0

Frau Dr. Spilker, Sie sind Professorin am Fachbereich Politikwissenschaften und Soziologie der Universität Salzburg und beschäftigen sich in Ihrer Forschung unter anderem mit den Folgen des Klimawandels. Vor kurzem wurde von EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen das Ziel ausgegeben, die EU-weiten Treibhausgasemissionen bis 2030 um 55 Prozent zu senken. Wie optimistisch sind Sie, dass man dieses Ziel erreichen wird?

Ich bin zum einen sehr positiv gestimmt, dass dem Klimawandel von der EU-Kommission dieser Stellenwert eingeräumt wird. Das Thema wurde viel zu lang viel zu stiefmütterlich behandelt. Man hat immer gedacht, wir hätten noch Zeit. Aber die Brände an der Westküste der USA illustrieren gerade erneut, dass wir keine Zeit mehr haben. Es ist schlicht extrem dringend, die Konsequenzen sind bereits da und sowohl gesellschaftlich als auch geographisch sehr ungleich verteilt. Auch das wussten wir schon immer.

Trotzdem bin ich eher skeptisch. Warum? Weil die Umsetzung dieses Ziels bedeutet, dass sich unsere Lebensweise, unsere Wirtschaft, die Art wie wir reisen und essen drastisch ändern muss. Vor allem in Industrie, Transport und Energie. Aus der politikwissenschaftlichen Forschung wissen wir, dass dies alles extrem gut organisierte Interessen sind. Hier wird seit Jahrzehnten wunderbar Lobbyarbeit betrieben. Daher wird es eine Herkulesaufgabe das durchzusetzen.

Sie selbst sind Mitglied von Scientists for Future. Wodurch unterscheidet sich Scientist for Future von Fridays for Future? Was kann man sich unter dieser Initiative vorstellen?

Die Fridays sind vor allem junge Menschen, die auf die Straße gehen, dieses Thema publik machen und politischen Druck erzeugen. Es gibt so viele gut organisierte Interessen, die gegen eine ambitionierte Klimapolitik agieren – von der Automobilindustrie über die Energieindustrie und so weiter. Auf der anderen Seite gibt es wenig organisierte Interessen, die für eine starke Klimapolitik Lobbyismus betreiben. Daher ist der öffentliche Druck so wichtig. Ich stehe extrem hinter Fridays vor Future.

Die Aufgabe der Scientists for Future ist ein bisschen anders. Auch wir gehen regelmäßig mit auf die Straße. Aber unsere Aufgabe besteht darin, den Fridays das Wissen mit an die Hand zu geben. Was ist momentan der wissenschaftliche Konsens? Worin besteht Uneinigkeit? Welche Punkte sind wichtiger und welche weniger? Wir sind sozusagen die wissenschaftliche Plattform und das Backup hinter Fridays for Future, damit deren Druck hoffentlich noch erfolgsversprechend sein kann.

Sind Sie selbst schon auf die Straße gegangen?

Ja, in Salzburg und in München.

Blicken wir auf Österreich: Hierzulande ist CO2 zu emittieren bis auf jene Emissionen, die im europäischen Emissionshandelssystem EU ETS bepreist sind, sozusagen gratis. ÖVP, SPÖ und FPÖ sprechen sich derzeit gegen eine CO2-Bepreisung aus, Grüne und NEOS hingegen sind dafür. Wie ist Ihre Haltung gegenüber einer nationalen CO2-Abgabe?

Wie Sie richtig gesagt haben, haben wir auf EU-Ebene den Emissionszertifikatehandel. In dem sind gewisse Teile der Industrie und die Energiewirtschaft abgedeckt. Aber es gibt Verbesserungspotential. Es werden hier gewisse freie Zertifikate ausgegeben, was natürlich bedeutet, dass die Einsparungen im CO2-Bereich deutlich höher ausfallen könnten, wenn man entweder weniger Zertifikate umsonst hergibt, oder den Cap1 reduziert.

Warum macht man das nicht? Weil man Angst hat, dass die europäische Wirtschaft nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Diese Sorge teilen auch die von Ihnen genannten Parteien. Wenn Österreich zusätzlich einen CO2-Preis einführt, ist die österreichische Wirtschaft womöglich weniger wettbewerbsfähig im Vergleich zu anderen Ländern. Das mag sein und ist ein wichtiges Argument. Allerdings stehen sich hier zwei Ziele gegenüber: Wie wichtig ist der Klimawandel und wie stark wollen wir etwas dagegen tun; und wie stark wollen wir die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit fördern? Bei der Migrationspolitik sehen wir dieses Dilemma auch gerade. Eigentlich weiß so gut wie jeder, dass es moralisch richtig wäre, die Flüchtlinge aufzunehmen, aber man wartet, bis auf europäischer Ebene etwas passiert.

