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Herr Wirth, Sie sind seit 2013 Präsident und künstlerischer Leiter der Wiener Sängerknaben. In jungen Jahren haben Sie dort auch Ihre Ausbildung erhalten, sowie am Bruckner Konservatorium. Sie sind unter anderem Dirigent, Komponist und Chorpädagoge und haben unzählige Stationen der klassischen Musik durchlaufen, im Inland als im Ausland. Was hat Sie dazu gebracht, sich derart der Musik zu verschreiben?

Meine Eltern kommen vom Land und sind zwar keine Musiker, aber sie waren immer musikinteressiert, – egal, ob in der Blasmusikkapelle oder durch die Pfarre. Meine Brüder und ich haben schon in der Volksschule alle ein Instrument gelernt. Ich wurde dann mit sehr jungen Jahren von meiner Volksschullehrerin als ein möglicher Kandidat für das Vorsingen der Wiener Sängerknaben vorgeschlagen. Damals war der Aufruf vom oberösterreichischen Landesschulrat an alle Volksschulen, ein oder zwei Kinder zu einem Vorsingen nach Linz zu schicken. So hat sich das eine ins andere ergeben.

Ich habe das Glück gehabt, hier bei den Sängerknaben einen Chorleiter zu haben, mit dem ich nach wie vor sehr gut befreundet bin. Hier habe ich nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch persönlich eine sehr gute Erfahrung gemacht. Auch in der Entwicklung. Ich habe viele Sachen erlebt, die ich sonst nicht erleben hätte können. Sei es jetzt im musikalischen Bereich in der Zusammenarbeit mit den damals für uns als Kinder bekanntesten Dirigenten wie Karajan, Bernstein oder Karl Böhm. Oder in der Welt herumzufahren. Das wäre für mich als Kind sonst nie möglich gewesen. Dadurch hat sich für mich dann der Wunsch ergeben, das auch beruflich zu machen.

War es auch damals schon so, dass man mehrere Monate lang auf Tournee ging?

Damals waren die Tourneen noch länger als jetzt. Unsere längste damals war eine Asien-Australien-Tournee von Mitte März bis Mitte Juni. So lange sind sie jetzt nicht mehr. Wir als Kinder haben es damals als völlig problemlos und angenehm empfunden. Für die Eltern war es wahrscheinlich schwieriger.

In den 90er-Jahren verbrachten Sie dann Ihre Zeit in Calgary, Kanada, etwa als künstlerischer Leiter des Calgary Boys´ Choir und musikalischer Leiter der Calgary Civic Symphony. Wie kamen Sie zum Entschluss, 1998 wieder zu den Sängerknaben – Ihren musikalischen Wurzeln – zurückzukehren?

Mir ist es wahrscheinlich ähnlich wie anderen Künstlern und Musikern gegangen. Oft ergibt eins das andere. Das Auswandern nach Kanada war in keiner Weise geplant. Damals war ich im Salzburger Landestheater als Chordirektor engagiert. Es haben sich die Organisationen in Kanada gemeldet, ob ich Interesse hätte, dort als künstlerischer Leiter zu arbeiten. Ich war noch sehr jung damals und hatte eigentlich kein großes Interesse, wieder vom Theaterprinzip zurück zum Gesang zu gehen. Davor war ich ja auch schon Kapellmeister bei den Wiener Sängern. Aber ich habe mir gedacht, wenn die mich zu einer Woche Urlaub in Kanada einladen, um sich das anzuschauen, ist das auch nicht schlecht. Es war dann aber sehr viel interessanter als gedacht. Vor allem die Möglichkeit, Dinge zu entwickeln und ihnen eine Richtung zu geben. Diese Möglichkeiten hätte ich in meinen jungen Jahren in Europa sicher nicht gehabt, eine ganze Organisation mitzubestimmen. Ein ganzes System mit zu entwickeln. Es gab hier viele Möglichkeiten.

