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Alex, Du bist Komiker, Kabarettist und Stimmenimitator, aber auch vieles mehr. Wie kommt man dazu?

Ich glaube, also ich bin mir sogar sicher, dass mich meine Berufung ereilt hat. Das ist eigentlich keine Ausbildung in dem Sinne, die man anstrebt, sondern das war bei mir immer schon da und hat sich dann – relativ spät – als meine Berufung herauskristallisiert.

Ich habe eine ganz „normale“ kaufmännische Ausbildung gemacht, danach dann noch eine Zusatzausbildung im Bereich Werbung und Marketing und bin auch kurz ein wenig in den Journalismus gewechselt. Mit 30 Jahren hat es dann eine Zäsur gegeben, weil mein damaliger Arbeitgeber Insolvenz anmelden musste. Ich war dadurch mehr oder weniger gezwungen, mich neu zu orientieren. Bis dahin habe ich eigentlich schon immer zum Spaß Comedy gemacht – lustige Metapher – aber nie beruflich. Für mich war das der Punkt, an dem ich mich entscheiden musste: Wie geht es weiter? Letztendlich habe ich es riskiert, denn es ist das, was ich am liebsten mache.

Ich glaube auch, es ist das, was ich am besten kann, nämlich Menschen zu unterhalten oder im weiteren Sinne Menschen zum Lachen zu bringen. Ich habe mir dann gesagt, ich gebe mir ein Jahr Zeit und schaue, was passiert, ob es funktioniert und ob ich davon auch leben kann.

Mir war immer nur wichtig, dass ich mit der künstlerischen Tätigkeit zumindest einmal dasselbe verdiene wie vorher. Wenn dies möglich ist, dann wäre meine Entscheidung klar. Dann habe ich keinen Chef, sondern bin mein eigener. Ich kann das machen, was mir am meisten Spaß macht und es geht sich trotzdem finanziell aus, denn vorher ist es sich auch ausgegangen. Damit habe ich Gott sei Dank die richtige Entscheidung getroffen, bin meiner Berufung gefolgt und mache das jetzt eben seit 17 Jahren.

…was wirklich eine lange Zeit ist. Du hast ja jetzt auch dein drittes Soloprogramm mit dem Titel „LEBHAFT – Rotzpipn forever“ herausgebracht. Es klingt ein wenig wie deine ganz eigene Hommage ans Leben. In der Programminfo schreibst Du: „Wenn gestern eigentlich wirklich alles besser war, warum nicht heute leben als gäbe es kein Morgen? Denn an irgendeinem Tag müssen wir alle sterben, aber an allen anderen nicht.“ Wolltest du hier nur Snoopy zitieren oder lebst Du selbst als gäbe es kein Morgen?

Naja, ich glaube, dass wenn man lebt als gäbe es kein Morgen, das würde ja nicht lange gut gehen. Das würde sich in der totalen Anarchie kanalisieren und die ist natürlich keine tolerable oder akzeptable Gesellschaftsform. Was ich aber damit zum Ausdruck bringen möchte, ist, dass wir uns als Gesellschaft durchaus öfter die Frage stellen sollten, ob es uns wirklich so schlecht geht, wie wir es uns immer einreden oder es uns auch eingeredet wird. Wir sind eigentliche eine Gesellschaft, der es dermaßen gut geht, wie selten einer Gesellschaft zuvor. Ich glaube, dass je mehr wir uns auf unsere Kerninteressen besinnen, desto glücklicher werden wir „à la longue“ werden. Zusammengefasst: „Wenn gestern alles besser war, warum nicht heute leben als gäbe es kein Morgen?“

Natürlich kann man das nicht für bare Münze eins zu eins umsetzen, wenn dann jeder macht, was er glaubt. Wir brauchen schon irgendwo eine konformistische Regelung der Gesellschaft. Aber ich glaube schon, dass wir eben auch mit diesem „Rotzpipn forever“, mit dieser Metapher, dass wir da der Fremdbestimmung ein bisschen die Stirn bieten müssen und uns wieder ein bisschen mehr auf unsere Selbstbestimmung besinnen sollten, denn das nimmt schon überhand. Eine Gesellschaft, die sich nicht mehr auflehnt, wird irgendwann sehr einfach steuerbar.

Wenn wir jetzt einmal kurz auf die letzten Monate zurückschauen, auf diese Covid-Zeit, welche die Kultur- und Kabarettszene ziemlich stark getroffen hat, wie hat sich denn dies auf deinen Alltag ausgewirkt?

