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Herr Dr. Frey, Sie sind Geschäftsführer des Kunsthistorischen Museums in Wien. Wie kam es dazu, dass Sie heute sind, wo Sie sind und was begeistert bzw. fasziniert Sie persönlich an Ihrer Tätigkeit am meisten?

Ich bin seit 2007 Geschäftsführer des KHM-Museumsverbandes, der ja nicht nur das Kunsthistorische Museum umfasst, sondern Österreichs größter Museumsverband und einer der weltweit größten Museumsverbände ist. Warum gibt es in einem so kleinen Land wie Österreich einen der weltbedeutenden Museumsverbände? Weil das imperiale Kunst- und Kulturerbe Österreichs aus den letzten sieben Jahrhunderten – die kaiserlichen Sammlungen des Hauses Habsburg, des Hauses Österreich – von absoluter Weltspitze ist und ein vergleichsweise unglaublicher Museumsbestand in einem vergleichsweise kleinen Land bewahrt wird. Deswegen sind im Hinblick auf die Sammlungen unsere Peers eher nicht die anderen österreichischen Museen, sondern beispielsweise das Metropolitan Museum in New York, die Eremitage in Sankt Petersburg, der Prado in Madrid, das British Museum, die National Gallery in London oder der Louvre in Paris.
Wir sind auch ein großes Unternehmen: Wir beschäftigen über 700 Damen und Herren, unser Mitarbeiter*innenstand umfasst in etwa 450 Vollzeit-Äquivalente und im Jahr 2007 hat man sich dazu entschlossen – etwa sieben Jahre nach der Ausgliederung aus der Hoheitsverwaltung – nicht nur einen wissenschaftlichen Generaldirektor an die Spitze zu stellen, sondern eine duale Geschäftsführung zu etablieren. Die österreichischen Bundesmuseen sind ja im Jahr 2000, beginnend mit dem Kunsthistorische Museum, ausgegliedert worden. Das bedeutet, dass sie aus der Hoheitsverwaltung in eine unternehmerische Privatrechtsform übergeführt wurden. Das bringt im Governance-Modell mit sich, dass man eine Geschäftsführung braucht, die bei uns seit 2007 dual abgebildet ist. Mittlerweile sind in allen Bundesmuseen zwei Geschäftsführer*innen tätig – jeweils wissenschaftlich und wirtschaftlich – und meine faszinierende Aufgabe ist an der Schnittstelle von Kunst, Politik, Wirtschaft, Kulturgeschichte und dem  aktuellen Zeitgeschehen. Es ist eine herausfordernde Management-Aufgabe und eine schöne Führungsaufgabe in einem traumhaften Umfeld. Sie hat sich auch nach 13 Jahren in keiner Weise abgenutzt.

Das Kunsthistorische Museum als eines der bemerkenswertesten und größten Museen der Welt gilt gleichzeitig als eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Österreich. Was ist das Erfolgsrezept der Institution “Kunsthistorisches Museum”?

Besonders macht das Kunsthistorische Museum die Einzigartigkeit jedes einzelnen Objektes und die Qualität der Museumsobjekte. Man spricht zurecht von den kaiserlichen Sammlungen und damit ist natürlich keine monarchistische Tendenz ausgeprochen, sondern ein höchster Qualitätsanspruch. Die Mäzene und Herrscher von einst waren von sich selbst und ihrer Rolle im Abendland so überzeugt und beseelt, dass auch im Bereich der Sammlungen nur das Allerbeste in Frage kommen konnte. Das betrifft die Materialität, die Künstlerschaft, die Künstlerpersönlichkeit und all das macht die Qualität auch heute noch aus. Das ist das wahre Alleinstellungsmerkmal des Kunsthistorischen Museums. In allen Sammlungsbereichen sind wir da an der Weltspitze und mit insgesamt 3,9 Millionen Sammlungsobjekten, die alle für sich einzigartig sind und eine unglaubliche Geschichte in sich tragen, erzählen wir unzählige Geschichten und die Geschichte. Genau das wird es für immer spannend machen.