Das Zurückkommen war dann ähnlich. Ich hatte nie wirklich vor, zu den Sängerknaben als Chorleiter zurückzukommen, da ich das schon einmal in den 80ern gemacht habe. Ich kannte damals die künstlerische Leiterin schon aus Kanada und sie kannte meine Arbeit und hat in der Zeit Chorleiter für Wien gesucht. Ich habe mir dann gedacht, ich spring einmal für eine Tournee ein, das ist sicher ganz lustig. Nicht unbedingt mit der Planung, hier lange zu bleiben. Es hat sich dann aber ergeben, dass sie das Haus verlassen hat und man mich gefragt hat, gemeinsam mit Norbert Balatsch – ein sehr bekannter Chorleiter, aber im Opernbereich, der tolle Arbeit unter anderem an der Staatsoper, in Bayreuth oder in Santa Cecilia in Rom, geleistet hat. Dieser wurde dann 1999 künstlerischer Leiter und ich quasi sein Stellvertreter. Die Idee war, das im Team gemeinsam mit den alten Seniorchorleitern und jungen Typen zu machen. Er hat dann aber ein Jahr später beschlossen, dass das nicht wirklich sein Metier ist. 2001 wurde ich dann offiziell künstlerischer Leiter. Seitdem bin ich noch immer da.

Die Tradition der Wiener Sängerknaben reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Joseph Haydn und Franz Schubert waren selbst Sängerknaben. Musiker wie Mozart, Salieri und Bruckner zog es immer wieder an den Wiener Hof. Auf Ihrer Website findet sich hierzu eine detaillierte Künstlerbiographie, vom Repertoire bis hin zu Tourneen und Konzerten. Uns interessiert vor allem, was die Wiener Sängerknaben für Sie persönlich bedeuten?

Naja, es gibt einmal den traditionellen Aspekt. Wir sind über 500 Jahre alt. Das heißt, die Sängerknaben – nicht nur die in Wien, sondern auch in anderen Ländern der Welt – sind auch ein Instrument, ein Klangkörper. Dieses Instrument würde ohne die Sängerknaben nicht mehr existieren. Es hat sehr speziell mit dem Repertoire zu tun: Renaissance-Musik und Klassik. Man kann eigentlich sagen, gerade die geistliche Musik aus dieser Zeit wurde für diesen Klangkörper geschrieben. Ähnlich, als wenn man heute eine Matthäus-Passion von Bach aufführt. Man versucht, mit Originalinstrumenten den Originalklang zu erzeugen. Wenn man das möchte, braucht man auch einen Knabenchor.

Darüber hinaus sind für mich andere Aspekte noch viel wichtiger. Der eine Aspekt ist, dass ich natürlich als jemand, der von diesem Haus kommt und in der Musikpädagogik sehr aktiv ist, es als wichtig empfinde, dass wir Knaben fürs Singen aktivieren und begeistern. Das ist nicht leicht, gerade in dieser Altersgruppe ab 10 Jahren. Schaut man sich die Schulchöre an, sind das meistens 90% Mädchen und dann sind noch einzelne Buben dabei. Dem kann man im positiven Sinne nur entgegenwirken, wenn man Knaben zusammenfasst und mit Ihnen als Knabenchor singt. Dann fühlen Sie sich auch wohl. Das scheint ein Naturgesetz zu sein. Es gibt viele Junior High-Schools in Nordamerika, die aus diesem Grund begonnen haben, Fächer wie Musik wieder getrennt zu führen – Mädchen und Buben. Nur so kann man die Buben an der Stange halten. Die Mädchen sind in diesem Alter meistens schneller, weiter und mehr interessiert. Buben sind auch interessiert, aber sie brauchen einen anderen Zugang. Gerade in diesem besonderen Alter. Vorher ist es kein Problem. Und in der Oberstufe sind die Buben natürlich begeisterte Stars, wenn Sie in einem Schulchor mit den Mädchen zusammen Tenor oder Bass singen. Eh klar. Dort ist das lustig und interessant. Aber in der Vorpubertät bis zur Pubertät fühlen sich die Buben einfach unter sich viel wohler. Das ist ein ganz wichtiger Grund.

