewisser Weise die österreichische Mentalität, falls es so etwas gibt, und den Lebensstil kennzeichnet?

    Ich glaube ja und es ist letztendlich tief verankert. Ob es eine Wiener Kaffeehauskultur ist, ob es eine italienische „Schnell am Tresen um einen Euro to-Go“-Kultur ist oder auch dieses gemütliche Zeitunglesen. Wir suchen gerade jetzt nach Corona mehr und mehr diese Qualität, die letztendlich tief bei den Österreicher*innen wie auch den Nachbarländern verwurzelt ist.

    Sie haben vorher angesprochen, dass ich gebürtiger Deutscher bin. Ich kannte die österreichische Kaffeehauskultur früher nicht. Ich kannte ‚auf einen Kaffee gehen‘, aber nicht die  Spezialitäten, die es in Österreich gibt, wie den Fiaker oder den Pharisäer, es gibt ja so tolle Geschichten, die da dahinter stecken. Zum Beispiel gibt es eine Erzählung, dass der Fiaker entstanden ist, weil die Fiaker früher sehr gefroren haben und dazu quasi den Schrittgurt hatten, einer mit Tasse in warmen Zeiten, und einer ohne Tasse in kalten Zeiten, damit er nicht zu schnell abkühlt, und das Schlagobers oben drauf, damit er beim Reiten nicht überschüttet. Ich finde es immer noch toll, dass diese Tradition so gelebt wird.

    Sie haben ja auch schon erwähnt, es gehört diese Gemütlichkeit zur Wiener Kaffeehauskultur, dass man sich entweder gesellig unterhält oder eben Zeitung liest. Ist, Ihrer Meinung nach, die Gemütlichkeit in einer Zeit der Schnelllebigkeit in gewisser Weise verloren gegangen?

    Ich würde sagen Jein. Es gibt zwei verschiedene Sichtweisen. Wenn man jetzt einmal vor Corona schaut, war das Leben ja sehr schnelllebig. Einen Kaffee, ein Stück Original Sacher-Torte und vielleicht noch schnell ein Foto machen, und das wars. Wir haben jetzt ein wenig Zeit gehabt das Vorhandene zu hinterfragen. Ich kann nur für mich sprechen und was ich jetzt so mitbekomme, freuen sich die Menschen einfach wieder auf einen Kaffee und Kuchen und sich die Zeit auch für Gespräche wieder zu nehmen. Wir sind jetzt wieder dahin gekommen, dass sich die Leute mehr Zeit nehmen, würde aber sagen, dass es davor schon eine gewisse Kultur für die Österreicher*innen war. International gesehen, gibt es das nicht in dieser Form, weil eingangs erwähnte Italiener oder Japaner sehr schnell leben und sich für Kaffee nicht so viel Zeit nehmen. Ich finde es toll, dass die Kaffeehauskultur in Österreich noch so zelebriert wird.

    Ich habe eine lange Zeit in Hannover gelebt und da war gerade die Teekultur beliebt. Viele Teetrinker, die dort auch ein bisschen genießen, aber wirklich zusammensitzen und Zeitung lesen, das kenne ich eigentlich nur mehr aus Österreich.

    Könnten Sie die Entwicklung der Kaffeehauskultur und im Speziellen des Café Sachers im Laufe der letzten 100 Jahre skizzieren? Zu welchen wesentlichen Entwicklungen es gekommen ist?

    Wir hatten ja 1876 die Eröffnung des Hotel Sachers mit der Original Sacher-Torte, ein wesentlicher Eckpfeiler dieses Hauses. Und das Kaffeehaus hat für uns immer eine wichtige Rolle gespielt. 1900 war es ja zum Beispiel so, dass die Damen nicht in ein Kaffeehaus gehen durften und Anna Sacher daher einen Damensalon eingerichtet hatte um dieses Gesetz zum umgehen.

    Wenn man jetzt schaut, haben die Tradition und Qualität immer eine wichtige Rolle gespielt. Es haben sich über die Jahre sehr unterschiedliche Kaffeesorten entwickelt. Und mit diesem Erbe, diesen Produkten weiterzuleben finde ich einfach sehr spannend. Ein Fiaker oder ein Pharisäer steht immer noch auf der Karte und wir versuchen diese Tradition auch mit der Entwicklung weiterzuleben.