Ich bekomme oft von Tourismus-Branche die Frage: „Naja, wie lang braucht man denn so, bis man durch ihr Haus durch ist?“ und ich sage dann: „Naja, ich würde sagen, nehmen Sie ich so siebzig bis fünfundsiebzig Jahre Zeit und dann haben Sie eine erste Annäherung.“ Nach großem Erstaunen sage ich dann: „Keine Sorge, Sie schaffen einen ersten guten Eindruck auch in zwanzig Minuten.“ Das kann ich auch an mir selbst nachempfinden: Die Tiefe des Besuchserlebnisses wird immer stärker. Am Beginn habe ich für einen Rundgang durch die Gemäldegalerie eine Viertelstunde gebraucht. Da durchschreitet man circa 3.000 Quadratmeter, das ist in etwa eine halbe Etage. Wenn ich da heute durchgehe, brauche ich fast eine Stunde. Ich weiß mittlerweile so viel von diesem Haus, dass ich immer wieder stehen bleibe und denke „Ach ja, das war dieses Bild, das war diese Skulptur…“ und dann schaut man sich das von einer anderen Ecke an und denkt sich „Wow, ist eigentlich schon gewaltig!“ Es ist somit ein Tiefenerlebnis, für das man wahrscheinlich mehrere Menschenleben brauchen könnte, aber es ist auch wunderbar, wenn wir viele Menschen und Gäste haben, die nur eine Viertelstunde Zeit haben und in dieser zu uns kommen. Die gehen vielleicht nicht einmal in einen Sammlungsraum, sondern bewundern nur das Gebäude von innen, die Kuppelhalle, dieses Gesamtkunstwerk der Kunst und sagen „Wow!“ und gehen dann raus. Das würde ich um nichts schlechter stellen als jemanden, der jede Woche kommt. Dieses Haus bietet wirklich für alle irgendetwas.

Wir befinden uns weltweit in der durch die Covid-Pandemie hervorgerufenen Krise und Ausnahmesituation. Inwiefern betraf dies das Museum bzw. betrifft es immer noch? Stichwort Schließung, Sicherheitsmaßnahmen, Touristen, Arbeitsplätze, finanzielle Lage.

Was in wenigen Wochen – ich möchte fast sagen, in wenigen Tagen – im Februar und März über uns hereingebrochen ist, ist die schwerste wirtschaftliche Krise unseres Museumsverbands seit seiner Existenz, keine Frage. Es ist – Gott sei Dank, und das stärkt uns natürlich – kein museologische, keine wissenschaftliche Krise. Das spiegelt sich auch im Museum jetzt wieder: Die Wissenschafter*innen am Haus – wir beschäftigen über 150 Damen und Herren in dem Bereich – arbeiten ungebrochen, arbeiten für einen Besuchs- und Gästebetrieb, der wiederkommen wird, arbeiten für die Erhaltung der Objekte. Im wirtschaftlichen Bereich ist es unglaublich schwer, weil uns die wirtschaftliche Grundlage binnen weniger Tage einfach entzogen wurde. Sie müssen sich vorstellen, wir waren in den letzten Jahren unglaublich erfolgreich. 53% des gesamten Budgets 2019 kamen von den Märkten: Eintrittserlöse, Shops, Sponsorings, Veranstaltungen und so weiter. Das haben wir in den letzten Jahren wirklich zu einer Blüte getrieben, weil wir auch positiven Rückenwind im internationalen Städtetourismus hatten. Wir sind in den letzten zehn Jahren stärker gewachsen als der Wien-Tourismus, das heißt, wir sind für die Menschen, die uns besucht haben, immer interessanter geworden. Und von heute auf morgen war das alles weg. Das zeigt die Brüchigkeit des Geschäftsmodells. Es zeigt, dass die langfristigen Museumsziele – das Sammeln, das Bewahren, das Erforschen – losgelöst von kurzfristigen Krisen gewährleistet sein müssen. Das ruft den Eigentümer, also den Staat, die öffentliche Hand in eine Verantwortung. Es zeigt uns aber auch, wie wichtig die Gäste aus dem In- und Ausland geworden sind. Es ist eben kein verschlafenes Museum mehr, in dem es nicht darauf ankommt, wie viele Menschen kommen. Wir sind für die Menschen da und wollen so schnell wie möglich wieder für sie da sein. Wir haben – entgegen unserer ursprünglichen Planung, denn wir wollten eigentlich erst am 1. Juli wieder öffnen – doch schon ein Monat zuvor geöffnet. Ich halte das für ganz wichtig, denn Museen müssen offen sein. Wir haben jetzt schwere Monate. Wir haben lediglich ein Viertel der Erlöse, die wir zum gleichen Zeitpunkt im letzten Jahr hatten. Wir haben deutlich weniger Besucher*innen und sind wieder viel stärker im Blickpunkt der in Wien und in Österreich lebenden Menschen. Eine hochspannende Phase, die uns auch inhaltlich sehr stark fordert. Wenn wir auf eine Jahrhunderte alte Sammlung, in Objekten bemessen Jahrtausende alt, blicken, bekommt man Antworten auf so viele Krisen. Viele erleben gerade die erste globale Krise in ihrem Leben, aber es ist menschheitsgeschichtlich nicht die erste Krise. Da haben die Museen eine besondere Aufgabe, aus der Geschichte, aus der Sammlung heraus, vielleicht auch so etwas wie ein bisschen Halt geben zu können. Deswegen finde ich es spannend, momentan in einem Museum zu sein.