Als Wiener Sängerknaben haben wir auch eine Vorbildfunktion. Wir zeigen, dass man mit Buben tolle Musik auf einem sehr hohen Level machen kann. Diese Vorbildwirkung hat nicht nur Auswirkung auf Knabenchöre, sondern auf das Musikleben generell. Wir unterstützen österreichische Schulen, indem wir Lehrerfortbildungen machen. Wir laden Schulklassen, Musiklehrer, Chorleiter zu uns ein. Wir sind in der Fortbildung auch weltweit sehr engagiert. In China, Griechenland oder etwa in Nordamerika. Außerdem unterstützen wir soziale Projekte, insbesondere ein Projekt in Griechenland. Das heißt „El Sistema Greece“ und hat sich in der Flüchtlingskrise 2015 etabliert. Die Leute haben nämlich gesehen, dass man für die Kinder etwas machen muss. Die werden alleine gelassen, gehen in keine Schule und haben keine Struktur. Mit Musik schafft man es am besten, diesen Kindern eine Struktur, einen positiven Ausblick, zu geben. Im Falle von Griechenland etwa sind viele Kinder noch nie in ihrem Leben in der Schule gewesen, oder es ist schon viele Jahre her. Für die ist alles, was mit dem System „Bildung“ zusammenhängt, sehr fremd. Die Musik ist ideal dafür, diesen Kindern einen Zugang zum Lernen zu schaffen.

Wir unterstützen auch ein großes Projekt in Jordanien, wo die Regierung Gottseidank der Meinung ist, dass Musik die wichtigste Erneuerung für ihre Schulen ist. Das Projekt dort haben wir vor zwei Jahren begonnen, mit einem anderen Vorprojekt. Wir bilden hier VolksschulpädagogInnen aus, die keine Musikausbildung haben. Die Bildung reicht so weit, dass sie sich wohlfühlen, mit ihrer Klasse Musik zu machen. Das Projekt ist vor allem im Bereich der Motivation sehr erfolgreich. Die Kinder in den Dörfern Nordjordaniens kriegen jetzt keinen Weltstarunterricht und ich kann mit Ihnen keine vierstimmige Motette singen, aber das ist auch nicht Sinn und Zweck. Ein Problem dort ist, dass die Kinder nicht einmal zur Schule erscheinen oder nicht motiviert sind. Von den Lehrern und Schulleitern höre ich, dass das viel besser geworden ist. Gerade der Motivationsfaktor ist ein großer positiver Aspekt. Diese Vorbildfunktion haben die Wiener Sängerknaben für andere Institutionen. Wir können unser Know-how beitragen.

In ihrer jetzigen Form als privaten Verein und gemeinnützigen Organisation gibt es die Wiener Sängerknaben seit den 1920ern, nach der Auflösung der Wiener Hofmusikkapelle. Zurzeit bitten Sie per Videobotschaft um Spenden. Über hundert Konzerte mussten bereits abgesagt werden. Ohne staatliche Unterstützung und ohne Spendengelder wäre das UNESCO-Weltkulturerbe mit Oktober zahlungsunfähig. Die Kronen Zeitung hat dies als „Hilferuf der Wiener Sängerknaben“ tituliert. Die Frage ist, wird man trotz aller Anerkennung vom Staat finanziell im Stich gelassen?

Ich würde sagen, ich bin verhalten optimistisch, dass wir eine Lösung finden. Bis jetzt ist es so, dass verschiedenste Politiker, Ministerien und deren Mitarbeiter sehr positive Gespräche mit uns führen, in denen sie bezeugen, wie wichtig wir als Institution für Österreich sind. Aber es hat sich bisher nicht in finanzielle Unterstützung umgemünzt. Ich hoffe trotzdem, dass uns das gemeinsam noch gelingt. Ich bin eigentlich davon überzeugt. Also wenn mich jemand fragen würde, ob es uns in fünf Jahren noch gibt, würde ich das auf jeden Fall bejahen. Aber wir sind noch nicht bei der Lösung angelangt.

Es wird also noch länger dauern?