    Wir haben sehr gut ausgebildete Barista, wir haben – sie sehen jetzt hier diesen Cappuccino mit Herzform oder auch mit einem Elefanten – weil das die Leute begeistert. Wir haben im Hinblick auf Qualität immer mehr dazu gewonnen auch bei der Finalisierung. Wir hatten Zeiten wo uns bis zu 1.500 Gäste im Kaffeehaus besucht haben, mit der Leistung und Anspruch auf höchste Qualität, die für Sacher eine Herzensangelegenheit ist. Dafür braucht es jedoch auch die richtigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die dafür brennen. Und Sacher hat es einfach geschafft, über eine sehr lange Distanz diese Qualität zu halten. Auch hier (Anm. am Tisch) das feinste Porzellan mit Goldprägungen und auch daran sieht man diese Wertschätzung.

    Das Wiener Kaffeehaus Sacher ist ja ein Traditionsinstitut und auch ein Aushängeschild, nicht nur Wiens sondern auch Österreichs. Wie schafft man es einerseits dieses Traditionelle beizubehalten, aber gleichzeitig mit der Zeit mitzugehen? Zum Beispiel gab es ja vor einigen Jahrzehnten den Cappuccino noch nicht in einem Wiener Kaffeehaus und das ist in einer gewissen Weise auch eine Revolution gewesen. Wie schafft man es hier eine Balance zu finden?

    Gerade Sacher war es immer wichtig sich nicht auf dem Erfolg der letzten 150 Jahre auszuruhen, sondern immer mit voranzuschreiten. An Cappuccino war vor Jahrzehnten nicht zu denken, an Coffee to Go war vor zehn Jahren wenig zu denken und wir haben es dann doch gemacht, weil das Feedback des Marktes und der Wunsch der Gäste dementsprechend war. Uns ist es unglaublich wichtig, den Bezug zu unseren Gästen zu haben, um ihre Meinungen zu berücksichtigen und in einem nächsten Schritt zB gerade das Thema Digitalisierung anzugehen. Wir reden einerseits von der Wiener Kaffeehauskultur andererseits versuchen wir durch Digitalisierung am Puls der Zeit zu bleiben – Sie sehen es gerade am Tisch das Beispiel einer Speisekarte mit QR-Code, wo der Gast die Möglichkeit hat, einerseits die Karte über das mobile Handy zu sehen oder andererseits auch Hintergrundinformationen zur Original Sacher-Torte, über die Herstellung der Kaffees abzurufen.

    Wir haben hochentwickelte Kaffeemaschinen, die auf Gramm, den Grad der Mahlung, die Temperatur auf 0,1 Punkt variierbar sind, um hier den besten Kaffee anbieten zu können. Die Kaffeemaschine im Backoffice des Kaffeehauses zum Beispiel ist von der Temperatur anders wie die Kaffeemaschine im Schanigarten, wo es sehr windig ist. Da muss man die Maschine heißer einstellen, damit der Kaffee die gleiche Temperatur hat wie im Kaffeehaus. Und diese kleinen Details machen das Service-Erlebnis aus und deshalb ist es ganz wichtig immer vorne mit dabei zu sein und sich auch immer zu hinterfragen. Deshalb versuchen wir auch begeisterte Mitarbeiter*innen zu finden, die Spaß daran haben auch bis zu 1.500 Cappuccino am Tag zu machen. Ich habe das auch mal probiert mit den Herzen und Elefanten und weiß jetzt, dass es hier Kolleg*innen braucht, die das wirklich wollen, und letztendlich auch die Gäste, die das nachfragen.

    Auch eine Chai Latte wäre vor drei Jahren noch undenkbar gewesen. Heute steht sie auf der Speisekarte, weil die Kunden es einfach möchten. Es wäre fatal, den Gästen vorzuschreiben was wir wollen, sondern letztendlich zählt, was der Gast möchte.

    Welchen Einfluss hat in diesem Kontext die Etablierung von modernen Coffee-Shop Ketten wie zum Beispiel Starbucks auf die Traditionshäuser gehabt?

    Das ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits freuen wir uns über Mitbewerber. Starbucks hat sehr gute Kaffees und hat mit ihrer Systemgastronomie etwas geschaffen, wo auch wir etwas davon lernen können. Ich glaube, dass es letztendlich ein Gewinn für alle ist, weil das Interesse viel größer wird. Wir freuen uns zum Beispiel auch, wenn ein neues Fünf-Sterne Hotel in Wien eröffnet. Miteinander statt gegeneinander, weil alle voneinander profitieren.