Deutschland ist jetzt einmal vorangegangen. Dort gibt es ab nächstes Jahr einen CO2-Preis. Ich sehe für Österreich eigentlich keine große Alternative. Natürlich gibt es andere Möglichkeiten, beispielsweise, wenn man sich das Regierungsprogramm der ÖVP und den Grünen anschaut: Dass Ölheizungen ab einem gewissen Datum nicht mehr eingebaut werden dürfen etwa. Also Maßnahmen, dass man anstelle eines CO2-Preises gewisse Technologien verbieten, die zu viel emittieren. Oder andersrum: Ich subventioniere gewisse Technologien, beispielsweise erneuerbare Energien, und schaffe es auf diesem Weg.

Das Problem bei dieser Herangehensweise im Vergleich zu einem CO2-Preis ist, dass bei letzterem der Markt mitspielt. Implementiert in einem Cap-and-Trade System regelt der Markt, wo die Emissionen am besten reduziert werden. Allerdings öffne ich Tür und Tor für Lobbyarbeit, wenn ich einzelne Technologien regulieren will. Bei einem umfassenden CO2-Preis wären alle betroffen. Wenn man wirklich ernsthaft Klimapolitik betreiben möchte, braucht man eine CO2-Steuer zusätzlich zu vielen weiteren Maßnahmen.

Hier kommt jetzt aber auch noch mein Hintergrund mit hinein, ich bin auf internationale Politik spezialisiert: Eine Problematik, die wir bei diesem CO2-Preis einfach haben, besteht darin, dass die regulierte Wirtschaft im Vergleich zur Wirtschaft anderer Länder benachteiligt ist. Sprich, es besteht ein Potential für Carbon Leakage. Extrem CO2-intensive Produktion könnte entweder in Länder auswandern, in denen kein CO2-Preis vorhanden ist, oder sie wird dort intensiver ausgebaut und hierzulande geht die Wirtschaft zurück. Das möchte man keinesfalls. Da muss die EU vorangehen und nicht Österreich. Es braucht eine Idee, wie man diesen CO2-Preis über den passenden Zollsatz bekommt, Stichwort Carbon-Border-Adjustment (Grenzausgleichsmechanismus).

Extrem CO2-intensive Produktion könnte in Länder auswandern, in denen kein CO2-Preis vorhanden ist, und hierzulande geht die Wirtschaft zurück. Da muss die EU vorangehen und nicht Österreich. Es braucht eine Idee, wie man den CO2-Preis über den passenden Zollsatz bekommt.

Einer meiner Kollegen, Jeff Colgan von der Brown University argumentiert, wenn wir wirklich das Klimaproblem lösen möchten, brauchen wir einen Klimaclub, in dem die EU, China und USA drinnen sind. So ließe sich Carbon Leakage bei der CO2-Bepreisung vermeiden. Es wäre eine realistische Chance, das Paris Agreement einzuhalten. Aber ob dies politisch machbar ist, steht noch einmal auf einem anderen Blatt.

Wäre es demnach sinnvoller, anstelle Zeit und Ressourcen in nationale Initiativen zu stecken, das EU ETS zu verbessern und weitere Sektoren einzugliedern?

Das ist eine schwierige Frage. In einer idealen Welt sollte das auf EU-Ebene passieren, um auf dieser Ebene Carbon Leakage zu vermeiden. Ähnlich ist es ja auch in der Migrationspolitik. Natürlich wäre es besser, dafür eine EU-weite Lösung zu finden. Aber was machen wir bis dahin? Es ist auf EU-Ebene nicht einfach, etwa für Staaten wie Polen. Die haben eine extrem große Kohleindustrie und tun sich schwer damit, noch weiter zu gehen als ohnehin schon. Dennoch ist es sicher besser für den Klimaschutz, jetzt schon einmal voranzugehen und nachher auf EU-Ebene upzugraden als nichts zu machen. Wenn sogar Deutschland als deutlich größerer Staat, der wirtschaftlich auch mehr zu verlieren hat, hier vorangeht, warum dann nicht auch Österreich?

