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Ich habe gesehen, du engagierst dich sehr. Du hast über die Musik angefangen und das auch mit der Politik verbunden, du bist Eventmanager; und irgendwie scheint alles ein bisschen mit Tradition verbunden zu sein, wenn ich das richtig verstanden habe.

Ja, das ist der rote Faden, der sich durch die ganzen Bereiche zieht. Für mich ist es einfach wichtig, dass man in allen Bereichen das Zitat von Erzherzog Johann „So viel Altbewährtes wie möglich, so viel Neues wie nötig.“ anwendet. Es ist wichtig, die Spannung zwischen Tradition und Innovation zu führen. Beispielsweise, wenn man es jetzt in Österreich politisch sieht: Wir sollten Wurzeln bewahren und gleichzeitig offen für die Welt sein. Hierzu gefällt mir ein Zitat von unserem Landeshauptmann Wilfried Haslauer sehr gut: „Wir sind heimatverbunden und wir sind weltoffen.“ Das spiegelt sich nirgendwo so stark wider wie in der Volkskultur, der Musik, der Kleidung und der Kultur bei uns. Mit diesen Bereichen beschäftige ich mich.

Tradition ist so ein universeller Begriff. Es ist nicht ganz klar, was das genau bedeutet und jeder hat seine eigene Vorstellung davon. Aber es ist sicher nicht alles Tradition, von dem Leute glauben, dass es Tradition wäre. Was ist bei uns eigentlich Tradition?

Es ist schwierig, das Wort „Tradition“ zu definieren. Tradition fundiert natürlich auf einer Definition, die irgendwann einmal ein Mensch machen muss. Irgendjemand muss sagen, das ist Tradition. Bei uns ist Tradition eine Widerspiegelung von Kunst und Kultur, vom Alltag, vom Leben. Die Volksmusik ist nicht wie die Hochkultur ein in sich wissenschaftliches Ergebnis, wo man sagt, ich möchte immer komplexere Werke schreiben. Die Volkslieder schreiben Alltagsgeschichten. Sie schreiben Liebesgeschichten oder eine Jägererzählung oder einfach aus dem Alltag heraus. Genauso ist die Tracht. Die Tracht hat sich entwickelt, die Pfoad beispielsweise war das Arbeitshemd. Jeder, der Stutzen mit der Hand herstellt, weiß, dass viele verschiedene Stutzmuster eingearbeitet sind, die Geschichten erzählen. Zum Beispiel „die brennende Liab“. Tradition ist im Endeffekt wirklich unser Alltag. Das wird über Kultur und Brauchtum weitergegeben. Deswegen auch die Volkskultur – eine Kultur, die das Leben des Volkes widerspiegelt. Ob man sagt, dass das Bierzelt Kultur ist oder nicht; es ist alles Volkskultur. Aber das Warum muss in den Vordergrund. Das Bier-trinken und Grölen hat nichts mit Volkskultur zu tun. Aber das gesellschaftliche Zusammenkommen, das gemeinsame Feiern, das ist Volkskultur. Man muss das Gesamtbild betrachten, die Botschaft und nicht die einzelnen Tätigkeiten. Die Lederhose alleine ist auch keine Tracht. Erst, wenn man sie als Tracht trägt, dann ist es Tracht.

Siehst du den Blick auf Tradition aus deinen verschiedenen Tätigkeiten, die du ausführst, unterschiedlich?

Auf jeden Fall. Im Falle von Tracht ist es natürlich so, dass wir etwa zwischen Festtagstracht oder dem Arbeitsgewand unterscheiden müssen. Dies variiert nochmals in den verschiedenen Regionen. Gleichzeitig erfährt die Heimatverbundenheit einen großen Aufschwung, erkennbar etwa durch das Tragen einer Lederhose anstelle einer kurzen Hose. Die Tracht wird in den Alltag integriert. Das heißt, man trägt kein volles Festtagsoutfit, sondern Lederhose oder bloß Gilet. Ein bisschen als Accessoire, sowohl in der Mode als auch in der Kultur und Musik, da man sich immer gerne heimatverbunden präsentiert. Auch in der Politik erkennbar: Die Leute entdecken den Trachtenrock auf einmal für sich und ihre Wahlkampagne. Auch trachtenfremde Lager treten darin auf und sind so bei Volksfesten und auf Kirtagen zu sehen. Das ist momentan eben Trend und den muss man von Tradition unterscheiden. Das sehe ich dann in der Musik anders als wiederum in der Tracht. In vielen Lebensbereichen ist es immer unterschiedlich.