Konnten die letzten Monate dennoch sinnvoll genutzt werden?

Auf jeden Fall. Ich bin ein Mensch, der immer den Sinn im Sein zu finden versucht, und zwar in jeder Situation. Die Krise kann wie alles im Leben sinnvolle Gedankenführungen und Prozesse hervorrufen, vielleicht auch heilvolle an der einen oder anderen Stelle. Man fragt sich nicht nur, wie brüchig das Modell war, sondern wie sinnvoll es wirklich ist, so monodimensional auf ein Geschäftsfeld zu setzen – das ist ja auch wirtschaftlich eine interessante Frage. Wir haben jedes Jahr einen Chancen- und Risiko-Management-Bericht, in dem wir uns mit den Chancen und Risiken im Geschäftsmodell eingehend beschäftigen. Wir hatten bisher ja auch schon Krisen, beispielsweise blieb mit Fukushima der japanische Markt für ein halbes Jahr weg, der Rubel-Kursverfall von 40 auf 80 machte es den russischen Gästen schwer, ins Ausland zu fahren – da fallen zeitweise immer wieder Märkte weg, aber bisher konnten wir das auffangen. Mit so einer globalen Krise haben wir aber in unserem Risiko-Portfolio tatsächlich nie gerechnet. Ich gehöre nicht zu denen, die sagen, dass die Krise eine große Chance ist. Nein, die Krise ist eine Krise, es ist nicht schön, dass sie eingetreten ist, es leiden Menschen darunter, es leiden auch unsere Gäste darunter, es leidet das Museum darunter. Ich kann dem nicht allzu viel Positives abgewinnen. Aber woraus man einen Nutzen ziehen kann, daran möchte ich wenigstens ein bisschen mitwirken. Es war für unsere MitarbeiterInnen auch sehr schwer in Kurzarbeit zu gehen. Es beschäftigt einen arbeitenden Menschen, der noch dazu an einem so schönen Ort arbeiten kann, ganz massiv, vom Arbeitsplatz ausgesperrt zu sein – ein schwieriger interner Prozess.

Inwiefern ist oder war das Museum in der Zeit davor vom Overtourism betroffen? Welche Auswirkungen hat der Overtourism auf das Kunsthistorische Museum und wie geht man damit um?