Ich möchte noch gerne etwas Anderes ansprechen: Ein CO2-Preis und ein face-out von alten Technologien sowie Subventionen für andere Technologien wird Gewinner und Verlierer generieren. Es wird Menschen geben, die entweder ihren Job komplett verlieren oder mehr für das Leben bezahlen werden müssen. Denen wird es ökonomisch schlechter gehen. Wir sehen das auch seit 20 bis 30 Jahren bei der Globalisierung. Unter anderem durch den Brexit und die Wahl von Donald Trump haben wir gesehen, dass zumindest in Teilen diese Prozesse dazu führen, dass Menschen extrem unzufrieden sind. Das ist verständlich. Diese Menschen wurden aber viel zu lang von der Politik ignoriert. Man muss diesen Verlierern Rechnung tragen, etwa durch neue Jobs oder Kompensation durch Sozialausgaben. Trump hat den ökonomischen Verlierern der Globalisierung eine Stimme gegeben. Dass er ihnen in seiner Politik keine Rechnung trägt, ist eine andere Sache. Die Frage ist, wo und wie finden die neue Jobs? Wie werden die Einnahmen durch den CO2-Preis wieder zurückgegeben? Wird es auf sozial verträgliche Art geschehen? Das ist ganz wichtig.

Natürlich ist das im Regierungsprogramm mit drinnen. Wie das ausgestaltet wird, wissen wir aber meines Wissens nach nicht. Das wird aber die Krux sein, in den nächsten fünf bis zehn Jahren Klimapolitik sozial verträglich zu gestalten. Für mich ist das eine Sache, die vielleicht bei der Rede von Kommissionspräsidentin von der Leyen etwas zu kurz kam. Die Nöte der Verlierer der Energiewende wurden nicht wirklich erwähnt. Aber man muss den Wind aus den Segeln der populistischen Parteien nehmen, die das sonst nachher aufgreifen würden. Im schlimmsten Fall hat man sonst extremere Proteste als die Gelbwestenproteste in Frankreich. All das will man nicht. Man möchte wirklich einen Transformationsprozess hin zu einer klimaneutralen Gesellschaft, der jede(n) mitnimmt und sozial verträglich passiert. Das ist meines Erachtens die größte Herausforderung der nächsten Jahre.

Steht die Politik hier nicht vor einem Dilemma? Entweder man verteilt die Einnahmen aus einer CO2-Steuer an die Haushalte, was sozial verträglicher wäre, aber die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft gefährdet. Oder aber umgekehrt, wodurch man zwar wettbewerbsfähiger wäre, aber eine große Kluft zwischen Arm und Reich riskiert.

Mit Sicherheit. Das ist ein großer Punkt. Der zweite ist natürlich, dass zwar neue Jobs durch klimafreundliche Alternativen entstehen werden, die sind aber nicht notwendigerweise vergleichbar mit jenen, die wegfallen. Die neuen Jobs erfordern völlig andere Ausbildungen und Skills. Solche Prozesse gehen nicht von jetzt auf nachher.

Ich würde gerne auf Ihren Forschungsschwerpunkt zu sprechen kommen. Sie beschäftigen sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf Migration und Konflikt. Einer Studie der Weltbank zufolge aus 2018 könnte es bis 2050 rund 140 Millionen Klimaflüchtlinge geben. Neuere Studien gehen von bis zu 200 Millionen aus, etwa die Vereinten Nationen. Zum Vergleich: 2019 waren knapp 80 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen. Was bedeuteten diese Zahlen für uns, aus gesamtgesellschaftlicher Sicht?

Das ist eine vielschichtige Frage, die ich gerne aufdröseln würde. Das erste ist, wir wissen, dass Umweltereignisse – vor allen Dingen Umweltdesaster – schon jetzt zu sehr viel Migration führen. Aber was ist Migration? Wenn wir an Migration denken, denken wir typischerweise an Menschen, die von einem Land ins andere ziehen. Hier in Europa denken wir sogar an Menschen, die hier nach Europa kommen. Bei Umweltveränderungen sehen wir, dass es deutlich wahrscheinlicher ist, dass Menschen ihre Landesgrenzen nicht überschreiten. Das heißt, ein Großteil findet intern statt – Binnenmigration. Ganz häufig betrifft es zudem eher Entwicklungsländer. Länder, die vom Wohlfahrtssystem und ihrer Kapazität her schon mit vielen Dingen zu kämpfen haben. Dort sehen wir eine Relokation von Menschen; typischerweise von ländlicheren Gebieten hin zu den größeren Städten. Also eine Zunahme von Urbanisierung.

