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Redaktioneller Hinweis: Das Gespräch wurde am 5. März geführt und einige Rahmenbedingungen gleichen heute nicht mehr der damaligen Ausgangslage.

Frau Herr, Sie sind mit 27 Jahren eine der jüngeren Abgeordneten im Nationalrat. In Ihrer politischen Karriere haben Sie mittlerweile aber schon viele Stufen durchlaufen. Von 2014 2020 waren Sie die Vorsitzende der Sozialistischen Jugend. Wie sind Sie zur Politik und vor allem zur Sozialdemokratie gekommen?

Politisch interessiert war ich sicher schon vor meiner Zeit in der Sozialistischen Jugend, vor allem an den ganz großen Fragen: Wieso kommen manche Kinder arm auf die Welt und manche reich? Wieso gibt es überhaupt Menschen, die hungern, in einer so reichen Welt? Wieso werden Männer anders behandelt als Frauen? All das sind Fragen, die ich einfach nicht verstanden habe.

Jemand aus meiner ehemaligen Klasse wollte mich damals zur Sozialistischen Jugend mitnehmen. Ich habe mich wirklich geziert, denn die SPÖ war überhaupt nicht die Partei, bei der ich dachte, dass ich dort einmal landen werde, vom Image her. Ich habe immer geglaubt, das sind nur so Pensionisten, und ich sah dort kein fortschrittliches Image mit meinen 16 Jahren. Dann bin ich aber auf ein Seminar der Sozialistischen Jugend mitgefahren und wusste, dort gehöre ich hin. Ich bin gleich am ersten Tag Mitglied geworden. Dort waren mehrere hundert junge Leute, die sich alle für diese großen Fragen interessiert haben. Die haben sich Zeit dafür genommen und sich dafür eingesetzt und angepackt. Seit damals bin ich mit dabei, es war die beste Entscheidung.

Gibt es politische Denker und Vorbilder, die Sie geprägt haben?

Auf alle Fälle, viele. Ganz aktuell prägt mich Bernie Sanders. Gerade ist auch der Film über Johanna Dohnal im Kino. Das war eine Frau, die jede sozialdemokratische Frau unglaublich prägt. Sie war trotz aller Widerstände erfolgreich. Solche Erfolgsgeschichten geben einem Kraft.

Wir haben schon gehört, dass das Umweltthema und Gleichberechtigungsfragen eine große Rolle für Sie spielen. Welche politischen Ziele verfolgen Sie langfristig?

Die Leute sind immer sehr überrascht, wenn ich das so sage, aber der Sozialismus ist das Ziel. Ich verstehe nicht ganz, wenn ich Vorsitzende der Sozialistischen Jugend war, wieso das für manche überraschend ist. Für uns geht es um eine klassenlose Gesellschaft und um eine Durchflutung aller Lebensbereiche mit Demokratie. Das sogenannte demokratische Wirtschaftssystem. Ich will keine Welt, in der eine kleine Gruppe an Menschen – eine Elite – das Wirtschaftssystem kontrolliert. Ich will, dass letztendlich jeder Mensch selbstbestimmt leben kann. Darauf arbeite ich hin! Jede Rede, jede Kampagne von mir zielt darauf ab. Es ist ein langer Weg, aber das Zitat von Che Guevara “Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“ trifft es sehr gut.

Blicken wir etwas zurück. In der Sozialdemokratie erleben wir seit vielen Jahren einen Umbruch. Es gab einen regen Austausch an der Führungsspitze, Wahlniederlagen sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene. Sie waren als Vorsitzende der SJ auch eigentlich immer an der Seite einer starken innerparteilichen Opposition. Wie empfinden Sie rückblickend diese Zeit?

Rückblickend auf die letzten Jahre steht bei mir nicht der SPÖ-Konflikt im Vordergrund, sondern andere Dinge. Ich sehe schon die ganzen Erfolge und bin stolz darauf. Aber natürlich ist es generell für die Sozialdemokratie in ganz Europa schwierig. Da muss man sich gut überlegen, wie man diesen Trend wieder umgekehrt. Ich glaube, dass das möglich ist. Ich wäre nicht bei der SPÖ, wenn ich nicht glauben würde, dass sie wieder zur bestimmenden Kraft werden kann.

Hat sich Ihre Einstellung gegenüber dem Kurs der Sozialdemokratie verändert?

Nein. Sicher lernt man dazu, ich bin jetzt zehn Jahre politisch aktiv. Aber in den grundlegenden Fragen nicht.