    Starbucks spricht andere Menschen an, aber wenn der Gast sagt: „Mir schmeckt der Kaffee nicht, ich probiere ihn jetzt im Sacher aus.“ und umgekehrt ja genauso, profitieren wir ja auch davon. Ich freue mich einerseits, dass eine Globalisierung im Sinne der Qualität stattfindet und andererseits wir auch dafür stehen, etwas ganz Besonderes zu sein. Ins Sacher kann man ja auch nicht überall gehen und das macht uns letztendlich dann auch einzigartig.

    Wenn man Touristen über Österreich fragt, dann ist eines der ersten Assoziationen mitunter auch Sacher. Hallstatt, Prater und Sacher.

    Und Stephansdom.

    Und Stephansdom. Natürlich. Also eines der wesentlichen Aushängeschilder. Fühlt man sich als Hotel und Café Sacher in diesem Sinne in einer besonderen Verantwortung, weil man ja auch als Aushängeschild fungiert, ob gewollt oder ungewollt, und wie geht man mit dieser Verantwortung um?

    Im Sacher zu arbeiten ist letztendlich ein Privileg. Als Hoteldirektor erfüllt es mich schon mit Stolz die Hotelgeschichte weiterleben zu lassen oder auch mitschreiben zu können. Jede/r Mitarbeiter*in, die/der hier arbeitet, fühlt sich mit dem Haus und der Tradition verbunden und wir versuchen auch immer state-of-the-art zu sein. Als familiengeführtes Unternehmen wollen wir mit den Mitarbeiter*innen als große Familie agieren. Es ist Familie, Tradition und Leidenschaft. Das sieht man auch an den einzigartigen Räumlichkeiten des Sacher, die es ganz besonders machen.

    Es gibt ja unzählige Verfilmungen, Romane und auch viele Broschüren über das Café Hotel Sacher. Wenn man sich die ganze Kaffeehauslandschaft anschaut, gibt es ja durchaus auch andere bekannte Institute wie das Café Central, Schwarzenberg usw. Sacher ist jedoch in einer noch besonderen Rolle, auch bei den Touristen, nicht nur bei den Einheimischen. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür?

    Das Café Sacher ist deshalb einzigartig, weil wir seit der Gründung der Original Sacher-Torte, 1832 von Franz Sacher, dieses ‚Extrazuckerl‘, diese einzigartige Torte haben. Kein anderes Haus, kein anderes Hotel der Welt hat eigentlich eine Torte, die international so präsent ist. Wie vorher gesagt der Stephansdom ist Österreich, dann gleich die Original Sacher-Torte. Es hat Anfang dieses Jahres mehrere Meldungen gegeben, dass die Sachertorte die auf Instagram beliebteste Mehlspeise ist.

    Und die Menschen kommen hierher um die Original Sacher-Torte essen zu können. Denn Sie können eine Sachertorte zwar im Café Central, im Café Hawelka und wahrscheinlich auch im Café Aida bekommen, aber das Original, das gibt es nur hier. Und deshalb ist es für jeden einfach wichtig, im Café Sacher Wien zu sitzen und die Original Sacher-Torte zu essen.

    Man könnte sagen, das ist so ähnlich wie mit der Original Mozartkugel im Café Fürst in Salzburg.

    Absolut. Und diese Mozartkugel gibt es zwar unzählige Male, aber das Original gibt es nur vom bzw. im Café Fürst. Und neben der Mozartkugel machen sie auch ein wunderschönes Eis, nämlich das beste Morelleneis, das ich je gegessen habe. Wenn ich in Salzburg bin, gehe ich ins Café Fürst, um dort die Fürst Mozartkugel zu kaufen, weil es einerseits die Tradition und andererseits die Qualität ist. Und über diesen langen Zeitraum diese Qualität international oder national zu halten, ist einzigartig, und das versuchen natürlich so viele wie möglich zu schaffen und deswegen ist dieses „im Café Sacher sitzen, die Original Sacher-Torte zu genießen“ einfach so stark. Das macht uns letztendlich einzigartig.

    Wenn wir gerade bei der Sacher-Torte sind. Wie kam es denn zur Original Sacher-Torte und was hat sie denn in Österreich so beliebt gemacht? Und vor allem so beliebt bis heute.