Ich bin kein besonders großer Freund vom Begriff des Overtourism, weil ich nicht weiß, ab welchem Menschen das „over“ beginnt – und ich würde dem ersten holländischen Ehepaar, das seit 09:40 Uhr auf den Einlass wartet, genau das gleiche Recht einräumen wollen wie der dreizehnten chinesischen Gruppe, die dann vielleicht um 16:48 Uhr noch hereinkommt. Da tue ich mir persönlich schwer. Wir haben auch das Privileg, über eine unglaubliche Sammlungsvielfalt und Museumsgröße zu verfügen, die uns auch beim größten Zustrom nie als übervoll erleben lässt. Bei der Bruegel-Ausstellung hat man Ansätze davon gespürt, weil die Fläche von Sonderausstellungen immer vergleichsweise beschränkt ist. Dafür haben wir aber Steuerungsinstrumente wie die Time Slot-Tickets. Ich weiß, dass der Overtourism in vielen Städten ein Thema ist: Wie entzerre ich Touristenströme, wie mache ich auf anderes aufmerksam? Wir setzen im Museum immer wieder Innovationen und bauen auch unsere Gästeflächen aus. Wir haben 2013 die Kunstkammer eröffnet, das sind 3.000 Quadratmeter völlig neues Museumserlebnis, und damit eine unglaubliche, auch räumliche Entlastung für Menschen geschaffen, die bis dahin nur in der Gemäldegalerie waren. Zum Tourismus generell glaube ich, dass der intensive Städtetourismus ein Ausfluss der zunehmenden Mobilität des 20. und 21. Jahrhunderts ist. Wenn eine gewisse Planungssicherheit in gesundheitspolitischer Sicht wieder da sein wird, bin ich mir sicher, dass man auch wieder reisen wird. Dann wird es ganz interessant werden – wir gehen da einen sehr engen Weg mit dem Wien-Tourismus und der Österreich-Werbung – wie wir die Qualität im Gästeerlebnis insgesamt steigern können. Da stehen wir natürlich an der absoluten Speerspitze, weil unser Besuchserlebnis immer höchste Qualität ist. Das weiß auch die Reisebranche und ist dankbar, dass, auch wenn mengenmäßig viele Menschen kommen, das individuelle Begegnungserlebnis zwischen dem Menschen und dem Kunstobjekt zählt. Und das würde ich eben keinem Gast absprechen wollen, egal ob der der Tausendste oder der Erste ist.

Aufgrund der Digitalisierung stellt sich die Frage, ob der Trend vermehrt in Richtung virtuelle Ausstellungen geht? Und werden dadurch physische Museumsbesuche zu einer Seltenheit?

Die Digitalisierung, der virtuelle Raum, ist eine kulturhistorisch relativ neue Erfahrung. Wenn Sie im Jahr 1550 gefragt hätten „Wie wird sich denn der Buchdruck auf die Gesellschaft auswirken?“ – und da war er immerhin schon 50 bis 60 Jahre alt – hätte man die heutigen Phänomene des Prints oder eine Encyclópedie Francaise im 18. Jahrhundert nicht voraussagen können. Jetzt sind wir an einem ähnlichen Zeitpunkt: Wir wissen, dass es Digitalisierung gibt, wir wissen, dass wir technisch im Stande sind, unglaubliche Datenmengen zu produzieren und zur Verfügung zu stellen. Aber wie sich das langfristig auswirkt, fühle ich mich als Mensch des 20./21. Jahrhunderts nicht befugt zu sagen. Auf Sicht – und da denke ich an einen Planungszeitraum von zehn bis fünfundzwanzig Jahren – ist es eher ein “sowohl als auch” als ein “entweder oder”. Zweite Feststellung zur Digitalisierung: Die Aura des Originals kann in der Museumswelt momentan mit technischen Mitteln noch nicht ersetzt werden. Was in 50 bis 100 Jahren als „echt“ eingestuft werden wird, kann ich technisch aber nicht antizipieren. Zum heutigen Zeitpunkt würden Sie wahrscheinlich sagen, dass ein „echtes“ Museumsleben darin besteht, dass man vor dem Bild, vor der Vitrine steht und sich denkt „Was sagt mir dieses Kunstwerk für mein Leben?“ Wenn man das virtuell sieht, ist es aus meiner Beobachtung momentan noch eine im wahrsten Wortsinn oberflächliche Begegnung, die vielleicht für den Anreiz sorgt, sich näher mit etwas auseinandersetzen und auch in „echt“ sehen zu wollen. Somit ist das eine unglaubliche Kommunikationsmöglichkeit für uns, die idealerweise als eine Vorbereitung auf einen analogen Besuch dient. Das hat uns auf einen Weg gebracht, diese Erlebnisse beispielsweise durch virtuelle Rundgänge zur Verfügung zu stellen. Sie haben sich vielleicht diese interaktiven App-Touren angeschaut, die wir machen und sich großer Beliebtheit erfreuen. Auf jeden Fall würde mich unglaublich interessieren, was in hundert Jahren als „echt“ eingestuft wird. Vielleicht verlassen wir – aus welchen Gründen auch immer – unsere Habitate nicht mehr und machen trotzdem unglaubliche Reisen, bei denen wir auch dieselben Gefühle und Emotionen empfinden wie heute. All das sind Perspektiven, die sich mir jetzt noch entziehen, aber ich spüre schon, wo es rein technisch hingehen könnte. Das wird wohl eher eine Frage der Museologie des späten 21. Jahrhunderts oder des 22. Jahrhunderts sein.