Anders gefragt: Hat sich Ihr eigener Kurs geändert, seit Besuch dieses Seminars?

Ich glaube nicht, dass ich fertig in meiner Entwicklung bin. Es gibt so viele politische Themen und Herausforderungen. Momentan bin ich Sprecherin für Umweltschutz. Ich glaube nicht, dass man von jungen Menschen, die politisch aktiv sind, erwarten soll, dass sie auf alles eine Antwort haben. Es ist wichtig, dass man wachsen kann. Was man einmal gesagt hat, muss und darf da nicht hundert Prozent bindend sein, dieser Fortschritt muss ermöglicht werden. Die Grundsätze, für die ich stehe, diese klassenlose Gesellschaft, das hat sich nicht verändert. Aber in der Art und Weise, wie man dorthin kommt, lernt man täglich Neues. Wie schaffe ich es Menschen zu überzeugen? Darin habe ich mich sicher weiterentwickelt. Auch, weil ich mittlerweile drei Wahlkämpfe geschlagen habe: den EU- und zwei  Nationalratswahlkämpfe. Dort lernt man wirklich viel, wenn man auf der Straße steht und versucht, die nächste Person, die aus der U-Bahn-Station kommt, zu überzeugen.

Bereits 2014 haben Sie gesagt, dass die SPÖ ein Glaubwürdigkeitsproblem hat, wie sehen Sie das heute?

Wir haben es immer noch. Der Fehler war, wir haben oft gute Forderungen gehabt und dann waren wir in einer Regierung mit der ÖVP und haben diese nicht umgesetzt. Wenn du deine zentralen Wahlversprechen in einer Regierung nicht umsetzen kannst, dann darfst du nicht in diese Regierung gehen. Sonst wirst du unglaubwürdig.

Jetzt sind wir in der Opposition. Da ist es natürlich schwieriger zu zeigen, dass man das was man fordert auch umsetzen will. Diese Möglichkeit hat man gerade nicht. Das heißt aber nicht, dass man nicht trotzdem die Menschen überzeugen kann. Wir müssen zeigen, dass wir unsere Forderungen auch selbst leben. Es geht um Kampagnenarbeit.

Was Bernie Sanders in den USA gezeigt hat, ist, dass man durch Kampagnen- und Überzeugungsarbeit und dergleichen die politische Situation in den USA verändern kann. Vor ein paar Jahren hat er ein Gesundheitssystem für alle gefordert. Die Leute haben gesagt, du verrückter Kommunist, bitte geh heim, dich braucht hier niemand. Jetzt, ein paar Jahre später, haben das sogar moderate Demokraten übernommen. Wieso sollten wir das nicht auch in Österreich schaffen? Zum Beispiel, wenn wir darüber reden, wie viel Arbeitszeit notwendig ist. Wenn wir das entschlossen und richtig machen, dann können wir natürlich breite Teile der Bevölkerung von der Notwendigkeit einer Arbeitszeitverkürzung überzeugen. Ich glaube, 30 Stunden in der Woche reichen. Das bestätigen auch viele Ökonomen. Wir werden immer produktiver und schaffen es, in kürzerer Zeit mehr zu produzieren. Es kann nicht sein, dass trotzdem die einen 40 Stunden arbeiten und Burnout-gefährdet sind, und die anderen arbeitslos sind.

Sie haben bereits Ihre Wahlkämpfe angesprochen, einerseits für den Nationalrat, und andererseits für die EU-Wahlen. Bei der EU-Wahl haben Sie rund 20.000 Vorzugsstimmen bekommen, das waren die sechstmeisten aller Kandidaten. Wo sehen Sie Ihre politische Zukunft? Geht es mehr in Richtung EU oder liegt Ihr Fokus auf nationaler Ebene?

Ich glaube, es gibt ein Ziel, und das muss man auf allen Ebenen, auf denen man aktiv ist, umsetzen. Sollte ich irgendwann einmal nicht mehr im Nationalrat sein, werde ich trotzdem eine politische Person bleiben. Du musst nicht im Nationalrat sitzen, um etwas zu verändern, auch nicht im EU-Parlament. Du kannst auch in der Gemeinde etwas weiterbringen. Seine Überzeugungen bringt man auf jeder Ebene, auf der man kann, gerne ein.