Die Tracht wird in den Alltag integriert.”

Du hast gesagt, dass Tradition immer mehr in den Alltag zurückkehrt. In einer Zeit, in der alles immer verzweigter wird, Werbespots beispielsweise auf Englisch sind und Leute aus fernen Ländern kommen, ist das nicht so etwas wie moderne Tradition? Steht sich das gegenüber?

Es ist schwierig. Zum einen versuchen wir, unsere Weltoffenheit zu zeigen, indem wir uns möglichst international, unnahbar und kühl, weltgewandt und metropol präsentieren wollen. Man redet nur noch von Marketing, Business, average Dollar spent, wie viel ausgegeben worden ist und so weiter. Es hat mit Kompetenz zu tun, sich weltoffen und global zu zeigen. Dadurch geht aber die Diversität verloren. Wenn man zu seiner Herkunft steht, ist man geerdet. Wenn man anfängt, möglichst viele Fachwörter aus dem Englischen zu benutzen, oder Wörter wie „nice“ oder „sweet“, dann werden diese Anglizismen eigentlich benutzt, um sich weltoffen zu präsentieren. Jeder tut das, ich mache das auch. Aber man verliert den gesunden Respekt vor den Wurzeln. Ich finde die lebendige Tradition Österreichs ganz wichtig. Das ist etwas, das nicht niedergeschrieben ist, sondern im Lebensstil fortgeführt wird. Das kann ein Kirtag, Volksmusik oder Tracht sein. Es verändert sich, es kommt was weg und es wandelt sich mit der Zeit, aber es wird kontinuierlich weitergegeben. Den roten Faden dürfen wir nicht ganz verlieren.

Tradition wird also immer mehr zum Trend. Junge Leute benutzen Wörter wie „nice“ und „cool“. Wie sieht es mit der Motivation junger Leute in Musik- und Trachtenvereinen aus?

Die Motivation wächst extrem. Uns stehen alle Türen offen. Jeder macht ein Auslandssemester, geht zur Selbstfindung nach Neuseeland oder ein halbes Jahr nach Kalifornien. Wir können überall arbeiten und studieren. Wir kommen aus einer Elternschicht, die mit dem Wohlstand der 70er und 80er Jahre aufgewachsen sind. Das heißt, wir haben nicht mehr die Probleme, die unsere Eltern als Kinder hatten. Etwas Gutes zu essen zu bekommen war etwas Besonderes. Das ist etwas, das sich vor allem bei den Reichen widerspiegelt. In einer Zeit, in der sich jeder eine Louis-Vuitton-Tasche oder ein Macbook kaufen kann, ist der Wohlstand nicht mehr so materiell zu sehen. Da gehen die Leute dann mehr zur Kultur zurück, um ihren sozialen Status zu zeigen. Deswegen sind die Festspiele so im Aufschwung und die Leute zahlen 500 Euro für eine Festspielkarte, weil der Porsche nicht mehr das Statussymbol ist. Man ist kultiviert, gebildet und geht zu einer kultivierten Veranstaltung. Das wirkt sich auch in der Volkskultur aus. Leute aller sozialen Schichten wollen ihr kulturelles Interesse zeigen. Schön an der Volkskultur ist, dass du in dem Moment, in dem du eine Lederhose anhast, nicht zwingend Millionär oder Bettler, Geschäftsführer oder Straßenkehrer bist. Die Lederhose weiß jeder zu schätzen. Jeder weiß, dass sie Tradition ist und nichts mit dem gesellschaftlichen Standpunkt zu tun hat.