    Alles hat ja 1832 mit Franz Sacher begonnen. Ein Lehrling der damals per Zufall ein Dessert erstellen musste, weil der Tortenchef krank war. Und es war ein großes Dinner vorbereitet mit einem großen Bankett, der Koch wurde krank und der kleine Franz sollte etwas ganz Besonderes kreieren. Mit damals 16 Jahren hat er dann einen Kuchen gebacken, der letztendlich in die Geschichte eingegangen ist, die Original Sacher-Torte. Franz Sacher, muss man dazusagen, war ein schlauer Koch, der ganz schnell erkannte, dass die Original Sacher-Torte etwas ganz Besonderes ist. Sein Sohn, Eduard Sacher, der ein Delikatessengeschäft hatte, unweit vom Hotel Sacher Wien, hat damals die Original Sacher-Torte im Geschäft verkauft und sie wurde immer bekannter.

    Mit dem Bau des Hotels 1876, hier gegenüber von der Staatsoper, war die Torte weiterhin im Zentrum des Sacher Imperiums und ist dann natürlich damit gewachsen. Aber begonnen hat alles mit einem Lehrling, der durch Zufall einen Kuchen backen musste, und das war dann die Original Sacher-Torte.

    Jetzt haben wir eine Manufaktur. Bis zum Jahr 2000 war die Produktion im Keller dieses Hauses. Man munkelt sogar, dass der erste Bezirk früher immer nach Schokolade gerochen hat. Mit der höheren Stückzahl in der Produktion sind wir dann in den 11. Wiener Gemeindebezirk gezogen, um eine eigene Manufaktur in Wien zu haben. Wir produzieren jetzt jährlich ungefähr 300 Tausend Torten. Und für die, die es ein wenig kleiner wollen, produzieren wir den Original Sacher-Würfel, den ich selbst sehr gerne mag. Davon produzieren wir auch per Hand eine Million Stück. Das Rezept hat sich seit 1832 nicht verändert und es ist auch das bestgeschützte Geheimnis in der Sacher Geschichte.

    Mit Juli 2021 eröffnet die Sacher Pop-Up Welt im Sacher Eck in der Kärntnerstraße. Die Ausstellung ermöglicht einen exklusiven Blick auf die lange Kaffeehausgeschichte von Sacher mit einer einzigartigen Sammlung an historischen Kaffeemühlen, Kaffeeservices und weiteren Sacher Relikten.

    Sie haben es am Rande bereits ein paar Mal erwähnt. Hotel Sacher ist ja auch bekannt dafür Veranstaltungen vorzubereiten und durchzuführen. Stellt sich da eine gewisse Routine ein bzw. wie bereitet sich das Hotel Sacher darauf vor?

    Routine kann man nicht sagen, weil jeder Gast andere Wünsche hat und unterschiedliche Veranstaltungen plant. Es wird jedes Jahr individueller und die Wünsche der Gäste werden auch immer spezieller und wir versuchen natürlich immer den Gast so zufrieden wie möglich zu stellen. Auch der jährlich stattfindende Opernball ist nicht jedes Jahr der Gleiche und wir versuchen immer mit anderen Mottos und Themen den Opernball auch bei uns stattfinden zu lassen.

    Wir stehen manchmal vor Herausforderungen, weil das hier ein sehr altes Haus ist. Die Küche befindet sich bei uns im Keller. Das bedeutet viele Stiegen. Und natürlich haben wir auch Lifte. Wir brauchen eine hohe Anzahl an Mitarbeiter*innen, um das Volumen, gerade bei Veranstaltungen, abzudecken. Wir haben aber auch viel Spaß, weil jeder Raum, jedes Event einzigartig ist. Wenn Sie in das Hotel Sacher kommen, sehen Sie die unterschiedlichen Gebäude. Rechts und links verschiedene Fenstergrößen, weil das Hotel natürlich über die Jahre gewachsen ist und wir dadurch teilweise auch mit Stiegen für das Room Service oder auch das Housekeeping spannende Herausforderungen haben.

    Jede Veranstaltung ist bei uns anders, weil natürlich der Gästewunsch oberste Priorität hat. Deswegen ist jedes Event auch immer anders und wir versuchen mit Flexibilität oder auch Synergien zu arbeiten, um unsere Gäste zu verzaubern.

    In Ihrer Zeit als Hoteldirektor sind Ihnen irgendwelche Persönlichkeiten besonders in Erinnerung geblieben?