Was schon wichtig wäre, bezüglich EU – ich war im Zuge des EU-Wahlkampfs bei so vielen Schuldiskussionen. Wir haben über die EU, die Werteunion, das Friedensprojekt gesprochen. Darüber, dass das so wichtig ist, und dass wir für Solidarität stehen. Und jetzt geht alles gerade in Griechenland den Bach hinunter. Alles. Die Solidarität, das Friedensprojekt EU, das waren alles leere Worte, ganz offensichtlich. Jetzt setzen wir ganz einfach das Recht auf Asyl aus. Was sich da gerade abspielt ist ein Wahnsinn. Das heißt schon, dass du auch auf EU-Ebene handeln musst. Wir sehen zu, wie hier die Menschenwürde mit Füßen getreten wird, wie unschuldige Menschen mit Wasserwerfern abgeschossen werden, nur, weil sie versuchen sich in Sicherheit zu bringen. Das zeigt uns, dass wir die EU nicht den Opportunisten und Opportunistinnen überlassen dürfen. Diese kämpfen nur für ihre eigenen Profite, oder wofür auch immer sie stehen. Die haben nichts mit einem europäischen Projekt gemein, wo Menschenwürde, Friede und Solidarität zählen.

Ist es zurzeit vor allem auch deshalb schwierig, weil man aufgrund des Coronavirus leicht argumentieren kann, die Grenzen zu schließen?

Ja. Aber es ist alles eine Frage des politischen Willens. Es ist lächerlich. Das ganze Asylthema hätte man vor Jahren schon lösen können. Wenn ich mich an 2008 erinnere, als ich begann politisch aktiv zu sein, da war die Wirtschaftskrise. Die Bankenrettungspakete im Milliardenbereich, die damals geschnürt wurden, da ging es auf einmal. Es gab derart viele Krisengipfel und das Problem wurde extrem wichtig genommen. Nicht einmal einen Bruchteil dieser Aufmerksamkeit bekommt das Problem an der Grenze und nicht einmal einen Bruchteil des Geldes bekommen diese geflüchteten Menschen. Das ist eine Frage des politischen Willens und das wird es auch immer bleiben.

Was hat Österreich seit diesem Deal mit der Türkei gemacht? Jeder wusste, wie unsicher dieser ist, und dass Erdogan kein verlässlicher Partner für die Europäische Union ist. Trotzdem hat man sich darauf verlassen und ihm Geld zugeschoben. Dann hat man zwei Jahre lang zugesehen und jetzt erst merkt man, dass das vielleicht doch nicht so gut war. Einen Plan B hat man sich aber nicht überlegt. Politisches Versagen auf höchster Stufe.

Schauen wir noch einmal zurück auf die SPÖ. Diese befindet sich momentan in einer Krise. Nach mehreren Führungswechseln kämpft nun auch Pamela Rendi-Wagner offen um ihr Überleben als Parteichefin. Aus diesem Grund fordert Sie eine Abstimmung unter anderem über Ihre Position ein. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Wir sind schon einmal besser dagestanden. Das muss man ganz ehrlich sagen. Man sollte aufhören, das schönzureden. In Wirklichkeit muss man sich bei all jenen entschuldigen, die gerade die Vertretung der SPÖ brauchen würden, die eine kräftige Opposition brauchen würden. Liest man sich das Regierungsprogramm durch, Kapitel Arbeit, Kapitel Armutsbekämpfung, überall dort, wo die Sozialdemokratie stark ist, ist das Regierungsprogramm schwach. Ganz viele Menschen würden uns gerade brauchen und wir beschäftigen uns mit uns selbst. Wir müssen zu unseren Fehlern stehen, ich entschuldige mich dafür auch ganz oft bei Menschen, mit denen ich spreche. Mir ist das bei einer meiner ersten Sitzungen im Nationalrat bewusst geworden. Dabei ist über den Spitzenhöchststeuersatz von 55% abgestimmt worden. Es war kurz unklar, bleibt der oder bleibt der nicht? In der ersten oder zweiten Sitzung gab es eine Abstimmung darüber, ob Einkommensmillionäre einen erhöhten Steuersatz zahlen sollen. Auf einmal waren dann nur mehr wir dafür. ÖVP, FPÖ und die NEOS sowieso dagegen, auch die Grünen dagegen. Das ist ein Beispiel von vielen, wofür nur mehr die SPÖ steht. Wir müssen uns wirklich zusammenreißen, denn alle anderen Kräfte im Nationalrat werden sich nicht mehr für die Schwächsten in der Gesellschaft einsetzen. Ich bin mir sicher, einige grüne Abgeordnete wollen es, aber haben jetzt einfach eine schwierige Situation. Es wird an uns liegen.