Du hast jetzt schon das Wort „Bräuche“ erwähnt. Wir haben Tradition, die wir in Bräuchen ausleben. Was sind unsere typischen Bräuche?

Als erster kommt mir in den Kopf, wir singen zu Weihnachten „Stille Nacht“. Das ist ein Brauch seit Jahrhunderten. Du kommst zu Weihnachten zusammen, schmückst den Christbaum. Nicht mehr so gängig ist das Tischgebet. Das Grüßen, wenn du „Grüß Gott“ sagst, der Brauch ist überall eingearbeitet. Wir haben so Bräuche wie, dass du am Sonntag in die Kirche gehst, am Nationalfeiertag die Landeshymne singst. Aber was ist ein Brauch? Brauchtum ist das Überlieferte und das lebendig Überlieferte. Aber es muss einen Ursprung haben und es können neue Bräuche entstehen. Wichtig ist natürlich die Bewahrung von Altem, von alt Bewährtem. Sonst geht uns das immer mehr verloren. In der Volksmusik beispielsweise ist etwas stark bemerkbar. Ich bringe dafür gerne das Beispiel Herbert Pixner, ein Volksmusiker von extremem Talent. Extrem bekannt gewesen, hat extremen Erfolg erfahren, aber ist dann mit wachsendem Erfolg immer weiter von der Volksmusik weggegangen, weil er sich selbst natürlich ein bisschen experimentieren wollte. Mittlerweile ist er fast nicht mehr in der Volksmusik zuhause. Warum? Weil sich die Leute zu schnell weiterentwickeln. In dem Moment, wo du zu viel Innovation reinsteckst, passiert, was bei Herbert Pixner passiert ist. Du verlierst komplett die Tradition. Dann ist es keine Volksmusik mehr, sondern etwas Anderes. Deswegen ist es ganz wichtig, dass man bei den Bräuchen den Wandel nicht erzwingt. Zum Beispiel Sneakers zur Lederhose. Das ist modern, das ist hipp. Nein, ist es nicht. Du ziehst deine Lederhose an und nimmst Sneakers dazu. Fertig. Das hat nichts mit Tracht zu tun. Alles, was wir jetzt als Tracht sehen, war vor hundert Jahren noch nicht Tracht. Die Harmonika, die überall bei Volksmusiken gespielt wird, gab es vor sechzig Jahren noch nicht einmal. Die Entwicklung darf nicht von innen herauskommen. Nicht, dass jemand sagt: „Ich ziehe jetzt Sneakers zur Lederhose an, denn das passt zum 21. Jahrhundert.“ Nein. Wenn es sich von selbst mit der Zeit entwickelt, dass die Schuhe vom Design her immer mehr Richtung Alltagsschuhe gehen, dann okay. Aber die Leute versuchen es zu erzwingen. Leute versuchen, die Tradition modern zu machen, doch genau dabei geht diese verloren.

Vor allem, weil die Tradition im Gegenteil etwas ist, dass lange benötigt, um sich zu entwickeln und Mode sich schnell entwickelt?

Ja. Es könnte Coco Chanel gewesen sein, die damals sagte, Mode würde sich ändern, doch der Stil bleibe gleich. Das stimmt auch in der Tradition. Es gibt Veränderungen, aber die Basis bleibt und entwickelt sich nur ganz langsam. Daran kann man sich festhalten. Wir müssen aufpassen, dass wir das nicht ganz verlieren und uns zu weltoffen präsentieren. Was mir jetzt in der ganzen Diskussion der letzten Jahre über das Thema Asyl auffällt: über dieses Thema ist sich niemand einig. Auch gibt es hierzu keine klare Botschaft. Wichtig ist: In dem Moment, in dem man eine eigene Kultur hat, kann man auch multikulturell sein. Aber nicht ohne eigene Kultur, denn aus welcher Kultur schöpfst du dann? Eine eigene Kultur zu haben und andere zu akzeptieren, ist kein Widerspruch. Aber die eigene Kultur als etwas Verwerfliches anzusehen, ist ein großes Problem unserer westlichen Gesellschaft. Alles soll gut sein, das von außen kommt; und alles schlecht, was von innen kommt. Wörter wie „Heimat“ sind verpönt. Ein Auftritt in Tracht ist automatisch politisches Statement. Ich finde, da sollte man sich wieder wegbewegen. Man sollte die Dinge als das sehen, was sie sind. Nämlich eine Liebe zur Tradition, zur Heimat, eine kulturelle Identität, eine Verwurzelung mit dem Heimatland und nicht mehr. Man darf kein politisches Dogma irgendwo reininterpretieren. Damit zerstören wir uns selbst die Volkskultur.