Warum führen Umweltereignisse dazu? Wenn sich die Umwelt verändert, haben Menschen verschiedene Möglichkeiten damit umzugehen. Sie können versuchen, sich zu adaptieren. Das heißt, sie bleiben, wo sie sind, und versuchen etwa ihren Beruf zu wechseln oder ihre Lebensgewohnheiten zu ändern. Je nachdem, wie schlimm beispielsweise Dürren ausfallen, kann es sein, dass Menschen es wirklich schaffen sich zu adaptieren. Etwa durch resistentes Saatgut. Wenn nicht, gibt es verschiedene Möglichkeiten: Entweder sie migrieren als ganzer Haushalt, oder sie können Teile ihres Haushalts migrieren lassen. Beispielsweise werden häufig die Söhne der Familien in die nächste Stadt geschickt, verdienen dort Geld und schicken dieses zurück.

Mit Desastern bezeichnen wir etwa tropische Stürme, extreme Regenfälle, Überschwemmungen und dergleichen. Bei Desastern ist es häufig so, dass von heute auf morgen nichts mehr da ist. Dann bleibt den Betroffenen meist keine Wahl als zu migrieren und woanders hinzuziehen. Deswegen diese riesigen Zahlen, die Sie oben in Ihrer Frage genannt haben. Diese basieren natürlich auf unseren bisherigen Erfahrungen und Vorhersagen.

Aber was passiert, wenn über Jahre hinweg immer wieder eine Trockenperiode kommt? Ist die Person dann aufgrund von ökonomischen Ursachen oder aufgrund der Umwelt emigriert?

Schwierig in der Forschung ist die Klassifizierung von Umweltmigration. Wann flieht jemand aufgrund von Umweltveränderungen? Bei diesen extremen Desastern ist es noch halbwegs „einfach“. Wenn da ein Sturm kommt und die Häuser weg sind, dann ist der Effekt klar. Aber was passiert, wenn über Jahre hinweg immer wieder eine Trockenperiode kommt? Ist die Person dann aufgrund von ökonomischen Ursachen oder aufgrund der Umwelt emigriert? Wir würden aufgrund der Form wahrscheinlich sagen, wegen der Umwelt. Fragt man die Person aber, sagt die wahrscheinlich, sie konnte ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten. Das wäre dann der Definition nach ökonomische Migration. Es ist für uns extrem schwierig das auseinanderzuhalten. Deswegen sind die Zahlen ein bisschen mit Vorsicht zu genießen. Dieser zweite Typ von langsamen Veränderungen wird zahlenmäßig vielleicht sogar unterschätzt.

Wieso muss man zwischen ökonomischer Migration und Umweltmigration differenzieren?

Genau dann, wenn die unterschiedlichen Typen von Migranten unterschiedliche Konsequenzen mit sich bringen. Für eine stark urbanisierte Stadt macht es einen Unterschied, wer kommt und sich zu integrieren versucht. Der eine Typus hat vielleicht weniger Schwierigkeiten als der andere. Wenn jemand vor allen Dingen aus wirtschaftlichen Gründen in die Stadt zieht und hier seinen neuen Lebensunterhalt bestreiten will, dann kann das für die Stadt einfacher sein und zu weniger Konflikten führen. Wenn jedoch jemand kommt, dessen Dorf von einem tropischen Sturm zerstört wurde, aber nie die Intention hatte, hierher zu kommen, kann es natürlich sein, dass es schwieriger wird hier eine neue Arbeitsstelle zu finden. Von daher ist es auch für materielle Implikationen wichtig.

Aus Sicht der Forschung ist die Unterscheidung wichtig, weil es in diesem Kontext zu Gewalt kommen kann, wenn viele neue Menschen sich an einem neuen Ort ansiedeln. Wenn sie dann auch noch die Kapazitätsgrenzen eines Lebensraums sprengen, weil es nicht genügend Arbeitsplätze und zu wenig Ressourcen für alle gibt. Oder, weil sich eine ethnische Zusammensetzung einer Stadt ändert und dann dadurch beispielsweise ethnische Reibereien entstehen und gewalttätige Konflikte entstehen.