Was würden Sie konkret zu Pamela Rendi-Wagner sagen?

Ich bin sehr neugierig, wie diese Befragung ausgeht. Was es eigentlich bräuchte, wäre eine Direktwahl. Die Frage „Soll die Parteivorsitzende bleiben oder nicht?“ ist eine schwierige Fragestellung für Parteimitglieder. Denn was ist die Alternative? Was ich wirklich einfordere, ist, dass ein jeder kandidieren kann, und dann soll jeder in einem Wettstreit der besten Ideen sein Programm vorliegen. So kann ich entscheiden, wen ich wähle. Das wollen wir eigentlich haben. In der derzeitigen Situation halte ich eine Befragung nicht für sinnvoll.

Denken Sie, dass Pamela Rendi-Wagner eine Zukunft als Parteivorsitzende hat?

Das ist eine schwierige Frage, weil sie gerade selbst das Parteienvotum gestellt hat. Es hängt einfach von dieser Befragung ab.

Aber selbst wenn sie gewinnt, wird die Situation dadurch leichter?

Ich bewerte eine gute Parteivorsitzende oder einen guten Parteivorsitzenden daran, wofür er steht. Ich glaube, es wird Zeit für Mut und Glaubwürdigkeit und die Interessensvertretung der arbeitenden Menschen. Das bedeutet für mich auch, dass man sich zu sagen traut, dass wir derzeit in einem Wirtschaftssystem leben, in dem eine kleine Gruppe Menschen immer mehr Vermögen anhäuft. Die breite Masse hingegen musste in Österreich in den letzten Jahren Verluste hinnehmen, wenn es um das Reallohneinkommen geht. Dieses stagniert in vielen Bereichen, gleichzeitig wird Wohnen immer teurer. Wir sehen, dass die derzeitige Art und Weise, wie wir wirtschaften, für einen Großteil der Menschen in Österreich einfach schlecht ist. Wenn wir den Mut nicht finden, das anzusprechen, dann ist man für mich nicht geeignet. Ich habe inhaltliche Anforderungen und mir geht es dabei weniger um Personen. Ich bin nicht wegen Werner Faymann, Christian Kern oder Pamela Rendi-Wagner in die Partei eingetreten. Ich bin hier, weil ich mich vor zehn Jahren auf einem Seminar der Sozialistischen Jugend in die Bewegung und ihre Ideale verliebt habe.

Um darauf weiter aufzubauen: Eigentlich kontinuierlich in den letzten Jahren ist immer wieder Hans Peter Doskozil von den Medien als potentieller Nachfolger für jegliche Parteivorsitzende genannt worden. Was halten Sie davon?

Also ich weiß, dass diese Fragen wirklich spannend sind, und dass sie die Medien gerne stellen. Aber die Debatte um Personen bringt uns nicht viel weiter. Man müsste sich überlegen, was das Ziel ist, auf das die Sozialdemokratie hinarbeitet. Wenn es dieses Ziel gibt, überlegt man sich, wer es glaubwürdig nach außen vertreten kann. Das ist mein Punkt. Ich weiß nicht, ob uns die aktuelle Debatte wirklich weiterbringt.

Die SPÖ ist eine ziemlich breit aufgestellte Partei. Es ist keine Partei, in der nur eine Meinung vertreten wird und diese dann nach außen geht. Das ist sozusagen das Hauptproblem, das man in den letzten Jahren sieht. Der Parteichef oder die Parteichefin kann aber dennoch eine gewisse Grundlinie vorgeben, wie sehen Sie das?

Es ist völlig absurd davon auszugehen, dass 200.000 Parteimitglieder immer dieselbe Meinung haben, aber natürlich gibt es Grundsätze.

Wie findet man dann eine Linie in der SPÖ, ohne dass es zu inneren Streitigkeiten kommt, die so stark auch nach außen getragen werden?