Zum Thema der analogen Besuche: Es gibt durch die Pandemie verschiedene Gesetze, die erlassen wurden und sich auch auf die Besucherzahlen auswirken. Gab es hier schon Probleme, dass Sie Leute nicht einlassen konnten, oder war die Auslastung bis jetzt immer noch im gesetzlichen Rahmen?

Wir sind hier sehr privilegiert. Wenn Sie im 400–500 Quadratmeter großen, hohen Saal stehen können Sie gut Abstand halten. Wir können auch unter komplett gleichen Bedingungen zur gleichen Zeit 1.000 Menschen willkommen heißen, wir könnten pro Tag 10.000 Besuche haben. Solche Nachfragezahlen haben wir aber momentan tatsächlich nicht. Das hatten wir selbst zu neuen Ausstellungszeiten nicht. Also wir haben Gott sei Dank kein Problem. Der Aufruf ist auch ganz klar, sich jetzt bei uns im Museum zu stärken, Impulse zu holen und das können Sie im Kunsthistorischen Museum, im Weltmuseum, im Theatermuseum auch wirklich ohne jedes Gesundheitsrisiko tun.

Als Motto gilt „Das Richtige richtig tun“; das Kunsthistorische Museum will noch mehr Kunst und wissenschaftliche Forschung ermöglichen, so steht es auf der Website. Einerseits stellt sich die Frage, wie funktioniert Forschung durch das KHM? Und zum anderen, gibt es irgendwelche speziellen Schwerpunkte, auf die Sie sich besonders festlegen?

„Das Richtige tun“ ist für mich im Management ganz wichtig, weil es etwas anderes ist als „etwas richtig zu tun“. Man sagt mir nach, ein Effektivitäts-Fanatiker zu sein. Das Richtige zu tun ist mir tatsächlich wichtig. Da darf man im Übrigen auch Fehler machen und manchmal sogar inneffizient arbeiten, Hauptsache man arbeitet am Richtigen. Ich bin immer sehr vorsichtig, wenn ich höre, da sind Synergien oder Effizienzen zu heben. Jemand, der am Vormittag ein Loch aushebt und es am Nachmittag wieder zuschüttet, hat wahrscheinlich zehn Stunden unglaublich effizient gearbeitet. Ob es effektiv war, steht auf einem anderen Blatt. „Das Richtige“ in meiner Funktion zu tun, heißt in einer Enabling-Funktion zu sein. Geld muss im Museum insofern nachrangig sein, als Geld in jedem Unternehmen nur Ausfluss eines richtigen Handelns im Hauptgeschäftsfeld ist. Unsere Aufgabe ist das Sammeln, Bewahren, Erforschen und Präsentieren unserer Sammlungsbestände. Da würde ich den drei langfristigen Museumszielen – dem Sammeln, dem Bewahren und dem Erforschen – einen wirklich breiten Raum einräumen. Das braucht einen Mitteleinsatz, den sie nicht gleich in der Kasse im nächsten Jahr sehen. Der KHM-Museumsverband ist eine der großen außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Wir beschäftigen wie gesagt über 150 Personen nur im Forschungsbereich. Geisteswissenschaftliche Grundlagenforschung materialisiert sich bei uns, weil sie immer objektbezogen und somit in gewisser Weise greifbar ist. Das macht den heute ein bisschen sichtbaren Nachteil der geisteswissenschaftlichen Grundlagenforschung gegenüber der der Naturwissenschaften ein bisschen wett. Museumsforschung ist so wichtig, weil sie greifbar ist. Weil sie sichtbar ist. Weil sie sich nicht nur in einen Abstract erstreckt.