Also natürlich sehr radikal. Ich bin, wie viele andere auch, von einer abrupten Beendigung meiner Tätigkeit betroffen gewesen. Wir sind „first out“ – und wahrscheinlich auch „last in“, unsere Branche – die Kulturschaffenden – sind von heute auf morgen vor dem Nichts gestanden. Die Grundlage unserer Existenz wurde uns von der Regierung weggenommen.

Wie habe ich die letzten Monate so erlebt? Gott sei Dank gut, weil gesund. Ich habe mich eigentlich immer recht bedeckt gehalten in diversen Fragebögen oder Interviews, mit der österreichischen Lieblingsbeschäftigung, nämlich mit dem „Sudern“ und dem „Raunzen“. Ich denke mir, ich lebe in Österreich, das ist schon mal ein riesen Privileg. Wir haben eine exzellente Gesundheitsversorgung, ich persönlich bin nicht krank, ich habe und hatte keinen positiven Corona-Test und ich habe einen vollen Kühlschrank. Auch in meinem näheren Umfeld gibt es keine Krankheitsfälle. Was genau würde mich legitimieren zu „raunzen“? Ja, es ist natürlich blöd, weil ich wahnsinnig gerne weitergearbeitet hätte, und wenn man jetzt rein den wirtschaftlichen Aspekt betrachtet, ist es extrem mühsam, vor allen Dingen natürlich für meine Agentur. Die wurde damit konfrontiert, meine Termine relativ rasch zu koordinieren, welche von Ende März bis Anfang Juli ausverkauft waren. Da reden wir jetzt von 13.300 verkauften Karten aus dem Vorverkauf und ca. 36 Terminen. Die muss man erst einmal umschichten, das ist nicht so einfach.

In unserem Geschäft gibt es einen relativ langen Vorlauf. Bei mir sind es ein bis eineinhalb Jahre, in denen natürlich Vorleistungen von mir erbracht werden. Das heißt, die Planbarkeit war in Anbetracht der Reaktion der Regierung in unserer Branche überhaupt nicht mehr gegeben. Das war ein schlechter Aspekt der letzten Monate. Ist es mir schlecht gegangen in dieser Zeit? Nein, mir ist es nicht schlecht gegangen, weil mir außer meinem Job nichts abgegangen ist. Wäre es mir anders lieber gewesen? Ja klar, so wie jedem anderen auch! Wir sind ja hauptberuflich Künstler und leben ohne Absicherung, sprich ohne Subventionen. Da ist die aktuelle Lage nicht befriedigend. Mit dieser Verordnung können wir unser Publikum nicht unterhalten.

Wir Kabarettisten brauchen keine Subventionen, weil wir uns selber erhalten. Was wir aber schon brauchen, ist Interesse für unseren Berufsstamm und das ist massiv abgegangen.

Ich muss dazu sagen, dass ich immer einer war, der das Ganze befürwortet hat. Ich glaube nämlich, dass unsere Regierung – Rudi Anschober und der Herr Bundeskanzler – mit diesem radikalen Lock-down sehr richtig reagiert hat, weil wir überhaupt keine Erfahrungswerte mit so einem pandemischen, aggressiven Virus haben, und noch dazu die Gesundheit immer an erster Stelle stehen muss. Da sind meine Befindlichkeiten völlig sekundär, wenn es darum geht eine Infektionskette zu unterbrechen. Womit ich ein bisschen ein Problem gehabt hab, war, dass speziell unsere Branche von der damals zuständigen Kulturstaatssekretärin meines Erachtens nach nicht optimal vertreten wurde. Kollegen haben daher dankenswerterweise die „IG Kabarett“ gegründet, um auf unseren Missstand und auf die Ist-Situation der Kabarett-Szene aufmerksam zu machen. Ich glaube, dass die Leute gar nicht wissen, wie das läuft, wenn wir im Jahr siebeneinhalb tausend Veranstaltungen mit 1,6 Millionen Besuchern haben – rein die Kabarettszene. Im Kartenumsatz werden rund 43 Millionen Euro brutto erwirtschaftet. Dies ist in etwa äquivalent mit den Einnahmen der Salzburger Festspiele; mit dem kleinen Unterschied, dass diese mit 28 Millionen Euro vom Staat subventioniert werden. Wir Kabarettisten brauchen keine Subventionen, weil wir uns selber erhalten. Was wir aber schon brauchen, ist Interesse für unseren Berufsstamm und das ist massiv abgegangen.

Wie schätzt Du denn die Situation für jene ein, die weniger im Rampenlicht stehen als Du, und die auch finanziell nicht so gut abgesichert sind? Wie geht es denen?