    Viele. Ich arbeite ja für Sacher nun seit vier Jahren und gerade zum Opernball und generell vor Corona war es sehr international. Zum Opernball gehört Planung von Wochen und Monaten. Wir haben bis zu 500 Menschen, die innerhalb von eineinhalb Stunden mit einem 8-Gang Menü, mit einem Aperitif verköstigt werden müssen. Die Hotelbar wird umgebaut. Tische werden vorbereitet. Jeder Zentimeter wird genutzt. Und dann war die Anreise von einem Filmstar, der auch Stammgast bei uns ist und der wie immer auf seinem Stammplatz, seinen Tisch in der roten Bar, sitzen möchte. Wir mussten dann in der letzten Minute Tische um-arrangieren, damit ein Zweier-Tisch in der Mitte des Raumes Platz hatte. Auch das ist uns letztendlich gelungen und keiner hat etwas bemerkt. Das zeigt auch wieder unsere Flexibilität und Spontanität.

    Mittlerweile gibt es ja vier Café Sacher-Standorte. Gibt es Pläne in Österreich noch weitere Standorte zu eröffnen? Vielleicht sogar im Ausland?

    Wir haben sogar fünf. Wir haben das Café Sacher Graz, das Café Sacher Innsbruck, das Café Sacher Salzburg, das Kaffeehaus in Wien und in Parndorf gibt es ja auch ein Kaffeehaus, das wir vor zwei Jahren eröffnet haben. Wir haben es die letzten zwei Jahre auch international mit zwei Popup-Cafés probiert. 2019 ein Sacher Café in Genf Beau-Rivage und letztes Jahr in Schloss Bensberg im Raum Köln und auch wieder in Genf, weil es im Vorjahr so erfolgreich gelaufen ist. Es hat sehr guten internationalen Zuspruch bekommen und wir arbeiten weiter in diese Richtung, weil wir international einfach sehr viele Original Sacher-Torten bzw. Café Sacher-Fans haben.

    Würden Sie sagen, dass Overtourism die Kaffeehauskultur ein wenig entwertet hat oder wie macht sich das Phänomen bei Ihnen bemerkbar?

    Entwertet würde ich nicht sagen, weil die Nachfrage einfach groß ist. Wenn man auf Social Media sieht, wie schön es ist im Kaffeehaus zu sitzen, möchte sich letztendlich jeder diesen Traum erfüllen und es freut uns natürlich sehr viele Gäste, gerade aus dem internationalen Raum, im Hotel Sacher begrüßen zu dürfen, weil wir mit Sacher auch einfach Träume erfüllen möchten.

    Was natürlich ein wenig ein Beigeschmack ist, dass die Leute teilweise, vielleicht auch unabsichtlich, vergessen haben, zu genießen. Ein Städtetrip der früher ein, zwei Wochen Urlaub war, wird heute in 48-Stunden „abgearbeitet“. Da geht man in vier Kaffeehäuser, dann geht man noch ein paar Mal Essen und dann fliegt man wieder zurück, um einfach bestmöglich alles gesehen zu haben.

    Aber ich glaube gerade jetzt, wo man wieder genießen möchte – diese Zeit haben will – ist „Genießen“ wieder ein bisschen zurückgekommen und ich hoffe, dass es wiedergekommen ist, um zu bleiben.

    Genießen die Gäste immer noch einen Kaffee klassisch mit Kuchen und einer Tageszeitung, oder ist es schon zu sehr zu einer touristischen Attraktion geworden? Stichwort: Mehr in kürzerer Zeit zu erleben?

    Sie sind ja gerade einem Herrn mit Zeitung gegenübergesessen. Wir freuen uns über solche Gäste. Es liegt letztendlich am Gast selbst, wie er seinen Kaffee genießen möchte. Ich bin super happy, wenn ich in Italien an einer Theke stehe und einen Espresso trinke und nach fünf Minuten wieder auf dem Weg bin. Ich freue mich aber auch einen Cappuccino oder eine Sacher Mélange zu genießen. Jeder genießt schlussendlich anders. Für uns ist wichtig, dass die Gäste mit ihren Anforderungen bei uns begeistert hinausgehen. Je nachdem, was man auch sucht. Wir versuchen jedes Bedürfnis zu befriedigen. Wenn wir jetzt einen Gast haben, der in einer Stunde einen Kaffee trinkt und eine Zeitung liest oder einen internationalen Gast haben, der unbedingt eine Original Sacher-Torte mit einer Sacher Mélange probieren möchte und dann wieder weg muss, dann versuchen wir beide Charaktere bestmöglich zu begeistern.

    Wir haben jetzt über ein Jahr hinter uns, wo so ziemlich kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Corona hat viel durcheinandergewirbelt und ich vermute auch ihr Geschäftsmodell. Wie hat sich denn Sacher durch die Krise gewirtschaftet?