Was waren die Leuchtturmprojekte der Vergangenheit und welche wird es in Zukunft wahrscheinlich geben?

Mein erstes Großprojekt, das ich angehen durfte, war der Bau eines neuen Museumsdepots. Wir waren bis 2010 in einer funktional schwierigen, ehemaligen Hühnerhalle als Depot untergebracht. Das neue Zentraldepot ist weitgehend klimaneutral, mit Bauteilaktivierung, wir haben uns somit nicht von Klimatechnik abhängig gemacht. Das nächste Großprojekt war dann die 2013 Kunstkammer und, ganz wichtig in der gesellschaftspolitischen Kontextualisierung unseres Museumsauftrages, unser neues Weltmuseum Wien im Jahr 2016. In dieser Tonalität wird es weitergehen. Wir wollen für unser Theatermuseum, das am Lobkowitz-Platz steht, einiges tun. Wir wollen im Kunsthistorischen Museum einen Fortschritt für das Besuchserlebnis machen. Wir haben einen fertigen Vorentwurf zu einem neuen barrierefreien Eingangsbereich und wollen den zweiten Stock des Gebäudes reaktivieren. Und wir wollen die Kaiserliche Schatzkammer in neuem Glanz erstrahlen lassen. Also langweilig wird uns schätzungsweise bis zum Jahr 2148 nicht, und da bin ich schon lange nicht mehr hier.

In einigen Ländern gibt es Beschränkungen, was die Kunstfreiheit betrifft. Dabei entfacht häufig eine gesellschaftliche Debatte, ob Kunst über den Dingen steht; vor allem hinsichtlich Gewalt, Menschenwürde, Rassismus, Sklaverei oder Diskriminierung. Wie weit darf Kunst Ihrer Meinung nach gehen?

Darüber haben sich schon viel klügeren Menschen als ich geäußert – eine schwierige Frage und ein ewiges Thema. Ich denke, dass wir mit dem, was uns ausmacht und was wir zur Verfügung haben, aktiv zu diesem Diskurs beitragen. Immer für die Freiheit der Kunst, welche ja weitergedacht ein Ausfluss der Freiheit des Menschen sein muss.

Wie geht der KHM-Museumsverband etwa mit Kunstwerken um, die gewaltverherrlichend sind oder Sklaverei befürworten? Es gibt ja auch kolonialistische Kunst. Wie steht der Museumsverband dem gegenüber?

Unsere Aufgabe ist es, das transparent aufzuzeigen und sich den Diskussionen zu stellen. Gerade die kolonialistische Debatte ist es, die gerade begonnen hat und diese wird auch die große museologische Diskussion der nächsten zehn bis zwanzig Jahre sein. Wir haben sehr aktiv an der Aufarbeitung der großen Umbrüche und Schreckenszeiten des 20. Jahrhunderts mitgearbeitet – museologisch kann man das als Provenienzforschung aufs 20. Jahrhundert bezogen nennen. Ich glaube, wir stellen uns diesen Diskussionen mit einer großen Redlichkeit, zumindest ist das mein Anspruch. Und Unrecht muss ganz klar aufgezeigt werden und die Konsequenzen sind daraus zu ziehen. Museen sind aber sicher ein Ort, an dem Geschichte nicht ausgetrieben werden darf. Das ist meine ganz persönliche Haltung zu diesen Diskussionen. Ich vermisse manchmal, dass man historische Entwicklungslinien berücksichtigt. Wenn man wie ich aus der Rechtsgeschichte kommt, hat man ein gewisses Verständnis für geschichtliche Entwicklung gewonnen. Zur Kolonialismus-Debatte: Ich halte es für eine Engführung, alle Museumsobjekte an ihren Ursprungsort zurückzugeben. Stellen Sie sich vor, man gibt jedes Museumsobjekt an die Stelle zurück, an dem es entstanden ist. Wie schaffen wir es dann, den Menschen, die bei uns leben und für die wir auch als Bildungseinrichtung fungieren wollen, ihnen diese Kultur weiterzuvermitteln? Mir gefällt der Zugang „sharing the museum without moving it“ sehr gut. Das ist ein schönes Bild.