Eine eigene Kultur zu haben und andere zu akzeptieren, ist kein Widerspruch.

Dazu anschließend: Wie verträgt sich Tradition mit Kommerzialisierung?

Es verträgt sich schon. Man muss es nur im richtigen Maße betreiben. Aber die Volksmusik und die Volkskultur haben nicht den Anspruch, kommerziell zu sein. Die Kartenverkaufszahlen und der Reichtum von Andreas Gabalier haben mit Volkskultur wenig am Hut. Die Volkskultur zeichnet sich durch eine besondere Verbindung im Kleinen aus. Jeder kann es machen. Nicht jeder kann gleich gut singen oder ein Instrument spielen, aber jeder kann theoretisch singen, etwa im Kreise der Familie. Dass du in der Kirche ein Lied anstimmst und die Leute singen, oder bei der Hochzeit ein Jodler, den alle singen können; davon lebt die Volkskultur. Auf der Bühne vor hunderttausend Leuten zu stehen, kann und wird nicht jeder. Deswegen ist das keine Volkskultur mehr, sondern eine Kommerzkultur. Diese unterteilt die Leute ganz in den Künstler auf der Bühne und das zahlende Publikum. Diese Grenze existiert in der Volkskultur überhaupt nicht. Bei einem Vollksmusikabend kann auch im Publikum die Hälfte ein Instrument spielen und alle können singen. Kein Neid. Niemand denkt, dass er das besser könne. Sondern man freut sich über deren Musik und spielt dafür an einem anderen Tag anderswo. Selbst, wenn man selbst nicht gut genug für die Bühne ist, spielt man zu Weihnachten für die Familie. Das Erlebbare und Erfahrbare macht die Volkskultur aus.

Man sieht es im Fernsehen, es gibt eine Schlagerparty nach der anderen. Im Winter singt man auf Skihütten Après-Ski-Hits. Auf der Wiesn ist es dasselbe. Zerstören diese Lieder ein bisschen das Eigentliche?

Ja, definitiv. Das Problem ist, dass in unserer kommerziellen Gesellschaft jeglicher emotionale Zugang zu den Leuten finanziell ausgeschlachtet wird. Die Volkskultur hat diesen emotionalen Zugang. Erinnerungen an die Kindheit, man verbindet damit Heimat und viele positive Emotionen. Man merkt auch, dass die Musik nicht mehr im Vordergrund steht. Man versucht, mit wenig Aufwand möglichst viel Geld zu verdienen. Die meisten Schlagersänger schöpfen aus der Volksmusik und betreiben mit möglichst wenig Aufwand Kommerzmusik. Mir kann keiner erklären, dass es bei einer Après-Ski-Party um etwas Anderes geht als möglichst viel Alkoholkonsum. Das ist schön und gut, aber kein Brauchtum, keine Tradition.

Gibt es hier zwei Konfliktlinien? Auf der einen Seite das Marktwirtschaftliche, was sich spreizt mit der Tradition. Auf der anderen Seite das Individuum, das fehlgeleitet durch den Glauben, sich das Beste rauszuholen, die Gemeinschaft vergisst?