Wenn du jetzt im Parteipräsidium die Frage stellst, wie die Gesellschaft in 50 Jahren ausschauen soll, wenn wir eine absolute Alleinregierung hätten, weiß ich nicht, ob jede Person das gleiche sagen würde. Ich glaube, da gäbe es viele verschiedene Meinungen. Das ist das Problem. Wir müssen uns einigen, wo wir in 50 Jahren sein möchten. Solange das nicht gegeben ist, wird jede Parteivorsitzende und jeder Parteivorsitzende Schwierigkeiten haben. Das ist nichts, dass die Person alleine lösen kann, indem sie eine Linie vorgibt, der alle folgen. Das geht nur, indem wir uns intern einigen. Das ist kein Ding der Unmöglichkeit. Das hat die Sozialdemokratie jahrzehntelang geschafft, sie hat jahrzehntelang für eine gemeinsame Vision gekämpft. Bis in die 70er Jahre, wenn wir uns die Parteiprogramme anschauen, war es ein Ziel, alle Bereiche des Lebens mit Demokratie zu durchfluten und dieses Wirtschaftssystem umzubauen. Dann in den 80ern und 90ern hat man sich von diesem Weg entfernt – der sogenannte dritte Weg. Da sind einfach andere ideologische Schwerpunkte in den Mittelpunkt gerückt.

Heute wissen wir, das war ein Fehler. Die Frage ist, wohin geht der neue Weg? Solange wir das nicht ausdefiniert haben, wird es schwierig. Ich kann es für mich ausdefinieren. Jetzt geht es darum, dass wir uns als Partei einigen und da braucht es eine Person, die diese Einigung schafft. Wir haben alle viel mehr Dinge, die uns verbinden, als uns trennen. Hans Peter Doskozil und mich verbindet so viel mehr als uns trennt. Das ist kein Ding der Unmöglichkeit das zusammenzubringen. Vor allem angesichts der Gegner, die wir vor uns haben, ist das das Gebot der Zeit.

Würden Sie sich selbst diese Position zutrauen?

Naja. Also ich sehe diese Aufgabe der Nationalratsabgeordneten gerade wirklich als Herausforderung und will das gut schaffen. Darauf möchte ich mich konzentrieren. Ich habe auch den Vorsitz der SJ abgegeben, weil man nicht mit einem Hintern auf fünf Kirtagen tanzen sollte. Man sollte sich genau überlegen, wofür man seine Kraft einsetzt. Das ist für mich jetzt die Rolle der Umweltschutzsprecherin. Da ist viel zu tun und da sehe ich mich.

Wenn man näher auf die SPÖ schaut, etwa auf die Wahlen und die Wählerströme, sieht man Probleme an mehreren Fronten. Man hat eine klassische Arbeiterausrichtung, die so nicht mehr vorhanden ist. Von den wenigen, die noch aus dieser klassischen Arbeitergruppe übrig sind, hat man viele Abwanderungen in Kauf nehmen müssen, vor allem zur FPÖ. Man hat am linken Rand eine Abwanderung zu den Grünen, vor allem jetzt, wo sie Regierungsbeteiligung haben. Die Senioren, und vor allem jene, die in diese Gruppe nachkommen, wählen nicht unbedingt die SPÖ. Wird die SPÖ obsolet mit der Zeit?

Nein. „Diese Zielgruppe braucht dieses und jene Zielgruppe jenes und bei den Pensionisten ist jenes Themen beliebter und bei den anderen ist dieses Thema beliebter“ – es ist falsch sich Politik so anzunähern!  Wenn du die richtigen Themen hast, dann sprichst du einen 50-Jährigen Arbeiter an, der Angst hat, dass er aus dem Betrieb gedrängt wird, weil ihn viele junge Leute ersetzen können, und er teuer für das Unternehmen ist, und sich der Chef denkt, er holt sich einen 25-jährigen Studenten. Der hat Ängste am Arbeitsmarkt und spürt den Druck. Eine 22-jährige Soziologiestudentin, die auch nicht weiß, wie weit sie mit ihrem Studium kommt und sieht, wie prekär der Arbeitsmarkt ist und sich von unbezahlten hin zu schlecht bezahlten Praktika hantelt, hat ganz ähnliche Sorgen und fühlt sich wahrscheinlich von ganz ähnlichen Themen angesprochen. Es gibt Themen wie etwa das Recht auf einen Arbeitsplatz, an dem man sich einbringen kann, das Recht auf leistbares Wohnen, das Recht auf eine intakte Umwelt, die wir alle teilen und wo man viele verschiedene Zielgruppen abholen kann. Davon bin ich überzeugt.

Wenn es nicht die Themen sind, ist es dann die Darstellung der Themen und die Glaubwürdigkeit, an der es scheitert?