Hier ist es für uns wichtig zu verstehen, wie sich der Klimawandel, wenn er zu mehr Migration führt, von anderen Formen der Migration unterscheidet, und ob der Klimawandel als solcher noch zusätzlich das Konfliktrisiko erhöht.

Zusammengefasst verschärft der Klimawandel demnach bestehende Konflikte. Würde man hingegen die richtigen Maßnahmen setzen, ließen sich Zahlen zwischen 140 und 200 Millionen Klimaflüchtlinge deutlich reduzieren. Die Frage ist, wie sehr und mit welchen Maßnahmen?

Die meisten Leute würden ja gerne dortbleiben, wo sie bisher leben, wir nennen das im Fachjargon „place attachment“, und haben es durch die Klimaveränderungen einfach nur wahnsinnig schwer sich zu adaptieren. In diesen Fällen ist es natürlich so, dass man diese Menschen unterstützen kann, soll und muss. Es gibt hier Programme von verschiedenen internationalen Organisationen, beispielsweise der Weltbank. Angefangen von dürreresistenten Saatgut bis hin zu Bewässerungssystemen wird geschaut, wie die auf den Klimawandel angepasst werden können. Wie kann man Häuser resistenter bauen? Küstenmanagement und Frühwarnsysteme für tropische Stürme sind weitere Beispiele. Hier kann und muss man natürlich deutlich mehr machen. Adaptionsmöglichkeiten und Frühwarnung, damit die Menschen mit den veränderten Bedingungen deutlich besser leben können.

Zu ganz großen Teilen sind das natürlich Staaten, die schon bisher Kapazitätsprobleme hatten. Nicht nur in der Technologie, sondern auch in der Verwaltung, Organisation und in der Bürokratie. Hier sind internationale Organisationen wie die Weltbank, die FAO2 und auch die EU gefragt. Die tun zwar schon einiges, aber man kann hier sicher noch deutlich mehr tun.

Bedeutet das, dass die Menschen dann unbedingt an ihrem Ort bleiben? Das ist ganz schwer zu sagen. Ab und zu ist es auch so, dass Menschen, die eigentlich gerne weggehen würden und bisher nicht konnten, dann durch stärkere Hilfen eher dazu veranlasst werden, doch noch zu migrieren. In der Forschung bezeichnen wir diese Menschen als „Trapped Population“. Also Menschen, die zu arm sind und keine Möglichkeiten haben wegzugehen.

Eingangs haben Sie bereits die Waldbrände an der Westküste der USA erwähnt. In diesen Gebieten mussten viele Bewohner ihre zerstörten Siedlungen verlassen. Umweltfolgen wie Waldbrände, der Anstieg des Meeresspiegels und extreme Wetterereignisse führen vor allem zu einem Anstieg der Binnenmigration. Diese war in der EU im letzten Jahr so hoch wie noch nie, wobei der Klimawandel natürlich nur einer von vielen Faktoren ist. Wird es in der EU verstärkt Migration aus dem Süden in den weniger durch den Klimawandel betroffenen Norden geben?

Wir werden sicherlich Migrationsbewegungen innerhalb der EU sehen, die auf Umweltveränderungen zurückzuführen sind. Wahrscheinlich werden wir ein Nord-Süd-Gefälle haben, aber das ist zu einfach gedacht. Wir haben innerhalb der Länder unterschiedliche Auswirkungen. Es gibt in Ländern wie Spanien, Frankreich, Deutschland und dergleichen Regionen, die sind jetzt schon stark von Dürreperioden betroffen. In Österreich gab es vor ein paar Wochen in gewissen Regionen extreme Überflutungen. Davon werden wir in Zukunft häufiger betroffen sein. Die Frage ist, wie sehr kann man sich adaptieren? Österreich wird zu gewissen Teilen diese Überschwemmungen umgehen können. Aber aus anderen Regionen werden Menschen emigrieren.

Hier ist aber so – wie bei der Migration allgemein – dass die Menschen etwas haben, das wir „Place-Attachment“ nennen. Meistens gibt es einen Grund, warum wir dort leben wo wir leben. Wir sind mit unserem Heimatort aufgrund von Sprache, Kultur, Netzwerken wie Familie, Freunde und Arbeit und dergleichen verbunden. Sprich, die meisten Menschen werden eher lokal migrieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus dem Süden Italiens unbedingt nach Österreich migriert, ist gering. Diese Person wird sich eher innerhalb Italiens einen neuen Wohnort sichern, weil dort Sprache, Kultur und dergleichen passt. Ich erwarte, dass die Binnenmigration nicht komplett über die EU-Grenzen hinweggehen wird, sondern tendenziell erstmal innerhalb der jeweiligen Länder zunehmen wird.

Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus dem Süden Italiens unbedingt nach Österreich migriert, ist gering. Diese Person wird sich eher innerhalb Italiens einen neuen Wohnort sichern, weil dort Sprache, Kultur und dergleichen passt.

Umweltveränderungen sind anders als Arbeitsmarktveränderungen und politische Veränderungen. Arbeitsmarktveränderungen gibt es natürlich auch regional. Aber vermutlich – etwa bei der Finanzkrise – trifft es trotzdem manche Länder härter. Wenn ein komplettes Land betroffen ist und die Jobs nicht mehr da sind, ist der Druck in ein anderes Land zu ziehen noch einmal größer als bei Umweltveränderungen, die häufig viel lokaler stattfinden. Politische Veränderungen sind genauso. Ich bin mit dem politischen System des Landes unzufrieden. Dann bliebt mir häufig nichts Anderes übrig als das Land zu verlassen.

Gibt es abschließend noch etwas, dass Sie uns gerne mitgeben möchten?

Wir haben jetzt viel darüber gesprochen, wie sich Umweltveränderungen auswirken werden, und dass wir dann wahrscheinlich deutlich mehr Migration sehen. Meine Forschung findet sehr stark in Entwicklungsländern statt. Ich finde die unterschiedliche Wahrnehmung gegenüber Menschen, die aufgrund von Klimaveränderungen migrieren, sehr spannend. Es ist faszinierend, dass wir in Europa Migranten dann als legitim ansehen, wenn diese notleidend sind. Sprich, wenn jemand aufgrund von Konflikten aus dem Heimatland vertrieben wurde.

Die betroffenen Menschen können nichts dafür, dass sich die Umwelt verändert. Ganz im Gegenteil; es sind meist wir, die daran schuld sind, dass sich deren Umwelt verändert.

Die betroffenen Menschen können nichts dafür, dass sich die Umwelt verändert. Ganz im Gegenteil; es sind meist wir, die daran schuld sind, dass sich deren Umwelt verändert. Die Mehrheit der Bevölkerung in den EU-Ländern steht dem Typ „Klimaflüchtling“ eher positiv gegenüber. Denn diese würden nichts für ihr Schicksal können.

In den Entwicklungsländern, in denen ich meine Umfragen gemacht habe, stehen die Befragten diesen Menschen nicht notwendigerweise schlechter gegenüber. Allerdings herrscht hier auch noch die Idee, dass es ein legitimer Grund ist den Ort zu wechseln, um die Lebensumstände zu verbessern. Sprich, die Idee der Wirtschaftsmigration. Die Perspektive, dass Wirtschaftsmigration eher etwas nicht so positives ist, ist eine europäische. In den von mir untersuchten Ländern werden diese Menschen als etwas Positives gesehen. Die wollen ihr Schicksal ändern und etwas dagegen tun.

In keinem Fall möchte ich, dass wir die Klimamigration negativ beurteilen. Ganz und gar nicht. Der Unterschied zwischen Klima- und Wirtschaftsflüchtling ist schwer auseinanderzuklamüsern. Vielleicht auch deshalb möchte ich appellieren, dass man auch diesen Migranten positiver gegenübersteht. Auch gegenüber Wirtschaftsmigranten. Denn auch hier könnten Umweltgründe mithineinspielen. Die Menschen verdienen es stärker und positiver wahrgenommen zu werden.

Wir bedanken uns bei Gabriele Spilker für das Gespräch.

Titelbild: Andreas Kolarik


  1. Ein Cap im Cap-and-Trade System ist eine Art Deckel und steht für die maximale Anzahl an verfügbaren Zertifikaten
  2. Food and Agricultur Organisation
Nikola Milenović
Als Student in den Fächern Geschichte und PPÖ ist Nikola bei uns als Interviewer tätig. Ebenso bringt er Erfahrung aus diversen Rhetorik Seminaren mit und ist auch bei der Ideenfindung involviert.

    Klima und Moria: Festung Europa mit grünem Anstrich?

    Vorheriger Artikel

    US-Wahlen: Strategische TV-Debatten um den heißen Brei?

    Nächster Artikel

    Kommentare

    Antworten

    Dir könnte auch gefallen

    Mehr aus Politik