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Wie unethisch darf Außenpolitik sein?

Der aus Deutschland stammende Politikwissenschaftler und Diplomat mit jüdischen Wurzeln gilt als einer der prägendsten Vertreter der offensiven Realpolitik und des Pragmatismus. Als Schwergewicht unter den Diplomaten, der nach Beendigung des Vietnamkriegs den Friedensnobelpreis erhielt, wird die Diplomatenikone gleichermaßen geliebt und gehasst. Als Machiavellist des ersten Schlags verstand Kissinger wie kein anderer die Rolle und Notwendigkeit der Macht in der internationalen Politik – die Priorisierung der Staatsinteressen über Werte und Ethik. Er selbst bediente sich in seiner persönlichen Karriere unterschiedlichster Mittel, um an Machtpositionen zu gelangen. Ideologisch wurde Kissinger stark von Politikern und Philosophen wie etwa Metternich, Bismarck oder Machiavelli beeinflusst.

Als Realpolitiker richtete sich Kissinger weniger stark nach Werten, wenn es um Verbündete ging, sondern vorrangig nach Nationalinteressen […]

In die Zeit von Henry Kissinger lassen sich die Entspannungspolitik zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, die Roadmap zwischen Israel und Palästina und die Beendigung des Vietnamkrieges einordnen. Die vom Pragmatismus und Realismus geprägte Außenpolitik mag auf einige opportunistisch und unethisch wirken, hatte aber ein klares Fundament. Als Realpolitiker richtete sich Kissinger weniger stark nach Werten, wenn es um Verbündete ging, sondern vorrangig nach Nationalinteressen, die letzten Endes für das Gleichgewicht der Großmächte ausschlaggebend waren. Er befürwortete das bipolare System mit den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion und war mitverantwortlich für die Entspannungspolitik. Gleichzeitig erkannte er die Gefahr durch China und formulierte die außenpolitische Vision sinngemäß wie folgt: Das Verhältnis zwischen der Sowjetunion und China muss im Schnitt schlechter sein als das Verhältnis zwischen Sowjetunion und China mit den Vereinigten Staaten im Einzelnen.

Stark kritisiert wurde und wird Kissinger aufgrund der Unterstützung einzelner autoritärer Machthaber wie etwa Pinochet, oder die mehr oder weniger bewusste Inkaufnahme der Opfer im Vietnamkrieg. Ihm werden auch Intrigen, unethisches Verhalten und seine offensive Außenpolitik vorgeworfen. Charakteristisch für Kissinger war das Taktieren, das Ausspielen einzelner Parteien gegeneinander. Ob das moralisch verwerflich ist? Gut möglich. Dennoch sind all das Instrumente, denen sich Politiker – vor allem amerikanische Außenpolitiker – vor und nach ihm bedient haben. Die alleinige Zuspitzung auf Henry Kissinger hat keine argumentative Grundlage. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich nicht, dass sein Handeln und das Handeln vieler Diplomaten seines Schlags moralisch gerechtfertigt sind. Man könnte argumentieren, dass man kleineres Übel in Kauf nehmen muss, wenn man größeres Übel verhindern will. So würde vermutlich Henry Kissinger argumentieren.

Fest steht, dass kein anderer US-Außenminister je so polarisierend gewirkt hat wie Henry Kissinger. Während ihn einige offen als Kriegsverbrecher bezeichneten, sahen andere in ihm den besten amerikanischen Außenminister. Auch heute noch gehen die Meinungen stark auseinander: Ist der Nobelpreisträger ein Architekt des Friedens oder ein zynischer Kriegsverbrecher?

Während in den letzten Jahren verstärkt die negative Kritik im Vordergrund steht, muss man eines festhalten: Henry Kissinger hat seine außenpolitischen Funktionen, unabhängig davon, ob als Berater oder Außenminister, in einer Phase des Kalten Krieges, des Wettrüstens und der Eskalation im Nahen Osten ausgeübt. Auf Henry Kissinger, Befürworter der „balance of power“-Theorie und Strategie, ist die Abrüstungspolitik zwischen den USA und der Sowjetunion zurückzuführen. Ebenso war er maßgeblich für die von ihm geprägte „shuttled diplomacy“ im Nahen Osten verantwortlich – d.h. das Vermitteln zwischen verfeindeten Parteien durch das ständige Hin- und Herreisen zwischen den Ländern. Vor allem im Jom-Kippur-Krieg, als die arabischen Staaten Israel nicht anerkannten, vollbrachte er eine diplomatische Meisterleistung. Die bis heute mehr oder minder stabilen Verhältnisse zwischen Jordanien und Israel, sowie zwischen Ägypten und Israel lassen sich auf die Vermittlung Henry Kissingers zurückführen.

Viele Jahre nachdem sich Kissinger aus der Außenpolitik zurückgezogen hat, gilt er auch heute noch als diplomatischer Kompass und einer der führenden Experten. Kissinger äußerte sich auch oft zu den aktuellen Konflikten unserer Zeit – wie etwa zur Ukrainekrise, wo er sich für eine bessere Balance aussprach, so wie es etwa bei Finnland der Fall ist. Die allgemeine Einmischung in den Jugoslawienkonflikt lehnte er genauso wie die Bezeichnung der Serben und Kroaten als Aggressoren ab.

Ungeachtet dessen, ob seine Leistungen oder seine „Fehler“ überwiegen, geht er als einer der einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts in die Geschichte ein.

Ein Genie der Diplomatie und Intrige, eine kontroverse Persönlichkeit, die Gegensätze vereinen konnte; einerseits bekannt für die offensive Außenpolitik der Stärke und gleichzeitig verantwortlich für die Abrüstungs- und Entspannungspolitik. Ein Machtpolitiker, der eng mit westlichen Diktatoren arbeitete und der Friedensvermittler im Nahen Osten war. Ungeachtet dessen, ob seine Leistungen oder seine „Fehler“ überwiegen, geht er als einer der einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts in die Geschichte ein. Die faszinierende Privatperson Henry Kissinger schaffte es als deutsch-jüdisches Flüchtlingskind nicht nur, den Bildungsolymp in den Vereinigten Staaten zu erklimmen, sondern auch zum Sinnbild der Realpolitik und zu einer Ikone der Diplomatie.

Konstantin Ghazaryan
Neben seiner Mitwirkung an der Interviewführung und -ausarbeitung, verfasst der Political Science MA-Student vor allem Analysen und Kommentare für die Bereiche der internationalen und europäischen Politik. Die Bereiche Sicherheitspolitik, Allianzen und Diplomatie gehören zu seinen Schwerpunkten.

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