Ja, ich glaube schon. Martin Grubinger hat eine Kolumne in der Salzburger Kronen Zeitung. Letztens hat er davon geschrieben, wie er bei seiner Frisörin war und sie haben über die Wahlen gesprochen. Die Frisörin hat sich über einige Dinge beklagt und er meinte, es gäbe eine Partei, die fordert 1.700 Euro Mindestlohn. Wäre das nichts für dich? Sie hat gefragt, wer? Und er meinte, die SPÖ. Daraufhin meinte sie, sie hat gar nicht gewusst, dass die für den Mindestlohn kämpfen und wenn, dann vertraut sie denen nicht. Das ist bildhaft für unsere aktuelle Situation. Wir haben viele gute Forderungen und wenn ich mit Menschen spreche, sagen sie mir, die SPÖ hat eh recht. Aber erstens, wieso habt ihr es noch nicht umgesetzt und zweitens, davon redet ihr schon so lange. Drittens, kann man euch das überhaupt glauben? Das Problem ist nicht, dass jemand keine 1.700 Euro Mindestlohn verdienen möchte, oder, dass jemand gegen flächendeckende Kindergärten oder eine gerechte Vermögensverteilung ist. Ich habe noch nie gehört, dass jemand sagt, bitte nehmt dem armen Millionären nichts weg. Es sei denn es geht gerade ein NEOS Wähler vorbei. Es sind immer andere Punkte, die einem entgegenkommen.

Die SPÖ steht mit ihren Problemen in Europa nicht alleine da. Auch der Blick nach Deutschland zeigt ein ähnlich betrübendes Bild für die Sozialdemokratie. Sehen Sie hier transnationale Zusammenhänge?

Sicher. Aber natürlich gibt es auch Länder, in denen sozialdemokratische oder linke Parteien Wahlen gewinnen. Die Situation, die wir in Österreich gehabt haben, dass man jahrelang in einer Koalition mit den Konservativen war, war kein österreichisches Phänomen. Das hat es in den 2000er Jahren fast flächendeckend gegeben. Man hat gesehen, dass diese Konstellation nicht gereicht hat. Man hat sich nie auf die großen fortschrittlichen Dinge geeinigt, bloß immer nur das schlimmste verhindert. Christian Kern hat als er neu war, gesagt: “Menschen brennen nicht für Kompromisse, sie brennen für Grundsätze und Haltungen!“ Das stimmt. Ganz offensichtlich hat die Idee, dass Konservative und Sozialdemokraten gemeinsam den Staat bauen, in der Form nicht funktioniert. Da war zu wenig wirkliche Veränderung spürbar. Es war zu sehr verwalten und zu wenig gestalten. Jetzt sind wir in einer Situation, wo wir sehen, dass sich die Konservativen mit Rechtsextremen zusammentun. Die Konstellation Schwarz-Blau war kein Einzelfall, sondern findet auch in ganz Europa statt. Wenn du dir die Schlagzeilen der Krone und Boulevardblätter in anderen Ländern anschaust, sind diese fast ident. Die Debatte, die wir führen, führen wir in ganz Europa. Wir müssen jetzt alle gemeinsam daraus lernen. Was heißt das jetzt? Ich glaube, das heißt, für neue Mehrheitsverhältnisse zu kämpfen und nicht sich kurzfristig zu überlegen, wie man es wieder in die Regierung schafft. Wir gehen erst wieder dann in Verantwortung, wenn wir andere Mehrheitsverhältnisse haben. Für Österreich heißt das eine Regierung ohne ÖVP und ohne FPÖ. Das ist ein wirklich großes Ziel, aber, wenn man sich selbst keine großen Ziele zutraut, wie soll einem das die Bevölkerung abkaufen? Das brauchen wir, um wirklichen Fortschritt zu ermöglichen, um beispielsweise endlich etwas im Bildungssystem zu verändern. Wir haben ein Bildungssystem, das viele Kinder zurückhält, das ist schrecklich. Unsere Ziele und Veränderungen schaffen wir nicht mit der FPÖ oder der ÖVP. Das geht nicht, die sind strikt dagegen. Wenn wir wirtschaftspolitisch etwas ändern wollen, dann brauchen wir andere Mehrheitsverhältnisse. Daran müssen wir jetzt arbeiten. Und auch wenn das zehn Jahre dauert, das ist okay. Ich bin jung.

Wir bedanken uns bei Julia Herr für das Gespräch.

Lukas Bayer
In seinen Texten beschäftigt sich Lukas mit dem, was nötig ist. Idealisierte Weltvorstellungen sind ihm dabei genauso fremd wie Quantenphysik und die Stringtheorie. Es geht stets darum, das Mögliche darzulegen. In seinem Masterstudium Global Studies in Graz beschäftigt er sich vor allem mit ökonomischen und umweltspezifischen Themen.

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