Nicht gut. Überhaupt nicht gut, weil ich glaube, dass es Kollegen gibt, die jetzt ihr erstes Vollprogramm haben oder sich eben erst vor Kurzem für den Weg des Künstlers entschieden haben, und überhaupt keine Backups haben. Ich weiß noch, wie es bei mir damals war. Ich habe gewusst, niemand wartet auf dich. Es ruft dich nicht das GLOBE WIEN an und fragt: „Wo sind Sie? Wir haben ein ausverkauftes Haus!“

Du musst diesen Weg erst gehen und der geht über viele Jahre. Er führt über Kleinkunst im wahrsten Sinne des Wortes. Anfangs habe ich vor 25 Leuten gespielt. Dort wo ich jetzt bin, das ist ja eine Folge von Schritten mit einem Plan und auch dank meiner Agentur. Ich muss ehrlich sagen, jetzt nach drei Monaten sind zwar meine Einnahmen weg, aber ich bin nicht am Rande des Ruins, denn ich habe mir in guten Zeiten ein Backup schaffen können. Das ist aber gerade in der Kunst keine Selbstverständlichkeit und ich glaube, dass es für diese Leute eine unbürokratischere Hilfe als den Härtefallfond bräuchte. Vielleicht wäre hier das alte Epidemie-Gesetz gut gewesen. Man hätte es nicht in einer Nacht-und Nebelaktion aushebeln sollen, sondern es zumindest für Ein- bis Zwei-Personen-Unternehmen mit bis zu 25 Mitarbeitern belassen können. So gibt es nur Peanuts für die, die weder Miete bezahlen können, geschweige denn ihre Umsatzeinbußen irgendwie verhindern können. Die Systemrelevanz von Kultur ist, abgesehen von den Umsätzen, die unsere Branche liefert, definitiv gegeben.

Kommen wir zu einer anderen Frage, die man sich im Kabarett stellen muss: Was darf Kabarett? Jüngst gab es etwa hinsichtlich Lisa Eckhart, Monika Gruber oder Dieter Nuhr eine öffentliche Debatte darüber, was in Ordnung ist. Wie siehst Du das? Gibt es für dich eine persönliche Grenze, die Du nicht überschreiten möchtest oder nicht überschreitest?

Ja, für mich gibt es die auf jeden Fall! Ich denke, wo es beginnt, in dem persönlichen Bereich einzugreifen, oder wo sich derjenige wirklich schwer auf den Schlips getreten fühlt, und man untergriffig wird, ist für mich die Grenze erreicht. Ich glaube aber, dass Satire trotzdem ein ganz wichtiges Instrument ist, um auch gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen.

Es gibt diesen Spruch von Herrn Tucholsky: „Satire darf alles.“ Ich glaube, das muss man gesamtheitlich betrachten und mit zweierlei Maß messen. Lässt man diese Aussage so stehen, macht man es sich natürlich auch ein bisschen einfach. Abgesehen davon, dass dieser Satz vor hundert Jahren gefallen ist, hat sich natürlich die Welt weiterentwickelt. Es herrscht gerade jetzt eine hohe Sensibilität darüber, was gesagt werden darf. Andererseits muss man dem auch kritisch gegenüberstehen, weil wir in der Gesellschaft ein individuelles Recht aufs „beleidigt sein“ kultiviert haben.

Sich hinzustellen und sich den Mantel der Satire anziehen und zu sagen, wurscht, ich fahre da jetzt mit dem Breitschwert durch – das kann man machen, aber man muss sich natürlich auch der Folgen bewusst sein.

Wie Manfred Deix damals gezeichnet hat – ich bin mir nicht sicher, ob das heute nicht für extreme Skandale sorgen würde. Manfred Deix war aber, abgesehen davon, dass er ein genialer Künstler war, ein ganz wichtiges Korrektiv in der Gesellschaft. Er hat einfach Missstände in der Gesellschaft mit Karikaturen aufgezeichnet. Der Künstler muss individuell entscheiden, auf welches Eis er sich begibt. Sich hinzustellen und sich den Mantel der Satire anziehen und zu sagen, wurscht, ich fahre da jetzt mit dem Breitschwert durch – das kann man machen, aber man muss sich natürlich auch der Folgen bewusst sein. Ich habe mir da eine relativ klare Grenze gesetzt, denn jemanden wirklich ganz „schiach“ durch den Dreck zu ziehen entspricht weder meinem Naturell noch der Art und Weise, wie ich meine Arbeit machen möchte.