Dem schließen wir uns noch mit einer weiteren Frage an: Sehen Sie das Museum, das KHM, eher als einen Ort der Informationsbeschaffung und Aufklärung, oder finden Sie, dass Besucher*innen einfach die Freiheit haben sollten, die Werke so zu interpretieren, wie sie selbst gerne möchten?

Na hoffentlich beides! Museen sind Kinder der Aufklärung, ansonsten wären die Sammlungen nie geöffnet worden. Die Aufklärung, das Zeitalter des Lichts, bringt die Sammlungen an die Öffentlichkeit und an das Tageslicht. Der zweite Aspekt ist: Museen haben die Aufgabe, auszustellen, zu präsentieren, zu erklären, zu vermitteln aber nicht die Deutungshoheit zu gewinnen. Wenn wir Ihnen als Museum vorschreiben wollten, wie Sie empfinden sollen, dann sind wir in einer totalitären Werteordnung. Das müssen Museen aus ihrer Existenz heraus verneinen und bekämpfen, weil wir eben Kinder der Aufklärung sind. Es obliegt Ihnen ganz allein, auf Basis des teilweise von uns zur Verfügung gestellten Wissens, Ihre Position zu beziehen.

Wir kommen abschließend wieder zu Ihrer Person zurück. Welche Persönlichkeit hat Ihren eigenen Weg inspiriert, wer wirkt wie ein Vorbild auf Sie?

Ich habe das ganz große Glück gehabt, einigen Menschen in meinem Leben und Berufsleben begegnet zu sein, die es gut mit mir gemeint haben. Ein ganz großes Privileg. Ich bin auch privilegiert, in einem System groß geworden zu sein, das mir Bildung zur Verfügung gestellt hat. Ich hatte großes Glück mit meinen Eltern und konnte meine Lebens-Neugier entwickeln. Zu jenen, die sich Karriereziele vornehmen, gehöre ich glaube ich nicht. Ich arbeite einfach unglaublich gerne und ich arbeite viel. Viel arbeiten tut aber nur der, der auch gerne arbeitet, weil sonst ist es eine Qual. Ich mache fast alles, was ich mache, wirklich gerne. Kant hat gesagt: “Ich kann, weil ich will, was ich muss.” – das ist ein Satz, der mir gut gefällt. Wenn Sie im engeren Sinne die berufliche Laufbahn meinen, dann war mir von Anfang an schon klar, was ich nicht machen will. Ich wusste zum Beispiel schon immer, ich kann nicht Arzt werden, ich bin technisch nicht so begabt. Wenn man ein wenig darüber nachdenkt, dann spürt man auch schon in sehr jungen Jahren, wo es einen hinzieht. An hier habe ich aber nie gedacht. Das hätte ich als total vermessen empfunden. Also, wer sich mit 18 Jahren einbildet, er wird Geschäftsführer im Kunsthistorischen Museum, der wird wohl in anderen Anstalten landen als in unserer wissenschaftlichen Anstalt.

Wir bedanken uns bei Paul Frey für das Gespräch.

Antonia Haslinger
Antonia Haslinger ist Musikerin und absolviert zur Zeit zwei Masterstudien – Konzertfach Gitarre an der Kunstuniversität in Graz sowie Global Studies an der Karl-Franzens-Universität. Bei diePlattform ist sie neben der Interviewführung auch für das Verfassen von Artikeln zuständig.

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