Ich glaube, das gesunde Maß aus beidem ist wichtig. Die Wirtschaft zu verteufeln ist Schwachsinn. Die Wirtschaft ist das, was unser Land erst hierhergebracht hat. Es ist gut, dass wir eine hohe Lebensqualität, starke Unternehmen und Firmen hier haben. Wir haben weltführende Firmen in Österreich. Was ich toll finde, ist z.B., dass der Herr Mateschitz seinen Firmensitz in Salzburg hat. Auch die ganze Firmenleitung ist hier und Unternehmen wie die Porsche Holding haben hier ihren Sitz. Fachkräfte aus der Region werden rekrutiert. Die Spannung zwischen Profit und Engagement für regionale Arbeitsplätze ist wahrnehmbar. Man darf nicht dem Örtlichen entgegenstehen. Wenn man z.B. immer wieder hört, dass eine Fabrik in ein anderes Land umsiedelt, so entsteht eine Geisterstadt. Bei 400 Arbeitsplätzen, die dort mit ihren Familien gewohnt haben, ist auf einmal die halbe Ortschaft weg. Die Politik muss Österreich als Unternehmensstandort und Lebensort attraktiv machen. Themen wie leistbare Preise und Mietpreise sind auch enorm wichtig. Früher konnten sich unsere Großeltern noch mit eigenem Schweiß ein Haus bauen. Die Mietpreise sind einfach so horrend, ebenso die Eigentumspreise. Leistbares Wohnen bewahrt die Heimatverbundenheit. In dem Moment, in dem alle Menschen aus der Heimat auswandern, gehen auch die Bräuche verloren. Tracht wird auch immer weniger getragen. Je größer die Stadt, je größer die kosmopolitischen Strömungen sind, desto mehr wird auf das Regionale und das Eigene verzichtet. Gerne würde ich sehen, dass ein internationaler Unternehmer mit der Lederhose in Los Angeles ankommt, damit dann zu einem Business Meeting geht und sagt: „Ja, das ist unser Gwand. Und ich steh dazu“.

In dem Moment, in dem alle Menschen aus der Heimat auswandern, gehen auch die Bräuche verloren.

Du würdest also unterschreiben, dass Tracht und Brauchtum oder Tracht und Heimatgefühl automatisch zusammengehören? Und braucht man überhaupt Tracht?

So würde ich das nicht sagen. Es ist auf jeden Fall sehr wichtig. Denn der Ausdruck „Kleider machen Leute“ stimmt zu einem gewissen Grad. Über Kleidung kann man Botschaften aussenden. Du zeigst bei einer Beerdigung, bei einer Hochzeit oder einer Geburtstagsfeier, ob es Arbeitsgewand oder Abendgarderobe ist. Für einen gegebenen Anlass oder ein besonders Umfeld hast du eine eigene Kleidungstradition. Die Tracht hat das natürlich noch ganz massiv vom Arbeitsgewand zum Freizeitgewand bis hin zum Festgewand. Das ist bei uns auch noch ganz tief verankert. Sicher muss man nicht Tracht tragen, um ein traditionsbewusster Mensch zu sein. Aber es ist etwas, du fühlst es und man sieht das auch und es ist – wie ich finde – auch eine wichtige Kommunikation. Die Alternative ist dann einfach, dass alle in Jeans und T-Shirt zu Brauchtumsveranstaltungen kommen und dann nimmt das den ganzen Respekt weg. Bei dem Festgewand geht es auch um Respekt. Auch ein normaler Leistungsverdiener leistet sich eine Tracht. Einer von unseren Hausmeistern aus Bad Aussee hat eine Hirschlederhose und eine volle Festtracht aus seiner Heimat. Das hat er sich geleistet, weil es für ihn so einen großen Stellenwert hat. Wenn ein Fest ist, kann man sich aus Respekt vor den Menschen und aus Respekt vor dem Anlass und vor den Bräuchen in seine Festtagstracht schmeißen.

Kann sich denn überhaupt jeder Tracht leisten?