Ja. Es gibt immer wieder Anzeichen, dass man einer Lösung näherkommt. Natürlich verstehe ich, dass wir nur eines von vielen Rädchen der Gesellschaft sind, die Unterstützung brauchen. Aber ich denke, dass die Wiener Sängerknaben über Jahrzehnte wie keine andere Organisation für Österreich und für Wien ein Image mitaufgebaut haben, das laut Gesprächen ja auch wertgeschätzt wird. Aber die Wertschätzung sollten wir auch in Form von Unterstützung bekommen.

Bleiben wir noch bei der aktuellen Situation. Momentan proben Sie mit Sicherheitsabstand im Schwimmbad. Haben Sie schon Pläne, wie sich die Proben in den kommenden Wochen und Monaten gestalten lassen?

Wir müssen und wollen natürlich die Sicherheitsmaßnahmen der Bundesregierung einhalten. Als die Schule wieder begonnen hat, hieß es, man darf zwar unterrichten, aber nicht singen. Für die Wiener Sängerknaben ist das natürlich nicht sinnvoll. Wir haben dann gemeinsam mit dem Ministerium Möglichkeiten erörtert, wie wir zumindest in Kleingruppen beginnen können. Das haben wir mit entsprechenden Abständen und nur wenigen Kinder umgesetzt. Jetzt wurde das auch nach offiziellen Vorgaben des Unterrichtsministeriums erleichtert. Wir proben nun in den größtmöglichen Räumen. Aber noch immer nicht mit vollen Chören, sonst könnten wir die Abstände nicht einhalten. Deshalb das Schwimmbad. Dort steht der Chorleiter auf deiner einen Seite des Schwimmbeckens, und die Kinder sind auf der anderen Seite rund um das Schwimmbecken verteilt. Dann haben wir noch den Turnsaal und den sehr großen szenischen Proberaum. Dort drinnen haben wir auch Orchesterproben oder szenische Proben für Opern. Und virtuelle Proben. Wir haben auch sehr viel über das Internet gearbeitet, da einige Kinder etwa in Singapur, Japan oder Neuseeland leben. Die sind natürlich nicht hier, sondern zuhause.

Wie kommen Ihre Sängerknaben selbst mit der Situation zurecht?

Die Kinder haben sich sehr gefreut, dass die Schule wieder begonnen hat. Wenn wir jetzt mit einer Gruppe proben, machen wir es meistens so, dass die Kinder, die im Ausland zuhause sind, über das Internet dabei sein können, da sie das Gefühl haben, dass sie verbunden sein wollen. Jetzt hoffen wir und die Kinder, dass wir im August wieder alle gemeinsam proben können. Das wird noch etwas kompliziert, aufgrund der ganzen Regeln und der Unsicherheit hinsichtlich Corona. Vor allem im Herbst wird es schwierig, da viele Veranstalter aufgrund der Regelungen und der Sorgen noch keine Konzerte veranstalten. Das heißt, auch unsere Tourneen im Herbst werden, Stand heute, nicht stattfinden. Das ist natürlich für die Kinder unangenehm, die freuen sich darauf. Und für uns ist es finanziell ein großes Desaster.

Als Chorpädagoge sind Sie Begründer der Wirth-Methode, welche auf assoziativem Lernen beruht. Können Sie unseren LeserInnen erläutern, was man darunter versteht?

Ich würde sagen, was wir in unserer Methodik machen, ist eine Zusammenfassung und Weiterentwicklung von Aspekten, die hoffentlich viele gute Musiklehrer auch machen. Es ist also nicht so, dass es anders und einzigartig ist. Es ist vielmehr eine Art Weiterentwicklung und Training zu einer Art Unterricht, die wir als sehr gut empfinden.

Assoziatives Lernen hat mit allen Sinnen zu tun. Das heißt, wenn ich einen Klang entwickle, dann mache ich das auch durch Bewegung. Nicht nur durch stimmliche Übungen. Je nachdem, wie ich eine Hand bewege, hat das einen Einfluss auf die Entwicklung des Klangs. Wenn ich über Musiktheoretische Aspekte lerne, seien es rhythmische Aspekte, harmonische Aspekte oder Notenlesen, dann machen wir das alles logischerweise durch schreiben, lesen und singen, aber auch durch körperliche Zugänge. Wir machen also Spiele, die körperlich dargestellt werden, um etwa Dreiklänge körperlich zu erklären. Oder wir machen Spiele über Tonstufen im Stiegenhaus. Dadurch ist es für die Kinder viel leichter aufnehmbar, als wenn ich das nur auf der Tafel aufschreibe.