Teil dessen, was Du machst, sind auch deine Facebook-Videos. Da hast Du vor allem den Sport als Thema. Du hast ja auch während der Formel1-Zeit, während Niki Lauda noch am Leben war, immer wieder Rennanalysen an den Wochenenden gemacht. Mit Nico Rosberg, Toto Wolff und so weiter. Das hat nicht nur Eindruck bei denen erzielt, die dich verfolgt haben, sondern auch bei den Menschen, die hierbei im Mittelpunkt gestanden sind, nämlich auch bei Niki Lauda. In dieser Zeit, wie Du es auch bei ‚Willkommen Österreich‘ erzählt hast, hat sich durchaus eine Art Freundschaft entwickelt. Wie war denn das für dich persönlich?

Also Freundschaft würde ich etwas zu hoch angesetzt sehen. Ich glaube, dass der Niki mir gegenüber extrem wohlwollend war, weil er gemerkt hat, dass ein großes Maß an Respekt vorhanden ist. Ich glaube, und ich habe ihn damals so eingeschätzt, er war sich seiner Situation und seiner Rolle als weltbekannter Österreicher sehr wohl bewusst. Man hat aber nicht im Ansatz gespürt, dass er eine Art von diesem Starkult um sich pflegt, sondern er war relativ normal. Bei diesen Treffen habe ich die Erfahrung gemacht, dass je normaler man ihm gegenüber war, desto angenehmer war es ihm. Der Niki war keiner, der sich großartig abfeiern hat lassen. Für mich war es natürlich spannend zu sehen, wie er auf meine Parodien reagiert. Dine Parodie ist für mich eine Huldigung an einen Mythos und mir muss der, den ich parodiere, auch irgendwo Spaß bereiten; da muss etwas sein, was ich gerne wiedergeben möchte. Niki war bei den diversesten Treffen immer extremst amüsiert und vor allem hat er immer eine Facette von sich preisgegeben, die die wenigsten zu Gesicht bekommen haben. Ich habe Sachen mit ihm erlebt, also da hat er wirklich aus vollstem Herzen gelacht. Er hatte einen irrsinnig lässigen Schmäh und wirklich ein hohes Maß an Humor-Bereitschaft.

Das schönste Kompliment war für mich, als ich den Niki angerufen habe: „Du, ich habe am zehnten Oktober Premiere vom Soloprogramm und würde dich gerne einladen, magst kommen?“ Mir war eigentlich immer relativ klar, dass er nicht Zeit haben wird. Aber er hat gesagt: „Ja, schickst das Datum an meine Sekretärin und dann werde ich schauen, ob ich da bin.“ Ich habe dann einfach eine E-Mail an seine Assistentin geschickt und er hat zugesagt – schriftlich – er kommt. Dann habe ich mir gedacht, das ist jetzt interessant. Kommt er, weil er will oder macht er das nur höflichkeitshalber? Daraufhin habe ich den Heinz Prüller angerufen: „Servus Heinz, du, der Niki hat mir schriftlich zugesagt, dass er zu meiner Premiere kommt. Kommt der wirklich, weil wir müssen eine Presseaussendung machen und die Journalisten wollen natürlich wissen, welche Namen auf der VIP-Liste stehen, und wenn da Niki Lauda steht und dann kommt der nicht, dann ist das hoch peinlich.“ Und der Heinz Prüller hat gesagt: „Alex, ich kann dir nur eines sagen: Wenn der Niki sagt, er kommt, dann kommt er fix. Hundertprozentig, sein Wort hat Gewicht.“ Um 19:30 Uhr ist dann der Niki im ORPHEUM Wien gestanden und am nächsten Tag hat er mir eine SMS geschrieben: „Danke für den lustigen Abend! So gelacht habe ich überhaupt noch nie.“ Das war schon wirklich toll.

Wenn man vielleicht daraus etwas schließen kann: Ist Comedy etwas, das die Menschen miteinander verbindet?

Ja, absolut. Ein platter Satz: „Lachen ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen.“ Es gibt auch noch keinen, der beim Lachen einen Herzinfarkt gehabt hat. Ich glaube auch, dass Lachen die kürzeste Verbindung zwischen Herz und Hirn ist. Wenn mich jemand fragt, was meine Mission oder meine Botschaft ist, denke ich, ich möchte, dass das Lachen als gemeinsames Ganzes bestmöglich in meinem Publikum verankert wird. Wer am Abend zu mir kommt, soll danach besser drauf sein als zum Zeitpunkt, wo sie in die Vorstellung gekommen sind. Wenn das erreicht ist, dann ist mein Job erledigt. Ich sehe mich persönlich nicht als moralische Instanz, da wüsste ich jetzt nicht, was mich legitimiert, weil nur der Umstand, dass ich in der Öffentlichkeit stehe, mag wohl beinhalten, dass wir natürlich bis zu einem gewissen Grad Meinungsbildner sind, das stimmt schon. Was ich aber sicher nicht bin, ist jemand, der jemandem sagt, was er zu denken, zu essen, zu trinken oder zu wählen hat. Das ist nicht meine Aufgabe.