Ja. Bei der Tracht geht es nicht darum, die teuerste Tracht zu haben. Durch meine Arbeitsstelle vertrete ich das natürlich schlecht. Aber man muss trotzdem sagen, man kauft sich ja nicht 100 Dirndl. Du kaufst dir ein Festdirndl und wenn du Geld hast, kaufst du dir in fünf Jahren noch ein zweites. Tracht ist langlebig. Ich habe letztens von meinem Opa seine alte Lederhose gekriegt. Die ist 50 Jahre alt und ich liebe es sie anzuziehen. Die ist wie neu. Unabhängig vom persönlichem Interessenkonflikt empfehle ich jedem, dass er bei der Tracht was Hochwertiges nimmt. Einfach was einem gefällt, was gut ausschaut und was gute Qualität hat. Und das hat man dann auch 10 – 20 Jahre oder länger. Bevor man sich zehn Mal für 20€ ein T-Shirt kauft, kann man sich einmal für 200€ eine schöne Tracht kaufen. Dann hat man einfach was Gscheids.

Jetzt gibt es ja wirklich unfassbar günstige Tracht. Wenn Wiesn ist in München, werden Dirndl und Lederhosen aus Filz in Plastik verpackt und für 15€ verkauft. Zu Fasching verkleiden sich Leute mit „Tracht“. Was macht man dagegen?

Ganz schrecklich ist sowas, nur Plastik. Durch den Aufschwung der Volkskultur hat auch die Tracht einen Aufschwung erlebt. Viele Leute sehen die Tracht nicht als das, was sie ist, sondern als Kostüm. Sie sehen nicht, dass Tracht schön und hochwertig ist. Sondern sie sagen: Wenn Volksfest ist, muss man Tracht tragen, also kauf ich mir ein billiges Plastikdirndl, weil es wurscht ist. Es ist ja trotzdem Tracht. Nein, ist es nicht. Ich habe letztens gehört, dass Tracht schon in China, Indien und Afrika hergestellt werden. Wo bleibt die Tradition, wenn du dir ein Dirndl aus Afrika oder China kaufst?! Wenn die in einer riesigen Fabrik in Bangladesch dein Dirndl zusammenbasteln, damit man das für 19,99€ kaufen kann, das zeigt natürlich keine Wertschätzung. Und das ist genau das Problem, nicht nur bei der Tracht. Das ist wie bei den Lebensmitteln. Man sagt, die Milch ist so teuer, aber durch billige Milch schädigt man unseren Bauern. Man meint, bloß, weil es ein paar Cent oder ein paar Euro teurer ist, geht das nicht. Aber wirklich weh tut es dem Bauer, weil er nicht mehr leben kann. Genauso ist es bei der Tracht. Wenn man lieber sein Dirndl made in China hat, dann viel Spaß. Aber wenn du eine regionale Produktion unterstützen möchtest, dass auch eine Wertigkeit, Tradition und Beständigkeit hat und wo auch Können eingearbeitet ist, dann muss man es auch wirklich bei jemandem kaufen, der es kann.

“Wo bleibt die Tradition, wenn du dir ein Dirndl aus Afrika oder China kaufst?

Was vielleicht etwas untergeht, aber doch omnipräsent ist, ist die Sprache, der Dialekt. Der gehört doch auch zur Tradition, oder?

Auf jeden Fall. Ich zum Beispiel spreche fast keinen Dialekt. Ich bin in Salzburg Stadt aufgewachsen, wobei, meine Großmutter ist aus Kärnten und hat einen merkbaren Kärntner Dialekt. Mein Opa kommt aus dem Lungau. Die Tracht ist wie der Dialekt regional spezifisch und etwas Wichtiges. Die Sprache ist unser wertvollstes Kulturgut. Mit den Anglizismen ist es so, dass die Mundart auch oft verloren geht. In der Schule bei der Matura sagt man „Ach du, hochdeutsch reden.“ Und wenn man vom Land in die Stadt zieht wird einem oft das Gefühl gegeben, dass man aus einer niedrigeren Gesellschaftsschicht ist, weil man Mundart redet. Das ist der größte Blödsinn, den es überhaupt gibt. Dass man von Anfang an Leute aufgrund von Mundart diskriminiert oder in eine gesellschaftliche Klasse einstuft, ist Blödsinn. Die Mundart entwickelt sich ja auch in den Regionen weiter. Auch durch das Wiedergeben. Das Wiedergeben von Generation zu Generation geht langsam bei uns verloren. Das ist sehr schade.