Unser Zugang zu allen Aspekten der Musik ist also sehr körperlich. Jede Übung, die ich mache – auch die einfachste Rhythmusübung – sollte in einer musikalisch interessanten Art und Weise gemacht werden. Zudem übt man nicht nur die Tonfolge, sondern auch den Klang [singt Do-Re-Mi-Re-Do]. Das heißt, als Lehrer muss man darauf achten, wie die Lippenstellung der Kinder ist. Damit es immer einen guten Klang hat und interessant klingt.

Wir haben jetzt auch mit Psychologen und Spezialisten im Teaching-and-Learning-Analytics zusammengearbeitet. Es ist nicht nur wichtig, was wir unterrichten, sondern vor allem wie wir unterrichten. Das bezieht sich auf die aktive Aufmerksamkeit und die Selbstmotivation der Kinder. Welche Grundeinstellungen muss ich als Lehrperson immer bewusst einsetzen, um einen möglichst hohen Grad an aktiver Aufmerksamkeit zu haben? Das hat mit der Lösung einer musikalischen Herausforderung durch verschiedenste musikalische Übungen zu tun. Wenn eine Übung nicht zielführend ist, muss ich diese sofort völlig ändern oder variieren. Eine variierte Form der Wiederholung wirkt sich positiv auf die Lernfähigkeit der Kinder aus, das wissen wir aus der Lernpsychologie.

Wir haben mittlerweile auch die Möglichkeit, den Musikunterricht digital zu analysieren. Wenn ich etwa meine Klasse unterrichte, sagt mir das digitale System, ob ich wirklich die relevanten Aspekte gut eingebracht habe, oder ob ich bei manchen Aspekten bewusster sein sollte.

Vorhin haben Sie bereits die sozialen Projekte der Wiener Sängerknaben erwähnt, etwa in Griechenland oder Jordanien. „Die Wiener Sängerknaben genießen eine der besten musikalischen Ausbildungen und möchten dieses Privileg weitergeben“, schreiben sie. Aus diesem Gedanken ist „Superar“ entstanden. Ein Bildungsprojekt, das Interkulturalität fördern und Grenzen überwinden soll. Sie waren Mitbegründer. Worin besteht für Sie der Wert von „Superar“?

Bei der Gründung haben wir es ja ursprünglich „Vorlaut“ genannt. Deswegen, weil wir das Gefühl hatten, es gibt in Österreich Gott sei Dank wirklich gute musikalische Bildungsmöglichkeiten für Kinder, trotzdem war uns bewusst, dass es etwa in Wien viele Kinder gibt, die keinen Zugang hierzu haben. Entweder, weil das Interesse der Eltern nicht vorhanden ist, oder weil die geringen Beiträge der Musikschule für die Eltern dennoch zu hoch sind, oder weil die Familien nicht das Gefühl haben, dass sie Zugang haben zu dieser Gesellschaft.

Deshalb haben wir „Superar“ beziehungsweise eben „Vorlaut“ gegründet, um diesen Kindern eine Stimme zu geben, um vorlaut zu sein. Der Ansatz war, dort aktiv zu sein, wo es am dringendsten benötigt wird, weil es in diesen Schulen nichts anderes gibt. Oder, weil es in diesen Schulen besondere Schwierigkeiten gibt. Mittlerweile hat sich gezeigt, dass das Interesse und die Wichtigkeit so eines Projekts auch in anderen Ländern Europas gegeben ist. Deshalb mussten wir den Namen ändern, denn das Wort „Vorlaut“ funktioniert nur auf Deutsch. „Superar“ soll den Kindern die Möglichkeit geben, über sich hinauszuwachsen, zu erhöhen. Es soll Kindern den Zugang zur Musik ermöglichen. Die Kinder, die besonderes Interesse zeigen, haben auch die Möglichkeit, zu den Wiener Sängerknaben zu gehen oder wir versuchen, sie an andere gute Lehrer und Orchester weiterzuempfehlen.