    Wir haben gleich zu Beginn der Pandemie versucht optimistisch in die Zukunft zu blicken. Wir haben versucht mit allen Mitarbeiter*innen diese Krise zu bewältigen und haben zu Beginn schon mit diversesten Projekten für „nach der Pandemie“ gestartet. Das Haus in Wien war in den Zeiten davor gut besucht. Jetzt hatten wir wirklich einmal die Zeit nachzudenken, was können wir verändern? Wir haben beispielsweise in der Pandemie einen Drive-In für die Original Sacher-Torte eröffnet, den Sie vielleicht heute schon gesehen haben, wo die Kunden sicher und kontaktlos die Original Sacher-Torte abholen können. Wir liefern die Original Sacher-Torte nach Hause mit einem Pagen, um das Bedürfnis nach einem Sacher-Erlebnis auch nach Hause zu bringen.

    Wir haben die Zeit genutzt um Arbeitsabläufe zu hinterfragen. Gemeinsam mit den Mitarbeiter*innen haben wir eine Sacher-App entwickelt, um auch die Digitalisierung voranzubringen. Viele spannende Ideen… Wir haben die Zeit doch sehr effektiv genutzt und es macht uns sehr stolz, dass wir jede/n einzelne/n Mitarbeiter*in miteingebunden haben.

    Erwarten Sie sich gewisse Hilfestellungen seitens der Politik?

    Ich finde, die Politik hat schon sehr stark unterstützt. Mit dem Kurzarbeitsmodell, der Unterstützung bei den Nebenkosten… Österreich war eines der führenden Länder weltweit, welches die Hotellerie und Gastronomie unterstützt hat. Da muss man auch danke sagen, dass das auch so möglich ist.

    Der eine wird sagen: „Es ist zu wenig.“ Der andere wird sagen: „Es ist zu viel.“ Aber ich glaube, es ist ein gutes Mittelmaß. Wir können letztendlich dankbar sein, dass es dieses Hilfspaket gab.

    Wir befinden uns jetzt in einer Öffnungsphase, auch hier, wir sitzen jetzt in einem Kaffeehaus, wir können Kaffee wieder genießen. Wo sehen Sie jetzt die anstehenden Herausforderungen sowohl für das Kaffeehaus als auch für das Hotel?

    Das Hotel Sacher Wien, wie auch der internationale Städtetourismus, ist auf internationaler Kundschaft aufgebaut und auf sie angewiesen. Im Gegensatz zum Landtourismus sind wir ganz anders aufgestellt. Wir leben vom internationalen Publikum. Es wird noch Jahre dauern, wenn man sich hört, was die Fluggesellschaften sagen. 2023, 2024 sind wir auf dem Niveau von 2019. Bis dahin ist es also noch ein langer Weg. Wir sind sehr optimistisch bzw. sehr froh Gäste aus Österreich, Österreicher*innen bei uns begrüßen zu dürfen, auch die Nachbarländer, die ja zu uns kommen wollen, kommen zu uns und die Tendenz ist steigend, was uns sehr freut. Aber es wird noch Jahre dauern bis wir dorthin kommen. Wir sind jedoch sehr zufrieden, dass die Mitarbeiter*innen und Gäste im Haus sind. Das ist einfach ein Teil des Erlebnisses.

    Wo sehen Sie denn die Kaffeehauskultur in der Zukunft bzw. wo wollen Sie denn, dass sich die Kaffeehauskultur hin entwickelt?

    Ich würde mir wünschen, dass wir weiterhin an der Qualität und am Produkt arbeiten. Die Original Sacher-Torte wird hoffentlich nach dem gleichen Rezept in der Zukunft produziert wie es jetzt wird, denn sie schmeckt einfach wunderbar. Ich glaube, es ist wichtig, dieses Kulturgut, dieses Privileg, das man letztendlich hat, einfach zu genießen. Wie es in der Zukunft aussieht, weiß natürlich keiner, aber der Cappuccino schmeckt ganz gut und ich kann mir vorstellen ihn in 50 Jahren auch noch so zu trinken.

    Wir bedanken uns bei Hoteldirektor Andreas Keese für das Gespräch.

    Konstantin Ghazaryan
    Neben seiner Mitwirkung an der Interviewführung und -ausarbeitung, verfasst der Political Science MA-Student vor allem Analysen und Kommentare für die Bereiche der internationalen und europäischen Politik. Die Bereiche Sicherheitspolitik, Allianzen und Diplomatie gehören zu seinen Schwerpunkten.

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