Man hat ja teilweise die Entwicklung, dass die Leute sagen „Um Gottes Willen, sobald ich in der Wirtschaft oder sonst wo bin, muss ich meinen Dialekt ablegen“. Wie eine dreckige Wäsche, die man waschen muss. Bloß, damit man erst genommen wird. Wie stehst du dazu?

Ich finde, man sollte mit erhobenem Haupte in die Firma gehen. Und wenn Donnerstag ist und man seine Lederhose anziehen will, dann soll man sie auch in der Firma anziehen. Wenn man ein seriöses Trachtensakko anzieht, Mundart redet und während der Arbeit leise Volksmusik im Hintergrund hört, dann sollte man sich nicht schämen. Ich glaube auch, dass es in der Wirtschaft vielen Leuten helfen wird, wenn sie das Selbstbewusstsein haben und zu ihrer Tradition und Herkunft stehen. Wenn sich die Leute dazu genötigt fühlen etwas abzugeben, weil sie das Gefühl haben „Da könnten ja die Leute etwas Falsches denken“, dann gute Nacht. Es ist wie mit diesen politischen Vorurteilen, dass Volkskultur oft einer politischen Strömung zugeschrieben wird. Das finde ich falsch. Man macht das einfach, weil man dazu steht und man sollte sich nicht von irgendwem irgendetwas einreden. Das ist auch eine Botschaft, die man den Kindern sagen muss. Wenn man in den Schulen mehr singen würde, gerade Volksmusik, dann wäre das gut. Es ist schön, dass bei uns Handarbeit noch etwas wert ist, dass sie bei uns hergestellt und bei uns getragen wird. Wir sollten stolz auf unsere Traditionen sein und uns nicht vor Entwicklungen verschließen, vor allem neuen. Wir sollten weltoffen sein, aber auch heimatverbunden.

Österreich ist ja ein Land, das traditionell historisch multikulturell ist. Ein Land, wo Menschen aus vielen Regionen kommen und generationenübergreifend hier leben oder auch Menschen, die durch Wanderung hierhergekommen sind. Tradition ist offen, ganz unabhängig davon wie lange man schon in einem Land lebt. Sobald man wo aufwächst, kriegt man auch etwas von den Traditionen mit, oder?

Genau das ist es. Wir haben ja auch extrem viel Einflüsse aus anderen Kulturen. In Kärnten zum Beispiel hat man ja viel von der slowenischen Kultur. Zu sagen, das wäre unsere mitteleuropäische Kultur und dazu darf nichts dazu kommen, das ist falsch. Wir können ruhig hinsichtlich anderer Kulturen offen sein, solange wir nicht der anderen Kultur eine höhere Daseinsberechtigung geben als unserer eigenen. Es hat viele Einflüsse bei uns gegeben. Wir haben in unserer Tracht Einflüsse aus Ungarn und von den ungarischen Husaren und den tschechischen Ulanen, bei den Tresterern in Salzburg italienische Einflüsse. Die haben vom venezianischen Festgewand, welches am Hof des Dogen getragen wurde, viele Farb- und Stileinflüsse. Und so etwas findet man überall in der Tracht und in der Volksmusik wieder. Ein gutes Beispiel ist hier der Maxglaner Zigeunermarsch von Tobi Reiser. Er ist an einem Lager von Sinti und Roma vorbeigegangen und hat ein paar Klänge von Musikern gehört. Die haben ihm so gut gefallen, dass er die in sein Stück eingearbeitet hat. Genau das ist Volkskultur. Die ist lebendig und wandert und erdet dich in dem Ort, in dem du gerade bist. Deswegen ist es wichtig, dass man in dem Ort, wo man ist, eine Erdung erfahren kann und nicht sagt, dass es sowas bei sich nicht gibt.

 

durchgeführt von: Carolin Brandmaier und Alexander Speierle-Vidali

Wir bedanken uns bei Daniel Vereno für das Gespräch.

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