Ich glaube auch, dass Lachen die kürzeste Verbindung zwischen Herz und Hirn ist.

Kannst du die Zeit jetzt vielleicht sogar etwas besser dafür nutzen, neue Programme zu schreiben? Gibt es da schon etwas?

Für mich ist immer die Zeit, um an neuen Programmen zu schreiben, weil ich grundsätzlich immer meinen inneren Seismographen auf Empfang gerichtet habe. Ich glaube, das ist auch ein bisschen eine Berufskrankheit. Wir gehen open-minded durch das Leben und ich bin immer auf der Suche nach Material. Die Corona-Zeit macht schon ein bisschen das Feld auf, um zu reflektieren und Sachen neu aufzusetzen oder auch gewisse angelernte Verhaltensmuster auf ihre Aktualität zu hinterfragen. Aber jetzt ein neues Programm zu schreiben, was dann 2022 auf die Bühne kommt, wäre vermutlich verfrüht. 2022 ist Corona vielleicht nicht mehr aktuell – hoffen wir es. Die Welt wird sich auch in eineinhalb oder zwei Jahren weiterdrehen. Wenn ich jetzt etwas schreibe, was dann bei der Premiere vielleicht nicht mehr aktuell ist, dann kann ich das ganze wieder schmeißen. Außerdem sind die abgesagten Termine alle auf das erste Halbjahr 2021 verschoben.

Gibt es im Herbst eine zweite Welle? Ja oder nein? Können wir die Termine spielen? Ja oder nein? Man weiß es nicht. Es ist gerade im Moment alles ein bisschen schwierig, um so langfristig vorauszuplanen. Deswegen versuche ich, mein aktuelles Programm ein bisschen auf die derzeitigen Gegebenheiten anzupassen, aber jetzt ein neues Programm zu schreiben, halte ich für schwierig.

Wie darf man sich denn das bei dir vorstellen? Gehst Du tagsüber mit deinem Seismographen durch die Stadt und schreibst am Abend nieder, was Du als verwertbar findest?

Ähnlich, ja. Ich erlebe teilweise Dinge oder lese Sachen, die mir brauchbar erscheinen, und dann kommt das in eine Lade und wird einmal nicht bewertet. Ich glaube, in einem kreativen Prozess muss man die Leine relativ lange lassen. Ich schreibe grundsätzlich alles raus und erst dann bewerte ich. Das ist so, wie wenn du einen Weihnachtsbaum aufstellst. Du stellst erst den Baum auf, dann wird er behängt und dann sieht man eh, wo zu viel hängt und wo etwas fehlt. Aber natürlich, das „daily-business“ von uns Humoristen ist es, die Antennen immer auszufahren.

Abschließend noch: Wann kann man den nächsten Zwischenbericht von Andi Herzog & Co. erwarten?

Schon bald. Wir werden, wenn Corona jetzt so ein bisschen in die Sommerpause geht, eine kleine Bilanz machen. Ich weiß jetzt noch nicht, ob als Andi Herzog oder als eine andere Figur, aber diese ganze Corona-Zeit der letzten Monate hat ja auch schon ein ganzes Sammelsurium an Absurditäten hervorgebracht. Es gab die wirklich großartigsten Dinge. Angefangen bei den Hamsterkäufen, übers Klopapier bis hin zu den diversesten Verordnungen und auch diese neue Normalität. Da habe ich teilweise schon lachen müssen, wenn man sieht, was da für ein Schindluder getrieben wird. Wir müssen schauen, wie das weitergeht. Das muss ich jetzt erstmal aufs Papier bringen und dann gibt es wieder ein kleines Filmchen.

Wir bedanken uns bei Alex Kristan für das Gespräch.

Lukas Bayer
In seinen Texten beschäftigt sich Lukas mit dem, was nötig ist. Idealisierte Weltvorstellungen sind ihm dabei genauso fremd wie Quantenphysik und die Stringtheorie. Es geht stets darum, das Mögliche darzulegen. In seinem Masterstudium Global Studies in Graz beschäftigt er sich vor allem mit ökonomischen und umweltspezifischen Themen.

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