Gegen Ende des Gesprächs schauen wir noch einmal auf die Kunst- und Kulturbranche. Was würden Sie sich für diese für die nächsten Jahre von der Bundesregierung wünschen?

Eines, das ich mir wünsche – und hier sitze ich mit allen Kulturschaffenden in einem Boot – ist, dass man in der öffentlichen Wahrnehmung erkennt, dass Kultur ein essentieller Teil des Lebens ist. Man hat in den letzten Monaten viel von den systemrelevanten Berufen gesprochen. Natürlich ist Essen und Gesundheit wichtig. Aber zur Gesundheit und Menschlichkeit gehört auch die Kultur. Aus wirtschaftlicher Sicht wissen wir, dass die Leute wegen der Kultur nach Wien oder Salzburg kommen. Nicht wegen den Gasthäusern und Lokalen. Die kommen nach Wien, weil sie Kultur in allen Bereichen erleben wollen, und gehen währenddessen auch einmal essen, übernachten in Hotels oder mieten sich ein Auto. Deshalb wünsche ich mir ein gestärktes Bewusstsein für die Kultur und die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Denn es braucht Organisationen im Stile einer „grassroots“-Bewegung wie „Superar“ oder die Musikschulen. Und damit diese effizient arbeiten können, braucht es auch Leuchtturmprojekte wie die Staatsoper, die Wiener Philharmoniker oder auch die Wiener Sängerknaben, von denen man sich inspirieren lassen kann.

Etwas kess formuliert: Was ist Ihre schönste Erinnerung nach fast einem halben Jahrhundert an musikalischem Engagement?

Es gibt da viele schöne Erinnerungen. Viele sind sehr Hochkultur mäßig. Eine Erinnerung aus meiner Kindheit: Ich hatte das Glück, Karl Böhm noch als Dirigenten zu erleben. Das habe ich toll in Erinnerung. Und all diese Auftritte als Kind in der ganzen Welt.

Vor ein paar Jahren wurde ich außerdem eingeladen, eine Weiterbildung in Kenia zu machen, bei den Massai in einer Mädchenschule. Zu erleben, wie sie mitmachen, wie interessiert sie sind, das war für mich besonders. Ebenso in Griechenland: Es gab dort einen zwölfjährigen Buben, der aus Syrien geflüchtet ist und noch nie in seinem Leben in der Schule war. Durch die Musik war er ganz begeistert mit dabei. Die Kinder sind immer am Vormittag zur Musikstunde im Flüchtlingslager gekommen. Es hat dann aber geheißen, die älteren Kinder müssen zum Nachmittagsunterricht in die griechischen Schulen. Statt denen sind dann die jüngeren Vorschulkinder gekommen, mit denen wir auch gearbeitet haben. Der zwölfjährige Bub ist auf einmal wieder zu uns zurückgekommen, das hat mich sehr gewundert. Es hat dann geheißen, die Kinder können selbst entscheiden und er wollte nicht zur Schule, aber er wollte unbedingt noch einmal zum Musikunterricht. Er hat dann in weiterer Folge durch die Begeisterung zur Musik – er hat toll gesungen – und durch seine Motivation, auch das Interesse an der Schule für sich entdeckt. Das sind für mich Erlebnisse, die kann man schwer erzählen, aber für mich sind die sehr wichtig.

Wir bedanken uns bei Gerald Wirth für das Gespräch.

Lukas Bayer
In seinen Texten beschäftigt sich Lukas mit dem, was nötig ist. Idealisierte Weltvorstellungen sind ihm dabei genauso fremd wie Quantenphysik und die Stringtheorie. Es geht stets darum, das Mögliche darzulegen. In seinem Masterstudium Global Studies in Graz beschäftigt er sich vor allem mit ökonomischen und umweltspezifischen Themen.

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